«Für jeden pensionierten Arzt braucht es zwei Neue»

Der Schweiz fehlen die einheimischen Ärzte. Experten fordern deshalb, mehr Studienplätze anzubieten. Doch knappe Kantonskassen lassen den Universitäten wenig Spielraum.

Ärztin untersucht Patienten mit einem Stethoskop

Bildlegende: Ein Drittel aller Ärzte kommt heute aus dem Ausland. Diese Zahl wird voraussichtlich weiter ansteigen. Keystone

Eine Mehrheit der Schweizer wünscht sich, dass das Land genug Ärzte ausbildet. Das hat eine Studie das Marktforschungsinstitut gfs ergeben. Die Realität sieht allerdings anders aus: Bereits heute kommen knapp 30 Prozent aller berufstätigen Ärzte aus dem Ausland, Tendenz steigend. Dies, weil die Schweiz selber zu wenig Medizinstudenten ausbildet.

Noch deutlicher zeigt sich dieser Trend bei den frisch diplomierten Fachärzten. 2013 beendeten insgesamt 2800 Fachärzte ihre sechsjährige Spezialisierung oder erhielten – im Falle von Ausländern – eine Anerkennung ihres Facharzttitels. Gerade einmal die Hälfte von ihnen, nämlich 1400, war an Schweizer Spitälern ausgebildet worden. Der Anteil ausländischer Ärzte am Gesamttotal aller berufstätigen Ärzte dürfte darum in den nächsten Jahren weiter steigen (siehe Box).

Teure Medizinstudenten

Zwar haben die Kantone, die an ihren Unis Medizinstudenten ausbilden, in den letzten sechs Jahren zusätzliche Studienplätze geschaffen. Und dies nicht zu knapp: Zwischen 2008 und 2014 hat sich die Anzahl der Plätze schweizweit um zwei Drittel auf 1600 erhöht.

Diese Aufstockung reicht indes nicht, um die Lücke zu füllen. Doch in Zeiten von knappen Kantonskassen sind teure Studienplätze nicht erste Priorität. So kostete 1999 ein sechsjähriges Medizinstudium den Kanton Zürich pro Student rund 520'000 Franken. Neuere Zahlen sind nicht erhältlich.

Junge wollen keine 80-Stunden-Woche

Das Problem von fehlenden Medizinern wird noch verstärkt durch die anstehende Pensionierungswelle vieler Ärzte, wie FMH-Präsident Jürg Schlup erklärt: «In den nächsten 10 Jahren erreichen beispielsweise 48 Prozent aller Hausärzte das Pensionierungsalter.» Dazu altert auch die Bevölkerung, was wiederum die Nachfrage nach medizinischer Betreuung erhöht.

Verschärfend kommt hinzu, dass junge Ärzte heute oft Teilzeit arbeiten wollen – und nicht 80 Stunden pro Woche, wie das viele ihrer Vorgänger gemacht haben. «Für jeden pensionierten Arzt braucht es deshalb fast zwei Nachfolger, um die Lücke zu füllen», sagt Schlup.

Chirurgen während einer Herzoperation

Bildlegende: Die Chirurgie ist bei Medizinstudenten beliebt, der Hausarztberuf weniger. Deshalb fehlt es besonders an Hausärzten. Keystone

Mehr Studienplätze nötig

Um den Nachwuchs zu sichern, fordert Schlup mehr Studienplätze. Dazu brauche es einen Systemwechsel, sagt Gesundheitsexperte Tilman Slembeck. Denn wer heute aus einem Kanton kommt, der keine Medizinfakultät hat, muss für das Medizinstudium woanders hin gehen.

«Das Problem dabei ist, dass der Heimatkanton für seinen Studenten lediglich eine Pauschale zahlt. Diese deckt aber niemals die Kosten eines Medizinstudiums.» Falls der ausgebildete Arzt anschliessend nicht im Studienkanton praktiziert, resultiere unter dem Strich ein Verlust für den Universitätskanton, so Slembeck.

Ärztinnen wechseln Beruf

Nötig seien neben mehr Studienplätzen aber auch mehr Teilzeitstellen. Das sagt die grüne Nationalrätin und Ärztin Yvonne Gilli. «In der Schweiz arbeiten heute viel zu viele Ärztinnen nicht auf ihrem Beruf, weil sie keine Möglichkeit haben, Teilzeit zu arbeiten.» So steige jede fünfte Ärztin vor der Erreichung ihres Facharzttitels aus.

«  Viele Ärztinnen bleiben nicht auf ihrem Beruf, weil Teilzeitstellen fehlen.  »

Yvonne Gilli
Grüne Nationalrätin und Ärztin

Gibt es in der Schweiz also tatsächlich zu wenig Ärzte? Obwohl sich die Fachleute einig sind, dass heute zu wenig Mediziner ausgebildet werden – eine Zahl ist stetig im Steigen begriffen: die Anzahl Ärzte pro Einwohner. Kamen 1990 noch 2,9 Ärzte auf 1000 Einwohner, so waren es 2012 bereits 4,0. Eine Steigerung um rund einen Drittel also.

Keine Kostenkontrolle

Ein Grund dafür ist laut Gesundheitsexperte Slembeck das Schweizer Gesundheitssystem. Dieses fördere die Zunahme von Spezialärzten, indem diese ihre Leistungen über die Grundversicherung abrechnen können, «ohne dass sie dabei ein Budget beachten müssen.»

Für FMH-Präsident Schlup liegen die Gründe anderswo. Er erklärt die wachsende Zahl von Ärzten mit der Reduktion der ärztlichen Wochenarbeitszeit von 70 Stunden auf 50 Stunden, dem medizinischen Fortschritt und der alternden Bevölkerung.

Mehr Ärzte, weniger Arbeit

Zudem bedeute die Zunahme von Ärzten um einen Drittel nicht, dass auch ein Drittel mehr Leistungen erbracht würden, so Schlup. «Das Problem bei dieser Methode ist, dass die Köpfe gezählt werden statt der Anzahl Stunden, die eine Person arbeitet.»

Zur Illustration zieht Schlup den Fall eines Kinderarztes herbei. «Dieser ältere Arzt arbeitet bis zu 80 Stunden pro Woche. Nach seiner Pensionierung übernehmen drei Ärztinnen die Praxis und arbeiten je 30 Prozent.» In diesem Falle weise die Statistik eine deutliche Zunahme der Anzahl Ärzte aus. «In Tat und Wahrheit wurden die Kapazitäten aber reduziert – von 150 Prozent auf 90 Prozent.»

(SRF 4 News, 10 Uhr, 10.9.2014)

Ärzte aus Deutschland

Der grösste Teil der ausländischen Ärzte, rund 60 Prozent, stammt aus Deutschland. Allerdings sei die Rekrutierung von deutschen Ärzten schwieriger geworden, sagt FMH-Präsident Schlup: «Deutschland bemüht sich darum, seine Ärzte nicht ans Ausland zu verlieren.» Dazu seien vielerorts die Löhne erhöht und die Arbeitsbedingungen verbessert worden.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Start zur Herbstsession in Bern

    Aus Tagesschau vom 8.9.2014

    In der dreiwöchigen Herbstsession stehen im National- und Ständerat einige brisante Themen zur Debatte. Gleich zu Beginn geht es in der Kleinen Kammer um die Präimplatationsdiagnostik.