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Ausstellung über Schweizer Söldner in Nidwalden
Aus Regionaljournal Zentralschweiz vom 01.04.2021.
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Geschichte des Söldnerwesens Schweizer Söldner: Barbarisch, geldgierig und gefürchtet

Der erste Schweizer Exportschlager waren Krieger. Das hiesige Söldnerwesen machte Einzelne stinkreich und andere tot. Ein geschichtlicher Abriss.

Es ist ein schöner Sommerabend, als sich im Dörfchen Seldwyla eine ungewohnte Szene abspielt. Auf dem Hauptplatz des ärmlichen Ortes fährt eine prunkvolle Kutsche vor. Auf dem Boden dieser Kutsche liegt ein Löwenfell. Es entsteigt ein adrett gekleideter, französischer Offizier – vom Krieg gezeichnet und doch edel anmutend. Es ist der Sohn einer lokalen Bäuerin, der vor 15 Jahren von zu Hause weglief und seither vermisst wurde.

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Im Salzmagazin des Nidwaldner Museums läuft aktuell eine Ausstellung zur Geschichte der Schweizer Söldner. Sie trägt den Namen «Söldner, Reissäckler, Pensionenherren - Ein Innerschweizer Beziehungsnetz». Die Ausstellung geht laut Beschrieb Fragen der wirtschaftlichen Verhältnisse nach und folgt zahlreichen Einzelschicksalen von Innerschweizer Söldnern. Sie endet am 31. Oktober 2021.

In dieser Szene aus der Novelle «Pankraz, der Schmoller» beschreibt Gottfried Keller einen Schweizer Söldner, wie wir ihn uns heute vorstellen. Ein junger Bursche, der von Abenteuerlust getrieben in fremden Diensten anheuert und eine glorreiche Offizierskarriere durchschreitet, bis er schliesslich als gestandener, von allen charakterlichen Schwächen gereinigter und zu Reichtum gekommener Mann triumphierend in die Heimat zurückkehrt.

Jeder Zehnte reiste ins Ausland

Mit der Realität hat dies herzlich wenig zu tun. Es gab zwar Einzelschicksale, wo Männer aus ärmlichen Verhältnissen durch eine militärische Karriere den sozialen Aufstieg schafften, doch richtig profitieren konnten eigentlich nur die Familien, die bereits einen gewissen sozialen Status hatten. Für die restlichen Schweizer Söldner bedeutete der Dienst in fremden Kriegen vor allem Trauma, Heimweh – und Tod. Ein Drittel der jungen Männer kehrte nie zurück.

Illustration
Legende: Triumphierend kehrt der verlorene Sohn zurück. Illustration zur Novelle «Pankraz, der Schmoller» von Gottfried Keller. Zentralbibliothek Zürich

Das Söldnerwesen oder die fremden Dienste, wie es auch genannt wurde, war für Jahrhunderte der zweitwichtigste Wirtschaftszweig der Schweiz – nach der Landwirtschaft. Zeitweise kämpfte jeder zehnte Eidgenosse in einer fremden Armee.

Junge Schweizer suchten seit dem 13. Jahrhundert ihr Glück als Söldner. Als sogenannte Reisläufer (kommt vom Wort Reise) begaben sie sich damals meist noch auf eigene Faust ins Ausland. Vor allem aber kämpften sie als Soldaten fürs eigene Land. Bis ins 16. Jahrhundert hatten die eidgenössischen Orte noch Grossmacht-Ambitionen und versuchten ihre Gebiete zu erweitern.

Heimischer Frieden, fremder Krieg

Das änderte sich mit der Niederlage in der Schlacht bei Marignano im Jahr 1515. Diese und weitere verlorene Schlachten in jener Zeit waren so niederschmetternd, dass die Eidgenossen jegliche Expansions-Gelüste aufgaben. Nun waren die Bauernsöhne frei, zu jeder Zeit in fremden Kriegen zu kämpfen.

Zeichnung eines Kampfes
Legende: Ein eidgenössischer Reisläufer tötet einen deutschen Landsknecht. Zeichnung aus dem 16. Jahrhundert. Zentralbibliothek Zürich

Laut Historiker Randolph Head änderte sich deshalb «nach 1515 weniger die Tatsache, dass sich Eidgenossen ausserhalb der Schweiz militärisch betätigten, sondern in wessen Interesse dies geschah.» Sie kämpften unter anderem für Frankreich, Spanien, Österreich, Savoyen, Ungarn oder die Niederlande.

Das ausgelagerte Kriegstreiben hatte ausserdem eine Professionalisierung des Söldnerwesens zur Folge. Schweizer Offiziere aus oft gut gestellten Familien wurden zu sogenannten Militärunternehmern. Sie rekrutierten auf den umliegenden Bauernhöfen junge Männer, bildeten sie aus und organisierten sie in Regimentern. Diese wurden von europäischen Königshäusern dann angeworben.

