Zum Inhalt springen

Festgehalten in Abu Dhabi «Wir wurden zu Geständnissen gezwungen»

Serge Enderlin sollte für das Westschweizer Fernsehen über die Louvre-Eröffnung berichten. Doch es kam anders. Der RTS-Journalist über seine Festnahme und das absurde Verhör in Abu Dhabi.

Porträtaufnahme Enderlins.
Legende: Serge Enderlin arbeitet seit 2008 als Reporter für das Westschweizer Fernsehen RTS. RTS

SRF News: Wie wurden Sie verhaftet?

Serge Enderlin: Wir wurden festgenommen, als wir auf einem Markt in einem Quartier ausserhalb von Abu Dhabi filmten. Dort leben vor allem Arbeitsmigranten aus Indien, Pakistan und Bangladesch. Wir wollten schlicht die Lebenswelt dieser Leute zeigen – eine Lebenswelt, die sich deutlich unterscheidet vom Bild, das die Vereinigten Arabischen Emirate normalerweise von sich zeigen. Wir wurden festgenommen, weil wir keine Drehbewilligung hatten. Zuerst kamen wir auf einen lokalen Polizeiposten, dann wurden wir in ein Untersuchungszentrum der Inlandgeheimdienste überführt.

Und dort hat man sie und ihren Kameramann getrennt und separat befragt. Wie ist das abgelaufen?

Wir wurden sofort getrennt. Ich kam in einen fensterlosen Raum: Ich auf einem Stuhl, mir gegenüber mehrere Personen, die mich während Stunden befragt haben. Die erste Befragungsrunde, zum Beispiel dauerte von sieben Uhr abends bis fünf Uhr morgens.

Ein Arbeitsmigrant putzt den Fuss einer Säule im Atrium einer Moschee.
Legende: Die Realität abseits des schönen Scheins: In den Emiraten ein vermeintliches Tabu für westliche Journalisten. Getty Images

Was hat man ihnen vorgeworfen?

Der Hauptgrund für unsere Verhaftung war: Dieses Land will nicht, dass man irgendetwas anderes von ihm zeigt als ein Wunder mit hohen Türmen und spektakulären Museen wie dem Louvre. Die andere Realität, jene der Arbeitsmigranten, die dieses Land für schlechte Löhne bauen, die will man nicht zeigen – schon gar nicht im Westen, wo die meisten Touristen herkommen. Uns hat man vorgeworfen, dass wir uns dafür interessierten und ohne Bewilligung gefilmt haben.

Die erste Befragungsrunde, zum Beispiel dauerte von sieben Uhr abends bis fünf Uhr morgens.

Während der Befragung sind drei weitere, teils abstruse Verdächtigungen aufgetaucht: Zuerst wir seien katharische Agenten, danach wir seien iranische Agenten und zuletzt wir arbeiteten für Human Rights Watch. Diese Menschenrechtsorganisation hat in den letzten zehn Jahren den Missbrauch von Arbeitsmigranten in den Ländern am Golf dokumentiert.

Und man hat sie offenbar gezwungen, Geständnisse abzulegen?

Ja. Nach der Befragung hat man uns einen arabischen Text vorgelegt, den wir unterschreiben mussten, ohne auch nur ein Wort zu verstehen. Man hat zudem Videos von uns gemacht. Wir mussten vor der Kamera auf Englisch erklärten, wir hätten ein Verbrechen begangen. Wir hätten gefilmt, um das Land in einem schlechten Licht zu zeigen. Wir mussten zudem gestehen, dass wir ohne gültige Bewilligung Leute auf dem Markt und auf Baustellen gefilmt hatten.

Wir mussten vor der Kamera auf Englisch erklärten, wir hätten gefilmt, um das Land in einem schlechten Licht zu zeigen.

Das Ganze hat 50 Stunden gedauert. Was ist ihnen da durch den Kopf gegangen?

Zu Beginn blieben wir beide sehr ruhig. Wir haben beide viel Erfahrung in schwierigen Ländern und ähnliche Situationen schon früher erlebt. Das Neue war die Dauer. Und je länger das dauert, desto mehr fragen Sie sich: Wieso geht das so lange? Sind draussen bereits die Diplomaten am Werk, oder bin ich völlig von der Umwelt abgeschnitten? Wissen unsere Familien, wo wir sind? Immerhin konnten wir ihnen ganz zu Beginn der Festnahme noch melden, dass wir Probleme mit der Polizei haben. Es ging dann aber noch 24 Stunden bis unsere Nächsten erfuhren, was los war. Dann ging es aber schnell, und die Schweizer und die französische Botschaft begannen uns zu suchen.

Sie haben mir sämtliche Zugangsdaten für meine Google und Apple-Konten abgenommen. Das ist natürlich ein vollkommen skandalöses Verhalten gegenüber einem ausländischen Medienvertreter.

Heisst das, es ist den Diplomaten zu verdanken, dass sie schliesslich frei gekommen und auf den Flughafen gebracht worden sind?

Das kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Sicher aber ist: Die Beamten, die uns festhielten, haben von den Interventionen der Botschaften erfahren. Von diesem Zeitpunkt an wurde es für sie schwieriger, uns länger festzuhalten. Uns sagten sie aber nichts davon. Sie wollten uns weiter unter Druck setzen, um ein sogenanntes Geständnis aus uns herauszupressen. Neben dem arabischen Text, den wir unterschreiben mussten, und dem Video, das sie von uns machten, haben sie mir sämtliche meine Zugangsdaten für meine Google und Apple-Konten abgenommen. Das ist natürlich ein vollkommen skandalöses Verhalten gegenüber einem ausländischen Medienvertreter.

Das Gespräch führte Nicoletta Cimmino

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

15 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von M. Jaeger (jegerlein)
    Ja, der Schweizer will halt immer nur und vor allem die Schattenseiten kennenlernen. Sonnenseiten interessieren uns nicht so. Hat man beim Fussballspiel Schweiz Irland auch deutlich gesehen. Wir können uns ganz einfach über gar nichts mehr freuen; weil das Unrecht einfach überall gefunden und wenn nicht, verzweifelt gesucht wird.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Cherubina Müller (Fabrikarbeiterin)
    Sind es nicht gerade diese Journalisten welche sonst so positiv über die islamistischen "Rebellen" in der syrischen Provinz Idlib berichten, obwohl es dort keinen einzigen unabhängigen Journalisten gibt ? Es ist zu hoffen die Journalisten lernen etwas aus ihrer Naivität, sehen nun Saudi-Arabien, Qatar und die VAE etwas kritischer. TagesAnzeiger: "Die Granaten der Schweizer Ruag, welche in Syrien auftauchten, haben vermutlich den Weg über die Arabischen Emirate ins Bürgerkriegsland gefunden."
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von W. Pip (W. Pip)
    Lustig: Man wundert sich, warum man im Ausland verhaftet wird, wenn man über Schattenseiten berichten will, und wundert sich gleichzeitig, warum man im Inland in einer NoBillag-Diskussion abgewatscht wird, weil man es hier nicht tut...
    Ablehnen den Kommentar ablehnen