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Bundesrats-Wahl Frauensolidarität kommt erst nach dem Parteibuch

Für die kommende Bundesratswahl stehen zwei Männer und eine Frau offiziell zur Wahl. Damit die Frau gewählt würde, müsste sie von den anderen Parlamentarierinnen unterstützt werden. Jedoch gewichten nicht alle den Faktor Geschlecht gleich stark.

Legende: Audio Warum Frauen zu wenig häufig Frauen wählen abspielen.
4:29 min, aus Rendez-vous vom 25.08.2017.
  • Am 20. September wird eine neue Bundesrätin oder ein neuer Bundesrat gewählt. Ignazio Cassis, Pierre Maudet und Isabelle Moret von der FDP stehen zur offiziell zur Wahl.
  • Zurzeit sind die Frauen im siebenköpfigen Bundesrat mit zwei Sitzen untervertreten.
  • Der Frauenanteil in der Schweizer Politik stagniert bei 30 bis 35 Prozent.

Mit Christiane Brunner hat alles angefangen. Dass die Gewerkschafterin 1993 nicht zu Bundesrätin gewählt wurde, löste den Brunner-Effekt aus. Die Frauen tobten und wählten danach mehr Frauen in die Parlamente. Doch der Brunner -Effekt verpuffte wieder.

Qualifizierte Frauen hatten es weiterhin schwer. Im Jahr 2000 traf es die Zürcher SVP-Regierungsrätin Rita Fuhrer, 2003 wurde CVP-Bundesrätin Ruth Metzler abgewählt. Und 2010 verlor die damalige FDP-Regierungsrätin Karin Keller-Sutter gegen SVP-Kandidat Jean-François Rime und war aus dem Rennen. Zwei Stimmen machten den Unterschied.

Die eine Stimme hätte beispielsweise die heutige BR-Kandidatin Isabelle Moret abgeben können, aber sie verpasste die Wahl. Die zweite Stimme hätte von der Grünen Yvonne Gilli kommen können, aber sie wählte den SVP-Kandidaten. Dies sind Beispiele aus dem Bundesrat.

Politische Überzeugung ist wichtiger als das Geschlecht

Dass Frauen in Volkswahlen grundsätzlich keine Frauen unterstützen, stimme bei den Wahlen des Volkes so nicht, sagt Georg Lutz. Als Projektleiter der Wahlstudie Selects hat er das Wahlverhalten der Schweizerinnen und Schweizer im Jahr 2015 untersucht: «Die Frauensolidarität gibt es, aber sie wird in keinem Fall, der mir bekannt ist, vor die Partei gestellt.»

Frauen schauen zuerst aufs Parteibuch und die politische Überzeugung und erst dann aufs Geschlecht. Anders ausgedrückt: Frauen wählen jene Frauen, die ihnen passen. «Eine linke Frau wählt nicht eine bürgerliche Frau, wenn ein linker Mann zu Auswahl steht», sagt Lutz.

Das gilt auch für den umgekehrten Fall. Eine bürgerliche Frau wählt kaum eine linke Kandidatin, wenn ein bürgerlicher Mann kandidiert.

Doch gerade für linke Frauen sei die Geschlechterfrage durchaus wichtig, weiss Politikwissenschaftler Georg Lutz: «Dort wird ein bewusster Entscheid getroffen. Frauen werden kumuliert und Männer gestrichen. Auf diesen Listen schneiden Frauen besser ab als die Männer.»

Frauen sind untervertreten

Das heisst: Frauen, die kandidieren, werden meistens auch gewählt. Um mehr Frauen in der Politik zu haben, braucht es mehr Kandidatinnen. Denn der Anteil der Frauen in der Politik stagniert seit vielen Jahren bei 30 bis 35 Prozent. Auch die UNO hat die Untervertretung der Frauen in politischen Parteien und öffentlichen Ämtern der Schweiz schon mehrmals kritisiert. Gerade bürgerliche Parteien tun sich schwer, Frauen gezielt zu fördern.