Wenige kamen zu Reichtum

Die eidgenössischen Regimenter waren begehrt. Bei Kriegen gegen Ende des 15. Jahrhunderts – etwa den Burgunderkriegen – hatten sich die Schweizer einen Ruf als ausgezeichnete und furchtlose Krieger erkämpft. Fortan waren die Eidgenossen mit ihren Langspiessen und Anderthalbhändern (Langschwertern) gefürchtete Gegner und beliebte Verbündete.

Kupferstich der Schlacht von Marignano
Legende: Die grossen Verluste bei der Schlacht von Marignano brachte die Eidgenossenschaft von ihrer Expansions-Politik ab. Fortan kämpften Schweizer Krieger vorwiegend unter fremden Flaggen. Kunstmuseum Basel

Viele Militärunternehmer häuften durch die fremden Kriege ein grosses Vermögen an. Bis Mitte des 17. Jahrhunderts betrugen ihre Gewinne jeweils ein Mehrfaches der Investitionen. Das Kriegstreiben wurde zum Familiengeschäft, bestimmte Geschlechter betrieben es über Generationen hinweg. Ihre Namen kennt man noch heute: Von Reding aus Schwyz, Erlach und Diesbach aus Bern oder Hertenstein, Feer und Pfyffer aus Luzern.

Auf der anderen Seite kam ein grosser Teil der Fusssoldaten entweder gar nicht zurück, waren verstümmelt oder verarmte. Die Soldaten wussten nicht, mit ihrem Sold umzugehen. Die Schweizer Söldner waren laut Historiker Head bekannt dafür, ihren Lohn für luxuriöse Kleider und andere Vergnügen zu verprassen und dadurch in Not zu geraten. Zudem litten sie in den fremden Diensten oft an Heimweh, das im umliegenden Europa deshalb als «Schweizerkrankheit» bekannt war.

Schweiz profitiert doppelt

Kritik an den fremden Diensten gab es deshalb bereits zu jenen Zeiten. Einerseits erkannten die Menschen, dass einzelne Personen profitierten, während andere verarmten oder gar starben. Andererseits schreibt die Historikerin Danièle Tosato, dass in der Schweiz die «moralische Verderbtheit der zurückgekehrten Söldner» beklagt wurde. Und: «In Frankreich kursierte das Bild der geldgierigen, skrupellosen, mit einem Wort barbarischen Schweizer das man gerne brauchte, um auf die Überlegenheit der französischen Zivilisation hinzuweisen.».

Zeichnung eines Mannes, der links teure Kleidung trägt und rechts zerlumpt.
Legende: Bereits zeitgenössische Beobachter kritisierten, dass der Solddienst einzelnen zu grossem Reichtum verhalf, während andere verkrüppelt zurückkehrten und verarmten. Die linke Seite zeigt einen reichen Reisläufer und die rechte einen invaliden Bettler. Karikatur von Niklaus Manuel, einem bedeutenden Schweizer Renaissance-Künstler. Staatliche Museen zu Berlin

Die Wirtschaft auf dem Gebiet der heutigen Schweiz profitierte doppelt vom Söldnerwesen. Einerseits durch die Einnahmen der fremden Kriege. Andererseits aber auch, weil auf eigenem Grund nicht mehr gekämpft wurde. Die Kosten für die Kriege trugen die anderen, an den Gewinnen konnte man sich jedoch beteiligen. «Die Schatzkammern der Schweizer Städte waren so gut gefüllt, dass sie inner- und ausserhalb der Eidgenossenschaft als Kreditgeber auftreten konnten», schreibt Head.

Bruderkampf löst Umdenken aus

So blieb das Söldnerwesen über Jahrhunderte ein wichtiger Wirtschaftszweig für die Eidgenossenschaft. Die Wende kam mit dem Jahr 1709 und der Schlacht von Malplaquet. Damals leisteten Schweizer Söldner auf beiden Seiten der Kriegspartien Dienst und bekämpften und töteten sich deshalb gegenseitig. Bei diesem Bruderkampf starben rund 8000 Eidgenossen, was in der Schweiz zu heftigen Diskussionen führte.

Dieses und ähnliche Ereignisse läuteten den Niedergang des Söldnerwesens ein. Weil zudem der Profit im Laufe des 18. Jahrhunderts stetig schrumpfte und die frühe Industrialisierung bald für andere Arbeitsmöglichkeiten sorgte, gingen immer weniger Schweizer in die Fremden Dienste. Im Jahr 1859 – eine gute Dekade nach Gründung des modernen Bundesstaates – wurde der Waffendienst für eine fremde Macht schliesslich definitiv verboten. Der Bundesrat darf Ausnahmen gewähren, eine davon ist etwa die Schweizergarde im Vatikan.

