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Schweiz Geschiedene Väter feiern: Das gemeinsame Sorgerecht ist da

Getrennte oder geschiedene Männer haben sich den 1. Juli 2014 in der Agenda dick angestrichen: Denn ab heute wird das gemeinsame Sorgerecht zur Regel. Experten gehen von bis zu 10‘000 Gesuchstellern aus, die nun – rückwirkend auf fünf Jahre – ihr Recht einfordern werden.

Familie
Legende: Neue Ära im Familienrecht ab 1. Juli 2014: Das gemeinsame Sorgerecht wird zur Regel. Keystone

Geschiedene Väter hatten es bislang nicht einfach: Wenn sie sich um das gemeinsame Kind sorgen wollten, waren sie in den meisten Fällen auf das Wohlwollen der Mutter angewiesen. Ihr wurde in der Regel das Sorgerecht zugesprochen. Der heutige 1. Juli ist für die Väter ein Wendepunkt.

Das gilt auch für den stolzen dreifachen Vater Sandro d'Ippolito. Zwei Kinder im Alter von sechs und neun Jahren hat er aus erster Ehe. Im Scheidungsurteil von 2011 hatte das Gericht die elterliche Sorge allein der Mutter zugesprochen. Er beschreibt die damalige Situation als paradox: «Das stellt man gemeinsam Kinder auf die Welt und plötzlich haben diese eine Alleinerziehungsberechtigte.»

Bis zu 10'000 Gesuche erwartet

Per 1. Juli können geschiedene Väter wie er das Sorgerecht nun rückwirkend beantragen, wenn der Scheidungstermin nicht mehr als fünf Jahre zurückliegt. Experten schätzen, dass bis zu 10'000 Eltern rückwirkend ein Gesuch auf gemeinsame Sorge stellen werden. Bei Paaren, die sich ab heute scheiden oder trennen, geht das Sorgerecht automatisch an beide Elternteile.

Der vor drei Jahren geschiedene D'Ippolito will den Brief ans Gericht noch heute abschicken, um die gemeinsame Sorge für beide Kinder aus erster Ehe zu beantragen. Er wolle wieder mitreden, wenn es etwa um schulische Angelegenheiten, die Lehre oder allfällige medizinische Fragen wie beispielsweise Operationen gehe. Er spricht von einem «grossen Meilenstein und festen Anker» in seinem Leben.

Zerstrittene müssen an den Tisch

Allerdings werden auch mit der Neuregelung nicht alle Sorgen getrennter Väter automatisch vom Tisch verschwinden. Denn gemeinsames Sorgerecht bedeutet, dass Eltern alles, was ihr Kind betrifft, gemeinsam regeln.

Und da beginnen die Probleme je nach dem von Neuem, wenn die Eltern wie eh und je zerstritten sind. Denn über die wichtige Frage etwa, wer die Kinder wann sehen darf, sagt die neue Regelung nichts. Ex-Paare müssen sich da selber einig werden.

«Tatsächlich könnten Rosenkriege andauern», räumt auch der Präsident der Schweizerischen Vereinigung für gemeinsame Elternschaft, Oliver Hunziker, ein. Aber gestritten hätten sich uneinige Eltern auch schon unter der alten Regelung, da beide Einfluss geltend machten. Neu sei immerhin juristisch abgesichert, dass sich die beiden zu einer Entscheidung durchringen müssen, allenfalls mit professioneller Hilfe.

Gerichte wohl weiter gefordert

Die Behörden können die Eltern dazu auffordern, im Interesse des Kindes eine Einigung ohne Richter zu versuchen. Denn das Kindeswohl steht an oberster Stelle. Hunziker macht sich diesbezüglich aber keine Illusionen: «Hoffnungslos verkrachte Eltern rauchen auch nach dem 1. Juli nicht sofort die Friedenspfeife.» Entscheidend sei aber der Paradigmenwechsel: Eltern müssen sich künftig gar nicht mehr um das Sorgerecht streiten, weil das gemeinsame Sorgerecht zum Normalfall wird.

Sandro d'Ippolito freut sich: «Ich bekomme nun zurück, was mir vor drei Jahren weggenommen wurde.»

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18 Kommentare

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  • Kommentar von Resi Weber, Lausanne
    Herr H. Knecht. Wenn man Kinder in die Welt setzt, sollte man bereit sein für sie finanziell zu sorgen. Dass man auf einiges verzichten muss, hat nicht der Staat auszugleichen u.bedeutet nicht Selbstaufopferung, sondern Selbsthingabe. Das bestehende System, das die Väter zur Kasse bittet, erlaubt manchen Mütter aus einer Trennung einen finanziellen Gewinn zu schlagen, weil das Einkommen des Mannes ausschlaggebend ist. Mit einem neuen Lebenspartner ohne Lebens-Vertrag, steigt der Gewinn noch.
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  • Kommentar von Cornelia Keller, Bözberg
    Ihr lieben Leute: die gemeinsame Sorge ist ja nicht von Relevanz solange die beiden Elternteile sich verständigen können. Die einzig wesentliche Frage in diesem Zusammenhang stellt sich da wo sie es NICHT können. Wer entscheidet nun? Genau: die Familiengerichte. Diese sind total überlastet und es braucht Monate oder auch Jahre der Ungewissheit bis sie einen Entscheid gefällt haben. Der kann dann natürlich noch weitergezogen werden. Wie gesagt: ewiger Knatsch! Arme Kinder!
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  • Kommentar von Marcel Heinrich, Zürich
    Das gemeinsame Sorgerecht ist der erste Schritt zu einer Gleichberechtigung von Mann und Frau im Interesse des Kindes. Dass Mütter "per se" bessere Elternteile seien ist bereits seit längerem durch Studien widerlegt (Bsp. Grossman & Grossmann, 2005, Bielefeld). Die in der Theorie und der Praxis ungleiche Pflicht von Vater und Mutter betreffend die finanzielle Absicherung des Kindes verhindert oft, dass der Vater einen gleichen Betreuungsanteil übernehmen kann und wie die Mutter.
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    1. Antwort von Ba Csantal, München
      @Heinrich: Diskussion um Betreuungsanteile macht nur Sinn, wenn beide Eltern nahezu am gleichen Ort wohnen (und arbeiten). M.E.trifft dies bei vielen unverheirat./bereits geschiedenen Eltern nicht zu. Oder irre ich mich? Soll deswegen oder weil die Eltern streiten, dem Vater das geS verwehrt werden? Im jüngsten NZZ-Artikel wird bereits angedeutet: ohne Einigung der Eltern über Kinderbelangen KEIN geS möglich. Damit kehrt man zurück zum Feld 1: die Kindsmutter bleibt weiterhin am längeren Hebel.
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