Flüchtlinge: Was Graubünden richtig macht

Die Schweiz tut sich schwer damit, vorläufig Aufgenommene in den Arbeitsmarkt zu integrieren. In Graubünden funktioniert das verhältnismässig gut. Die Gründe.

Eine Lehrerin steht in einem Raum, während die Schülerinnen an den Tischen sitzen

Bildlegende: Deutsch für Anfänger: Sprachkurs im kantonalen Integrationsbüro in Chur. Keystone

100 Prozent. So hoch sei die Quote der Flüchtlinge, die den – freiwilligen – Sprachkurs besuchen. Das sagt Patricia Ganter, Integrationsbeauftragte des Kantons Graubünden. Jeder einzelne Flüchtling und vorläufig Aufgenommene geht also in einen Deutschkurs? «Am Ende, ja.» Einige wollten am Anfang zwar lieber direkt eine Arbeit suchen. «Aber wenn sie merken, dass das ohne Sprachkenntnisse nicht funktioniert, sind sie nach drei Monaten wieder bei uns.»

Mit dem Sprachkurs alleine ist es zwar nicht getan. Der Kanton Graubünden gilt aber auch sonst als Vorzeigemodell, wenn es um die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt geht. So zeigt sich gerade bei den vorläufig Aufgenommenen, dass die Integration besser klappt als anderswo.

Im Dezember 2014 lag in Graubünden die Erwerbsquote bei vorläufig aufgenommenen Personen, die länger als sieben Jahre in der Schweiz sind, bei rund 60 Prozent. Das ist deutlich höher als der schweizerische Schnitt. Dieser liegt laut dem Staatssekretariat für Migration bei 26 Prozent.

Was aber macht Graubünden anders als andere Kantone? Die fünf zentralen Punkte.

  • Individuelle Betreuung

Für die Integration ist ein einziges Amt zuständig: die Fachstelle Integration. «Hier laufen alle Fäden zusammen», sagt Ganter. Innerhalb der Fachstelle hat jeder Flüchtling eine bestimmte Ansprechperson. So ist eine Person für die Sprache zuständig, eine weitere für die berufliche Integration. Diese Betreuer schauen sich mit dem Flüchtling zusammen an, was er für einen Hintergrund hat und wie gut sein Deutsch ist. Dann legen sie erste Ziele fest.

  • Sprachkurse für jedes Niveau

Es gibt Kurse für langsamere Teilnehmer und solche für schnellere. Kurse, die tagsüber stattfinden und Abendkurse für jene, die arbeiten. Es gibt Alphabetisierungskurse und Kurse für jene, die bereits ein wenig Deutsch können.

«Am Anfang machten wir den Fehler, alle Personen ohne Sprachkenntnisse in A1-Kurse zu schicken», sagt Ganter. «Dann haben wir realisiert, dass viele von ihnen Vorkurse brauchen, bis sie in den regulären Sprachkurs gehen können.»

  • Job-Coaches

Sobald ein Flüchtling das Deutsch-Niveau A2 erreicht hat und sich einigermassen verständigen kann, springen die Job-Coaches ein. Sie schauen sich an, was ein Flüchtling mitbringt an Qualifikationen und Arbeitserfahrung. Sie erklären den Flüchtlingen zudem, wie der Schweizer Arbeitsmarkt funktioniert und welche Stellen für ihn in Frage kommen. Gleichzeitig suchen sie Stellen oder Praktika und gehen mit Anfragen direkt auf Arbeitgeber zu.

  • Liberaler Arbeitsmarkt

«Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene können in allen Branchen arbeiten, und das von Anfang an», sagt Integrationsdelegierte Patricia Ganter. Der Kanton kennt keine Einschränkungen für vorläufige Aufgenommene im Arbeitsmarkt. Anderswo dürfen vorläufig Aufgenommene nur in bestimmten Bereichen wie der Gastronomie oder der Landwirtschaft arbeiten.

  • Hilfe beim Start ins Arbeitsleben

Oft besteht das Problem, dass ein Betrieb einen Flüchtling nach einem Praktikum gerne einstellen würde, der Flüchtling aber noch nicht die geforderte Leistung bringen kann. In diesem Fall kann die Fachstelle Integration währen einigen Monaten finanziell einspringen. Im Gegenzug verpflichtet sich der Arbeitgeber, die Person nach der vereinbarten Frist anzustellen.

Keine zusätzlichen Kosten

Politische Opposition gegen die Integrationsbemühungen gebe es keine, sagt Patricia Ganter: «Das Programm finanziert sich alleine aus den Integrationspauschalen des Bundes.» Pro Flüchtling und vorläufig aufgenommener Person zahlt der Bund einmalig eine Pauschale von 6000 Franken an die Kantone. Für den Kanton entstünden deshalb keine zusätzlichen Kosten.

Asylbewerber führen Gartenarbeiten auf dem Friedhof aus

Bildlegende: In Graubünden dürfen vorläufig Aufgenommene in allen Branchen arbeiten. Keystone

Ist das Bündner Modell also die Lösung der Zukunft? Bereits haben sich die Vertreter anderer Kantone nach Chur aufgemacht, um sich aus erster Hand zu informieren. «Natürlich kann man nicht einfach das System kopieren, das wir hier haben», räumt Ganter ein. Das sei aber auch nicht das Ziel. Vielmehr solle jeder Kanton jene Massnahmen herauspicken, die ins eigene System passen würden. «Schwyz und Glarus haben zum Beispiel neu die Stelle des Job-Coaches geschaffen.»

Auf der grünen Wiese

Ein Sonderfall war Graubünden auch, weil vor fünf Jahren noch gar keine Integrationsstrukturen bestanden haben. Die damals neu geschaffene Fachstelle Integration konnte – oder musste – also bei Null beginnen. «Auf der grünen Wiese zu starten, ist natürlich einfacher», sagt Ganter. Dazu kommt, dass der Kanton eine relativ überschaubare Anzahl Flüchtlinge beherbergt. «In Zürich oder Bern sind die Voraussetzungen anders», sagt auch Ganter.

Nur wenige arbeiten

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In der Schweiz hat nur ein Viertel aller vorläufig Aufgenommenen eine Arbeit. Nun machen sich die Kantone daran, das Problem anzupacken. Lesen Sie hier mehr dazu.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Wahlkampfthema Flüchtlinge

    Aus Tagesschau vom 10.8.2015

    Vor den eidgenössischen Wahlen dominiert die Flüchtlingsdebatte den Wahlkampf. Während die einen finden, es laufe alles gut im Asylwesen, poltern andere, die Flüchtlingspolitik sei zu lasch. Einschätzungen von Bundeshausredaktor Christoph Nufer.