Frauen erobern Männerdomäne Landwirtschaft

Junge Frauen sehen sich vermehrt weniger in der traditionellen Bäuerinnenrolle. Immer mehr Frauen lassen sich zur Landwirtin ausbilden und wollen Verantwortung wahrnehmen. Aber der Weg ist nach wie vor steinig.

Frau melkt eine Kuh.

Bildlegende: Traditionell ist das Melken auf Bauernhöfen Männersache. Aber immer mehr Frauen wollen in den Beruf einsteigen. Keystone

Die Schweizer Landwirtschaft befindet sich seit Jahren im Umbruch. Weniger Beschäftigte, weniger Betriebe, aber grössere bewirtschaftete Flächen. Auch ein weiterer Trend ist zu beobachten: Immer mehr Frauen wollen den Beruf der Landwirtin ergreifen.

1990 betrug der Anteil der Frauen mit Lehrverträgen zur Landwirtin 2,2 Prozent. 2012 sind es bereits 12,5 Prozent, welche den Eidgenössischen Fähigkeitszeugnis erwerben wollen. 2009 war jeder siebte, 2010 jeder achte diplomierte Bauer eine Frau (Grafik).

Eine Entwicklung, die Christine Bühler freut. Die Präsidentin des Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverbands nennt als Grund die Technisierung. «Die Arbeit ist physisch weniger anspruchsvoll geworden.» Auch Jakob Bösch, Leiter Bildung begrüsst den Trend und glaubt: «Die Grenzen zwischen Männer- und Frauenberufen verwischen – ganz generell und eben auch in der Landwirtschaft.»

Die Präsidentin, selbst diplomierte Bäuerin, sagt aber: «Nur wenige üben später den Beruf als Landwirtin aus und leiten einen Betrieb.» Eine Erklärung sei, dass heute das Führen eines Betriebes oft noch in Männerhände gegeben werde – mit Ausnahme von Kleinbetrieben. Rösch sieht das anders. Er meint, es bestehe kein Zusammenhang zwischen Betriebsgrösse und der Geschlechterfrage. «In der Regel wird der Hof innerhalb der Familie übernommen. Auch von Töchtern.»

Trotzdem: Die Landwirtschaft ist heute noch eine Männerdomäne. Für Frauen «ist der Anfang nicht immer und in allen Teilen ganz einfach», so der Vertreter des Bauernverbandes. Aber auch das werde sich ändern.

«Frauen sind geduldiger»

Die Präsidentin des Bäuerinnenverbandes wünscht sich für die Zukunft, dass «Frauen als gleichwertige Menschen wahrgenommen werden». Bühler denkt dabei an ein generelles Problem in der Entwicklung der Landwirtschaft. «Mit der Agrarreform ist das Einkommen aus dem landwirtschaftlichen Betrieb immer mehr gesunken. Das Geld reicht nicht aus, neue Einnahmequellen müssen her.» Oft seien es die Frauen, die einer anderen, Hof-fernen Tätigkeit nachgehen. «Die Frau gibt dann das Geld ab und steht selbst ohne ausreichende Vorsorge da.»

Frauen haben ein grosses Potenzial in der Landwirtschaft, ergänzt Bösch. «Sie verfügen in der Regel über einen ausgeprägten Zugang zur Natur und – wie Männer – über betriebswirtschaftliche Kompetenzen.» Bühler geht noch etwas weiter und sagt: «Frauen haben das bessere Einfühlungsvermögen und können sich darum besser auf die Bedürfnisse der Konsumenten einstellen. Sie sind geduldiger mit der Natur und wohl offener, um vielfältige Produktionsmethoden zu akzeptieren.»

Landwirt/in 2008-2011 Lehrabschlüsse mit Eidgenössischem Fähigkeitszeugnis

Landwirtin vs. Bäuerin

Landwirtin und Bäuerin sind unterschiedliche Berufsbezeichnungen. Die Bäuerin führt den Haushalt, bewirtschaftet den Garten, verarbeitet Nahrungsmittel und betreut Kleintiere. Die Landwirtin ist für die Bewirtschaftung des Hofes und die Produktion von Nahrungsmitteln zuständig. Heute machen mehr Frauen die Ausbildung zur Landwirtin als zur Bäuerin.