Seit Jahren weibelt deshalb die eidgenössische Kommission für Frauenfragen direkt bei den Parteien: «Sie sollten im Vorfeld der Wahlen die Sensibilisierung der Parteien betreiben, Events organisieren und die Parteien dazu zu bewegen, Frauen zu unterstützen und zu bringen.»

Schärli möchte eine neue Bundesrätin

Frauen zu mobilisieren sei aber nicht einfach, sagt Kommissions-Präsidentin Yvonne Schärli. Aus vielen Gründen aber vor allem auch, weil sie sich dem öffentlichen Druck nicht aussetzen wollten: «Man wird angefeindet, man steht in der Öffentlichkeit, man wird beurteilt»

Deshalb konzentrieren sich vielfach jüngere Frauen lieber auf ihre Berufskarriere. Die Kommission für Frauenfragen will nun auch bei der bevorstehenden Bundesratswahl aktiv werden. Für die Präsidentin Schärli ist es eine Selbstverständlichkeit, dass eine Frau neue Bundesrätin werden muss.

10 Kommentare

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  • Kommentar von Olaf Schulenburg (freier Schweizer)
    Verstehe ich da etwas nicht? Ich dachte immer, wir sind ein Bund, 1 Volk? Sollten Bundesräte nicht dieses eine Volk vertreten? Das sollten doch auch 7 Männer, 7 Frauen, 7 Jurassier, 7 Bündner, 7 irgegendwas können! Bei diesen Diskussionen über Geschlecht, Region, etc denke ich immer: Wir sind bis heute nicht zu einem Volk verwachsen. Nun, Die Gründung der Schweiz anno 1848 war jaauch kein Akt der Freundschaft sondern der Notwendigkeit. Wann lernen wir uns endlich zu vertrauen?
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  • Kommentar von Verena Casagrande (Verena Casagrande)
    Meine Frage lautet: Gehört das Tessin nicht zur Schweiz ?
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    1. Antwort von E. Waeden (E. W.)
      Natürlich! War ja ein heisses Thema, als es um die Abstimmung über eine 2. Gotthardröhre gegangen ist. Dass man das Tessin nicht von der übrigen Schweiz ausschliessen dürfe. Wenn es aber dann um die Vertretung im BR geht, spielt das dann keine Rolle mehr. Persönlich bedauere Frauen, welche Gleichstellung hauptsächlich über Jobs definieren. Und dann eben nur über Jobs in Chefetagen. Typische Männerberufe, wo die Hände dabei schmutzig werden, überlassen sie weiterhin gerne den Männern.
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  • Kommentar von Dölf Meier (Meier Dölf)
    In der Bundsverfassung steht etwas von Regionen. Das Tessin einmal mehr nicht zu berücksichtigen wäre frustrierend. Frau oder Mann ist mir egal. Aber ja kein EUTurbo, das könnte sehr teuer werden. Mitzureden ist doch eine Illusion, 8 Millionen gege 500 Millionen ist eindeutig. Die anderen wollen doch nur von uns weitere Milliarden.
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    1. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      Wenn es vorwiegend um die Regionen gienge wäre wohl die Ost- oder Zentralschweiz noch weit vor dem Tessin zu berücksichtigen. Wie manchen Innerschweizer Bunderat kennen Sie? Ausgerechnet die Urschweizer Kantone haben seit 1848 gerade mal 1 Bundesrat gestellt
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    2. Antwort von Daniel Fuchs (Daniel Fuchs)
      @HP: Es geht bei diesen Regionen nicht um Kantone oder mehrere davon, sondern um SPRACH-Regionen. Und ursprünglich sollte eigentlich jeder Kanton höchstens einmal gleichzeitig im Bundesrat vertreten sein. Das ist nicht nur als Berner interessant ;)
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    3. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      @ Fuchs: Soviel ich weiss steht in der Verfassung etwas von Regionen und von Sprachregionen. Und Italienisch gehört doch sonst auch zu den Lateinischen Sprachen. Oder hatten wir schon je einen Romanischen Bundesrat?
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