Fragezeichen zum Antisemitismusbericht 2014

Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) zeigt sich alarmiert: Mehr und gravierendere antisemitische Vorfälle im Jahr 2014. Ein zweiter Blick auf die Untersuchung offenbart allerdings Zweifel an dieser Aussage.

Antisemitische Vorfälle in der Schweiz (2014) Von Januar bis Dezember 2014. Quelle: Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA) / SIG

Am 21. August 2014 hat sich bei einer Parkplatzzone im Zürcher Kreis 2 etwas Schlimmes zugetragen: Jemand hat mit Strassenkreide «Juden = Bää» geschrieben. Ein aufmerksamer Fussgänger hat davon ein Foto geschossen und dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund (SIG) Bericht erstattet.

Dieser Vorfall findet sich im Antisemitismusbericht 2014 wieder. Der SIG und die Stiftung GRA (Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus) tragen jedes Jahr antisemitische Vorfälle in der Deutschschweiz zusammen. Vergangenes Jahr wurden 66 Meldungen gemacht. Darunter auch der Zwischenfall vom 16. Juni: Eine Frau hört, wie ihr ein Töff-Fahrer «Drecksjüdin» nachruft. Diese Entgleisung kommt im Antisemitismusbericht in die Unterrubrik «Verbaler Antisemitismus».

Ein antisemitischer Vorfall pro 80'000 Schweizer

Beim Antisemitismusbericht 2014 geht es wie bei anderen Dateninformationen auch um die Sichtweise. Man könnte argumentieren, dass 66 Vorfälle wenig sind. In der Deutschschweiz leben knapp 5,3 Millionen Einwohner. Statistisch gesehen, haben sich also nur 0,001 Prozent der Deutschschweizer antisemitisch verhalten. Der SIG sieht dies anders. In seiner Medienmitteilung spricht er von einem «beunruhigendem Bild». In der Schweiz, so der Gemeindebund, seien mehr und gravierendere Vorfälle registriert worden.

Doch sind es wirklich mehr? Ein Grossteil davon erfolgte in den Sommermonaten. Zwischen dem 8. Juli und dem 26. August sind nach Uno-Angaben über 2100 Menschen während des Gaza-Konflikts umgekommen. Der SIG schreibt: «Dass während militärischer Eskalationen in Nahost die Zahl antisemitischer Vorfälle steigt, ist an sich nichts Neues.»

Dass militärische Grossaktionen heftige Reaktionen in der Bevölkerung auslösen, ist bekannt. Das lässt sich auch bei anderen Krisenherden beobachten, nicht nur im Nahost-Konflikt. Wenn der SIG also schreibt, dass es zu einem Zuwachs von antisemitischen Vorfällen gekommen sei, sollte man in der Messreihe diesen statistischen Ausreisser nicht berücksichtigen. Zumal viele Äusserungen, die der SIG unter «antisemitische Vorfälle» klassifiziert, juristisch wohl kaum zu ahnden sind.

Und tatsächlich: Untersucht man die 66 Vorfälle, stösst man auf 44 antisemitische Reaktionen, die im Zusammenhang mit der Militäroperation in Israel stehen. Es bleiben 22 übrig, die nichts mit der israelischen Politik zu tun haben. Somit hat der Antisemitismus eigentlich nicht zugenommen, denn bereits 2013 wurden 22 Vorfälle gemeldet (2012: 25).

«Judenfeindlichkeit stabil bis leicht rückläufig»

Zu diesem Resultat kommt auch die Forschungsstelle gfs.bern in ihrer grossangelegten Studie «Zusammenleben in der Schweiz 2010 - 2014»: «Judenfeindlichkeit ist in der Schweiz ein eher schwach ausgeprägtes Phänomen, die Werte hierzu sind stabil bis leicht rückläufig.»

Auf Anfrage von SRF News Online weist der SIG darauf hin, dass es sich bei der Zusammenstellung der Vorfälle nicht um eine wissenschaftliche Studie handle. Daher dürfe man auch keine wissenschaftliche Masstäbe anlegen.

Senderbezug: SRF 4 News 15:00 Uhr (19. März)