Zeichnung von Schweizer Söldnern
Legende: Angehörige der Schweizer Truppen im Dienste Napoleons um 1812. napoleon-online.de

Ein entsprechendes Gesetz ist bis heute in Kraft. Es besagt, dass «der Schweizer, der ohne Erlaubnis des Bundesrates in fremden Militärdienst eintritt» mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft wird. Doppelbürgern ist der Militärdienst im anderen Heimatland erlaubt.

Vereinzelt dienen bis heute junge Schweizer Männer in der französischen Fremdenlegion. Rund 2200 sollen nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute für Frankreich in den Krieg gezogen sein. Im Gegensatz zu ihren Vorfahren machen sie sich strafbar.

Quellen

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  • Historisches Lexikon der Schweiz. Die Einträge «Reisläufer», «Fremde Dienste» und «Militärunternehmer».
  • Sammelband «Die Geschichte der Schweiz», herausgegeben von Georg Kreis.

SRF 1, Regionaljournal Zentralschweiz, 30.03.2021, 17:30

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33 Kommentare

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  • Kommentar von Thomas Meyer  (Thomas Meyer)
    Viele Kommentare hier zeugen von einer unreflektierten Zeitgeistigkeit und Unkenntnis . Wer die Vergangenheit aus seiner Befindlichkeit und dem gegenwärtigen (westlichem) Moralkodex heraus beurteilt, der liegt gedanklich falsch. Um sich den jeweiligen historischen Verhältnissen und Befindlichkeiten zu nähern muss man sich mit Geschichte ernsthaft befassen, das braucht sehr viel Lesezeit und deshalb tiefes Interesse. Ein Schulwissen (meist vergessen), oder mal ein Buch gelesen, reicht zu nichts.
    1. Antwort von Alex Hanselmann  (kinkiri)
      Das war eine steile These von Ihnen, dass es die Schweiz ohne das abscheuliche Reislaufen nicht gäbe. Ich kenne etwas die Geschichte vom Bistum Basel und vom Wallis, und da stimmt es wohl kaum. Im Frieden verhielten sich Reisläufer oft wie kriminelle, standen sie im Sold ruinierten sich lokale Herrscher gegenseitig statt dem Volk zu dienen. Freischärler waren eine derarte Belastung für viele Regionen, dass es die Walliser im 15 Jh gar zur Unabhängigkeit von der Eidgenossenschaft anspornte.
    2. Antwort von Thomas Meyer  (Thomas Meyer)
      Herr Hanselmann, meine „These“ zeigt nur die Wirkung nach aussen auf, welche die Kriegsfähigkeit, auch Kriegslust und Reisläuferei, später organisierte Söldnerregimenter, möglich machten. Der innere Zusammenhalt und seine wechselvollen Phasen und komplizierten Strukturen auf allen Ebenen ist eine andere Sache. Aber ohne Vorgenanntes hätte dieser Verbund höchst Ungleicher niemals als Staat geendet.
  • Kommentar von Kurt Flury  (Simplizissimus)
    Und wer sich denn vorstellen kann, wie ungeheuer brutal und menschenverachtend es auf den damaligen Schlachtfeldern zu und her ging. Vom Bauernhof im Entlebuch (ohne Schule, ohne Lesen und Rechnen) zu den grössten Gemetzeln auf den europäischen Schlachtfeldern. So ergeht es in etwa den heutigen Kindersoldaten in den diversen Bürgerkriegen: Für sie ist das Abnorme normal. Ein Ansatz um der Welt den Frieden zu offenbaren!
  • Kommentar von Peter König  (Vignareale)
    Geschäft mit Krieg und Tod, wie in der Ausstellung beschrieben, aber dadurch
    wurde Rauflust und Arbeitslosigkeit exportiert und Einiges an Unruhe war
    weg. Es wäre oft heute auch noch gut
    wenn Kriminelle und Raufbolde so
    weggeschafft werden könnten. vor
    60 Jahre gingen noch relativ viele in die Legion, immerhin war die Fremdenlegion eine Art Abenteuer und vielleicht auch Mutprobe um Dampf abzulassen. Es gibt sie noch die Casquette blanc am 14 Juli im Défilée
    1. Antwort von Michael Baumgartner  (Helvetier)
      Besser wären Psychotherapie und Arbeit mit Aussicht auf ein menschenwürdiges Leben. Denken Sie nicht? Aber das ist schwierig umzusetzen und nicht von kurzfristigem Erfolg gekrönt.
    2. Antwort von Thomas Leu  (tleu)
      @ Michael Baumgartner: Damals war die Psychotherapie nicht existent und das Sozialamt der Export der problematischen männlichen Einwohner in die fremden Heere, z.B. in Napoleons Heer, das nach Russland zog. Viele kehrten nicht mehr zurück.