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Schweiz Gericht überprüft den Tod eines Häftlings

Zuerst wollte die Waadtländer Justiz keine Anklage erheben. Nun sitzen neun Personen auf der Anklagebank – unter anderem wegen fahrlässiger Tötung. Das Opfer: Ein 30-jähriger Häftling. Er hatte in seiner Zelle Feuer gelegt.

Blick auf das Gefängnis von Bochuz (VD).
Legende: Hier starb der 30-Jährige in seiner Hochsicherheitszelle. Keystone

Wie konnte ein Häftling in seiner Zelle sterben? Das Waadtländer Kreisgericht Nord in Renens durchleuchtet einen Monat lang den Tod des 30-jährigen Häftlings.

Angeklagt sind neun Personen, darunter Gefängnispersonal und Rettungskräfte. Der Vorwurf: Fahrlässige Tötung, Gefährdung des Lebens und der Gesundheit sowie Unterlassung von Hilfeleistung.

Vor Gericht gaben die angeklagten Wärter oft an, sich nicht mehr präzise erinnern zu können. Auch korrigierten sie ihre Aussagen, welche sie nach dem Tod des Häftlings zu Protokoll gegeben hatten.

Zwei Wärter gaben übereinstimmend an, dass sie den Häftling noch nie so aufgeregt erlebt hatten.

Er habe sieben Jahre lang fast täglich mit dem Häftling gearbeitet, sagte etwa einer der Angeklagten. Er habe ihn aber noch nie in einem solchen Zustand gesehen. Der Häftling sei «furchterregend und hart» gewesen. Zudem habe der Insasse gegen mehrere Wärter Morddrohungen ausgestossen.

Wärter warteten auf Sondereinheit

In der Nacht auf den 11. März 2010 um 00.50 Uhr hatte der 30-Jährige in der Waadtländer Strafanstalt Bochuz die Matratze in seiner Zelle angezündet. Die Wärter löschten das Feuer, die Zelle des als gefährlich eingestuften Mannes betraten sie aber nicht. Stattdessen warteten sie auf das Eintreffen einer Spezialeinheit.

Um 2.30 Uhr hörte das Personal den Inhaftierten nicht mehr atmen, worauf sie um 2.43 Uhr die Zelle betraten. Um 2.53 Uhr traf die Sondereinheit ein. Um 3 Uhr stellte ein Arzt den Tod des Mannes fest.

Die Waadtländer Justiz wollte zuerst keine Anklage stellen. Die Schwester des Verstorbenen ging jedoch bis vor Bundesgericht. Dieses wies die Justiz an, eine Anklage zu eröffnen.

14 Kommentare

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  • Kommentar von M. Tisserand, Schweiz
    Wie auch immer, aber 3 Stunden auf die Sondereinheit warten zu müssen ist definitv zu lang! Da habe ich in ähnlichem Sektor schon knappe 3 Minuten erlebt! Zwar keine SoKo, aber mit Maschinenpistolen bewaffnete 5-6 Polizeiwagen und etwa 10-12 Polizisten.
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  • Kommentar von S. Sugano, Therwil
    Zitat: "Der Haeftling sei «furchterregend und hart» gewesen. Zudem habe der Insasse gegen mehrere Wärter Morddrohungen ausgestossen."... und "Die Waerter loeschten das Feuer, die Zelle des als gefaehrlich eingestuften Mannes betraten sie aber nicht. Stattdessen warteten sie auf das Eintreffen einer Spezialeinheit."... Unter diesen Umstaenden voellig Verstaendlich, ich sehe hier kein Verschulden des Personals noch des Rettungdienstes. Selbstschutz steht immer an erster Stelle.
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    1. Antwort von Dietmar Lodigno, Thun
      Die Wärter (welche sich in der Zwischenzeit absprechen konnten) gaben das zu ihrer Verteidigung an. Der Häftling war als gefährlich EINGESTUFT, weil er rebelliert hatte gegen die Ungerechtigkeit. Er wäre wahrscheinlich nie mehr rausgekommen! Dabei hatte er seine Zeit schon 5-fach abgesessen! Die WIRKLICH gefährlichen Verbrecher wie (Gruppen-)Vergewaltiger und Mörder laufen frei herum, weil "sie auch noch eine Chance verdient haben, und noch eine, und..."! Und weil die Gefängnisse überfüllt sind?
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  • Kommentar von H.M., Basel
    Das ist doch ein Wiederspruch in sich ..? Wie hat man dann das Feuer gelöscht, wenn man die Zelle nicht betreten hat..? Wenn man schon lügen will, so sollte man es auch ordendlich und überzeugend tun..!!
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    1. Antwort von Alois Wutz, Gerlafingen
      Kommt auf die Bauart der Zelle an. Mit jedem Feuerlöscher können Sie aus ein paar Metern Distanz einen Brand löschen, z.B. durch eine Gittertür hindurch absolut möglich. Jeder, der mal Feuerwehrdienst geleistet hat, wird Ihnen das bestätigen. In Gefängnissen hat es meistens auch Löschposten mit Druckwasser, Reichweite noch höher als Handfeuerlöscher.
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