«Freiheit, Würde und das Leben sind in Eritrea ständig bedroht»

Eritrea sei kein Unrechtsstaat, und wer in die Schweiz komme, sei ein Wirtschaftsflüchtling. Eine Kritik, die immer wieder aufkommt. Doch die Asylbehörden sehen das klar anders. Warum? Woher haben sie ihre Informationen?

Eine Mutter aus Eritrea mit ihren drei Kindern. Daneben eine Kiste mit Lebensmitteln.

Bildlegende: Fast 10'000 Menschen aus Eritrea sind im vergangenen Jahr in die Schweiz geflohen. Keystone

Der Neuenburger Anthropologe David Bozzini kennt Eritrea wie nur wenige Ausländer. Mehrere Jahre hat er im Land am Horn von Afrika gelebt und geforscht und dabei ein extrem unterdrückerisches Regime erlebt: «Das System ist autoritär und militaristisch, total willkürlich und ohne Rechtssicherheit. Die Freiheit, die Würde, selbst das Leben sind ständig bedroht.» Deshalb würden so viele Eritreer ins Ausland flüchten.

Plausible Berichte von Flüchtlingen

Wie praktisch alle ausländischen Wissenschaftler, Journalistinnen oder Entwicklungshelfer darf David Bozzini schon lange nicht mehr nach Eritrea reisen. Heute forscht er an der City University in New York. Nach wie vor hat er Informationsquellen in Eritrea. Hauptsächlich aber stützt er sich auf Interviews mit Flüchtlingen.

Ähnlich arbeitet Dan Connell, Autor mehrerer Bücher über Eritrea und Afrika-Spezialist an der Universität Boston. Auch er sieht keine Anzeichen für eine Verbesserung der Menschenrechtslage in Eritrea.

Bozzini und Connell sind wichtige Auskunftspersonen für die Schweizer Asylbehörden. Daneben stütze man sich auf Berichte internationaler Organisationen und Menschenrechtsgruppierungen sowie auf interne Berichte von Diplomaten, sagt Léa Wertheimer vom Staatssekretariat für Migration.

Die Schweiz schickt praktisch keine Eritreer zurück

Die Schweiz führe zudem auch selber sogenannte fact-finding-Missionen in Eritrea durch. Dabei erfahre man zwar nichts über heikle Bereiche wie Haftbedingungen in Gefängnissen oder Folter. Aber auch Informationen über das Gesundheitswesen oder über lokale Bräuche seien wichtig für das Asylverfahren in der Schweiz: «Wir müssen das, was uns die Flüchtlinge erzählen, überprüfen können.»

Die Lage in Eritrea werde beim Staatssekretariat für Migration immer noch als sehr kritisch eingeschätzt. Deshalb schicke die Schweiz auch praktisch keine Flüchtlinge aus Eritrea zurück. Etwa die Hälfte von ihnen erhalte offiziell Asyl.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Kein Asyl

    Aus Rundschau vom 6.1.2016

    Sie muss zurück: In der „Rundschau“ redet erstmals eine abgewiesene Asylbewerberin, die zurück nach Eritrea soll. Der Bund hält die Heimreise für „zumutbar“. Noch im Sommer schloss Justizministerin Sommaruga aus, Eritreer zurückzuschicken. Die Flüchtlingshilfe warnt, das sei kein Einzelfall. Der Bund ziehe die Schraube an.

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