Freiwillige Arbeit: Ein altes Phänomen mit jungem Namen

Die gemeinnützige Arbeit kennt in der Schweiz eine lange Tradition. Sie ist tief verankert, hat sich im Laufe der Zeit aber stark verändert. Ein Interview anlässlich des 125. Geburtstags des Dachverbands Schweizerischer Gemeinnütziger Frauen.

Zwei Hände

Bildlegende: Essentiell für unsere Gesellschaft: Gemeinnützige Arbeit. Colourbox

SRF News Online: Wo sind die Anfänge der Freiwilligen-Arbeit in der Schweiz?

Beatrice Schumacher: Der Begriff der Freiwilligen-Arbeit ist neu, entstand in den 1990er Jahren. Man benannte ein seit langem existierendes Phänomen neu. Auch um es attraktiver zu machen. Denn die sogenannte ehrenamtliche, früher stark religiös motivierte Arbeit war zum Ende des 20. Jahrhunderts nicht mehr so begehrt.

Die Arbeit selbst aber ist ein altes Phänomen?

Man kann beliebig weit zurückblicken. Mönche oder Nonnen in Bettelorden haben sich schon im Mittelalter gemeinnützig engagiert. Was wir heute unter gemeinnütziger Arbeit verstehen, entstand im Zuge der Aufklärung. Sie verstand sich als republikanische Gegenbewegung zu den herrschenden aristokratischen Verhältnissen Ende des 18. Jahrhunderts.

Zu diesem Zeitpunkt war ein Sozialstaat noch inexistent. Auch Bildung war weitgehend keine Aufgabe der öffentlichen Hand. Deshalb gewann die gemeinnützige Arbeit in diesen beiden Bereichen hohe Bedeutung. Sie gehörte zum bürgerlichen Selbstverständnis.

Wie haben sich Frauen und Männer damals engagiert?

Männer trafen sich in gemeinnützigen Vereinen, lasen, hörten oder hielten Referate und diskutierten. Sie engagierten sich auch für die Errichtung von Bildungs- und Erziehungsanstalten. Diese Männer standen in der Gesellschaft oft weit oben, waren Regierungsräte, Unternehmer und vielfach Pfarrherren.

Frauen leisteten praktische Hilfe, indem sie Handarbeitsunterricht organisierten, Geld sammelten oder sich für die Fürsorge einsetzten.

«  Gemeinnützige Arbeit ist heute innovativer »

Beatrice Schumacher
Historikerin

Wenn Sie die Arbeit von damals und heute vergleichen, ...

... dann hat sie heute nicht mehr dieselbe Bedeutung. Früher war sie identitätsstiftend für eine ganze soziale Schicht. Heute ist sie es womöglich nur noch für die einzelne Person, die sie leistet. Früher konnte man seine soziale Stellung in der Gesellschaft erhöhen. Das mag auch heute noch der Fall sein, allerdings ist die Anerkennung nicht im gleichen Mass sichtbar.

Gemeinnützige Arbeit ist heute aber vielfältiger, innovativer. Und sie ist gesellschaftlich viel breiter abgestützt. Die soziale Hierarchie von damals gibt es heute so nicht mehr.

Warum leisten heute Menschen gratis Arbeit?

Sie finden in dieser Arbeit eine Form der Befriedigung, die sie sonst nicht bekämen. Es lassen sich soziale Kontakte herstellen. Es leisten aber vor allem Menschen solche Dienste, die in der Arbeitswelt integriert sind. Arbeitslose engagieren sich weniger. Sie sehen sich nicht mehr als jemanden, der Dritten helfen könnte.

Wie wichtig ist heute gemeinnützige Arbeit?

Es gibt unzählige Bereiche, die ohne das Engagement Freiwilliger nicht funktionieren würden. Und da unser Sozialwesen unterdotiert, ist der Bedarf nach wie vor gross.

Zur Person

Zur Person

Beatrice Schumacher ist promovierte Historikerin. Sie verfasste das Werk «Freiwillig verpflichtet. Gemeinnütziges Denken und Handeln in der Schweiz seit 1800» (2010 erschienen). Seit 1994 ist sie publizistisch tätig, seit 2000 selbstständige Historikerin, Autorin und Dozentin.