Freiwillig arbeiten im virtuellen Raum

Seit Jahren nimmt die Freiwilligenarbeit in der Schweiz ab. Aktuell hilft noch rund die Hälfte der Bevölkerung in einem Verein oder in der Nachbarschaft mit. Doch nun eröffnet das Internet neue Kanäle für die freiwillige Hilfe. Das Ausmass haben Wissenschaftler jetzt erstmals untersucht.

Symbolbild: Homepage von Wikipedia, eine Hand hält eine Lupe vor dem Bildschirm.

Bildlegende: Freiwilligen-Arbeit ist es etwa, für Wikipedia Artikel zu verfassen. Imago

Es gibt neue Formen der Freiwilligenarbeit; etwa, die Homepage eines Vereins zu betreuen. Frederic Poppenhäger ist Mitglied einer Zürcher Theatergruppe und gleichzeitig ihr Webmaster. Das Echo auf seine Arbeit sei positiv: «Es gefällt allen gut», stellt er fest. So könne er einen Beitrag zur «allgemeinen Vereinszufriedenheit» leisten.

Neue Möglichkeiten zur Freiwilligenarbeit

Die Einschätzung deckt sich mit jener von Markus Freitag. Der Politikwissenschaftler an der Universität Bern untersucht mit seinem Team seit Jahren die Freiwilligenarbeit in der Schweiz.

Das Internet biete für jene Menschen, die bislang nicht freiwillig tätig gewesen seien, eine Chance zur Freiwilligenarbeit, sagt er. «Denken Sie an die vielen Webseiten, die im Zuge der Flüchtlingskrise entstanden sind», nennt er ein Beispiel. Ebenfalls Freiwilligenarbeit im Internet ist es etwa, für das Internet-Lexikon Wikipedia Artikel zu schreiben.

«Risse im sozialen Kitt der Schweiz»

Der aktuelle Freiwilligen-Monitor zeigt auch, dass die meisten Leute, die online helfen, dies auch offline tun, also nicht nur im Internet. Professor Freitag denkt deshalb, dass die Freiwilligenarbeit im Internet die klassische Nachbarschaftshilfe oder Vereinsarbeit nicht verdrängt: «Das Internet wird ein weiterer Faktor sein, um freiwillig tätig zu sein.»

Trotzdem nimmt der Anteil jener Leute, die Freiwilligenarbeit leisten, seit Jahren ab. Zwar stehe die Schweiz im internationalen Vergleich noch recht gut da, stellt Freitag fest. «Aber es gibt durchaus Risse im sozialen Kitt der Schweiz, weil die Freiwilligen-Tätigkeit abnimmt.» Es gebe Anzeichen für den Rückzug der Zivilgesellschaft.


Freiwilligenarbeit wird digital

3:24 min, aus Rendez-vous vom 19.02.2016

Riesige Reichweite des Internets

Ob das Internet diese Risse tatsächlich kitten und für eine Trendwende sorgen kann, ist offen. Politikwissenschaftler Freitag betont lieber das Positive, denn für ihn ist sicher, dass dank dem Internet mehr Menschen erreicht werden können: «Man kann sehr viel einfacher viele Menschen erreichen und eine positive Botschaft vermitteln.» Deshalb sei das Internet so wichtig für die Freiwilligenarbeit.

Daran glaubt auch Theater-Mann Poppenhäger mit seiner Vereins-Homepage. Es brauche Freiwillige, die sich für andere engagierten. Nur dann könne in einer Gesellschaft Gemeinwohl geschaffen werden. «Wenn jeder nur noch auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist», sagt er, sei die Existenz einer Gesellschaft wohl bald gefährdet.

Freiwillige in Zahlen

⅟₄2014 war rund ein Viertel der Schweizer Wohnbevölkerung über 15 Jahren innerhalb von Vereins- und Organisationsstrukturen freiwillig engagiert. Jeder Zehnte ist ehrenamtlich – das heisst in Form eines gewählten Amtes – formell freiwillig tätig.
3Der Freiwilligen-Monitor unterscheidet drei Formen von Freiwilligkeit: Freiwillige Tätigkeiten, die innerhalb von Vereins- oder Organisationsstrukturen ausgeübt werden (formelle Freiwilligkeit), freiwillige Arbeiten wie Nachbarschaftshilfe oder das Hüten fremder Kinder (informelle Freiwilligkeit), sowie Spenden.
5Die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft bezeichnet fünf Persönlichkeitseigenschaften, welche für die Freiwilligkeit besondere Bedeutung haben: Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und emotionale Stabilität.
38In der Schweiz engagieren sich 38 Prozent der Wohnbevölkerung über 15 Jahren ausserhalb von Vereinen und Organisationen informell freiwillig. Dies ist ein steigender Wert, wie die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft feststellt.
70Rund 70 Prozent der Wohnbevölkerung über 15 Jahren geben an, im 2014 Geld für andere Menschen oder gemeinnützige Zwecke zur Verfügung zu stellen. Das Spenden bleibt somit auch in der aktuellen Befragung die am weitesten verbreitete Form von Freiwilligkeit in der Schweiz.
1997
Das Bundesamt für Statistik erhebt im Rahmen der regelmässigen Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE) seit 1997 Daten zum Ausmass der quantitativen Situation der Freiwilligenarbeit in der Schweiz. Die letzte derartige Befragung war 2013.
2001
Das Jahr 2001 war das internationale UNO-Jahr der Freiwilligen. Spätestens seitdem wurde viel über Freiwilligenarbeit diskutiert und auch geforscht. Freiwillig Tätige decken wichtige gesellschaftliche Dienste ab und fördern gleichzeitig den Zusammenhalt.
7000Für den Freiwilligen-Monitor werden gegen 7000 Menschen befragt. Damit ist es auch laut der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft möglich, für Teilgruppen wie zum Beispiel nach Alter, Geschlecht, Bildung oder Muttersprache zu verlässlichen Resultaten zu kommen.
2'034'907Rund ein Viertel (Zahl stammt von 2013) der in der Schweiz wohnhaften Bevölkerung engagiert sich freiwillig im Internet. Freiwilliges Engagement im Internet beinhaltet in der Regel das Gründen und Moderieren von Facebook-Gruppen oder die Pflege von Webseiten von Vereinen oder Organisationen.

5000 Personen befragt

Für die jüngste Ausgabe des Freiwilligenmonitors haben die Forscher mehr als 5000 Personen befragt. Dabei zeigte sich, dass ein Viertel der Befragten gemeinnützige Arbeit im Internet leistet.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Freiwilligen-Arbeit verändert sich

    Aus Tagesschau vom 19.2.2016

    In der Schweiz ist Freiwilligenarbeit zwar noch immer verbreitet, verändert sich aber mehr und mehr: Junge Menschen engagieren sich viel lieber im Internet.