Gesundheitsprävention: aufwendig, teuer, ineffizient?

Herr und Frau Schweizer rauchen und trinken weniger. Aber: Viele finanziell benachteiligte und schlecht informierte Bürger achten noch immer zu wenig auf ihre Gesundheit. Das stellt die nationalen Kampagnen in Frage. Prävention scheint ausgerechnet da nicht zu wirken, wo sie am nötigsten wäre.

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Trotz teuren Kampagnen ungesunde Schweizer?

6:51 min, aus 10vor10 vom 16.2.2016

Die gute Nachricht zuerst: Herr und Frau Schweizer leben gesünder als auch schon. Die Zahl der Raucher und Trinker geht konstant zurück, Fitness gehört für viele dazu. Doch eben nicht für alle – und das ist die schlechte Nachricht: Geraucht, getrunken und ungesund gegessen wird weiterhin.

Gerade Leute, die weniger Mittel haben und schlechter informiert sind, haben ihr Verhalten in den letzten Jahren kaum angepasst. Das lässt aufhorchen, schliesslich sollten gerade sie mit teuren Kampagnen aufgeklärt werden. Was läuft da schief?

Kampagne vor allem bei finanziell Benachteiligten wenig effektiv

Eine Studie des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums (Obsan) zeigt: Weniger Rauchen und Trinken ist für viele kein Thema. Vor allem bei dem Teil der Schweizer Bevölkerung mit tiefer Bildung und knappem Budget.

Von den 20 Prozent, die am wenigsten verdienen, konsumierten 2007 konkret 3,5 Prozent Alkohol im riskanten Ausmass. 2012 waren es 4,5 Prozent. Also deutlich mehr.

Zum Vergleich: Unter den 20 Prozent der besten Verdienern hat es zwar mehr Trinker, doch hier ist der Trend rückläufig. 5,7 Prozent konsumierten 2007 Alkohol in riskantem Ausmass. 2012 waren es noch 5,5 Prozent.

«  Reine Sensibilisierung hilft in der Regel nicht. Damit spricht man jene Leute an, die eh schon gut informiert sind. »

Felix Schneuwly
Gesundheitsexperte Comparis

Riskant heisst hier: Täglich mindestens 1,2 Liter Bier oder vier Deziliter Wein – bei Frauen die Hälfte. Fazit der Studie: Es zeige sich, dass fast nur die wohlhabenderen und besser gebildeten Schichten der Bevölkerung ihr Verhalten über die letzten Jahre zu Gunsten der Gesundheit verändert haben.

Finanzielle Anreize statt Information

Felix Schneuwly, Gesundheitsexperte des Vergleichsdienstes Comparis, ist vom Resultat der Untersuchung wenig überrascht. Seiner Meinung nach lässt sich Sucht nicht mit Informations-Kampagnen verhindern, sondern mit finanziellen Anreizen.

Er sagt: «Reine Sensibilisierung hilft in der Regel nicht. Damit spricht man jene Leute an, die eh schon gut informiert sind, die müssen nicht noch mehr wissen. Wichtig ist, bei jenen Menschen das Verhalten zu ändern, die sich wirklich falsch verhalten. Dort braucht es Anreize. Das könnte zum Beispiel eine günstigere Krankenkassenprämie sein, wenn ich mich gesundheitsbewusst verhalte.»

Es brauche nicht nur andere Kampagnen, sondern auch stärkere finanzielle Anreize für jene, die Kampagnen durchführen, betont Schneuwly weiter.

Heute würden Kampagnen finanziert, weil sie eben durchgeführt werden. «Man müsste dort das Prinzip ändern und sagen: Wenn jemand eine Kampagne durchführt, erhält er nur einen gewissen Geldbetrag, um die Kampagne durchzuführen. Den Rest erhält er erst, wenn er mit der Kampagne das Ziel erreicht, und dieses Ziel müssen Verhaltensänderungen sein.»

BAG wiegelt ab

Die Kritik zielt auch auf das Bundesamt für Gesundheit. Erreichen dessen Kampagnen tatsächlich nur besser gestellte und gut informierte Menschen? Und jene Leute nicht, die es doch am nötigsten hätten?

«  Wir haben Bereiche, wo die Prävention nützt, und andere, wo wir noch Herausforderungen haben. »

Stefan Sypcher
Verantwortlicher Gesundheitspolitik beim BAG

Stefan Spycher, Verantwortlicher für die Gesundheitspolitik beim BAG relativiert: Tatsächlich gäbe es Unterschiede nach Bevölkerungsgruppen. Aber auf eine etwas längere Frist, namentlich von 1997 bis 2013, zeige die Studie auch, dass etwa der Alkoholkonsum auch bei schlechter gestellten Leuten relativ stark zurückgegangen sei. «Insofern haben wir Bereiche, wo es nützt und andere wo wir noch Herausforderungen haben,» bilanziert Spycher.

Doch ist das BAG gefordert, dass seine Prävention wirksam ist. Nicht zuletzt, weil am Ende die Allgemeinheit zahlt, wenn Ungesunde krank werden. Laut Spycher ist man sich dessen bewusst.

Kampagnen in die sozialen Medien tragen

«Wir haben zwei Vorgehensweisen, um den Befund zu verbessern. Wir wollen erstens unser zielgruppen-spezifisches Vorgehen verstärken. Das heisst, wir wollen bei besonders vulnerablen Gruppen ansetzen – etwa Jugendlichen und Kindern, die wir schützen wollen, aber auch bei Migranten, die die Sprache nicht richtig können. Sie wollen wir besser informieren und die entsprechenden Materialien beispielsweise übersetzen. Wir wollen zweitens aber auch in die sozialen Medien gehen, damit die Jungen das besser verstehen», betont Spycher.

Dass die heutigen Kampagnen grundsätzlich zu intellektuell seien, verneint der Verantwortliche des BAG für Gesundheitspolitik. Tatsächlich sei die Gesellschaft sehr heterogen. Mit nationalen Kampagnen würde man insofern möglichst viele zu erreichen versuchen, aber nie ganz alle treffen.

«  Wir wollen auch in die sozialen Medien gehen, damit die Jungen das besser verstehen. »

Stefan Spycher
Verantwortlicher Gesundheitspolitik beim BAG

Krankenkassenprämien differenzieren als falscher Schritt

Auch den Einwand, dass bloss das Ausland auf das Portemonnaie setze und die Schweiz – mit billigem Alkohol und teuren Fitness-Abonnements – diese Massnahme ausser Acht lasse, will Spycher so nicht gelten lassen. «Finanzielle Anreize berücksichtigen wir auch in der Schweiz. Wir haben beispielweise auf Zigaretten-Päcklein und dem Alkohol Abgaben. Da kann man diskutieren, ob man die Abgaben noch erhöhen will.»

Die Krankenkassenprämien je nach Gesundheitszustand eines Menschen zu differenzieren, ist ihm zufolge aber ein problematischer Ansatz. «Stellen sie sich vor, jemand ist übergewichtig. Dann müsste man feststellen, ob das Übergewicht genetisch bedingt ist oder Resultat eines fragwürdigen Gesundheitsverhaltens. Das würde zu einer riesigen Apparatur führen, um das zu prüfen. Und in diese Richtung wollen wir sicher nicht gehen.»