Glarner Modell für Flüchtlinge könnte Schule machen

Für 13 Flüchtlinge im Kanton Glarus war heute ein wichtiger Tag. Sie haben das Berufseinführungsprogramm begonnen. Im Fokus stehen Flüchtlinge mit tiefer Bildung, die oft von Sozialhilfe abhängig sind. Taugt es als Vorbild für den Bund?

Fridolin-Fahne, Menschen mit Regenschirmen.

Bildlegende: Ziel des einjährigen, praxisorientierten Programms: Flüchtlinge an den Arbeitsmarkt heranführen. Keystone

Offiziell ist heute der erste Arbeitstag von Khyentschok Gongmatsang im Wohnheim Glarnersteg in Schwanden. Doch der Tibeter kennt die Stiftung für Menschen mit Behinderungen bereits ausgezeichnet. Seit sechs Monaten hilft er als Praktikant mit.

Khyentschok Gongmatsang

Bildlegende: Khyentschok Gongmatsang hofft auf eine Festanstellung nach der Berufseinführung. SRF

Er saugt Staub, putzt, flickt, packt an, wo Hilfe nötig ist – und das mit Freude. «Ich putze sehr gerne», sagt der 36-Jährige. Gongmatsang gehört zur ersten Gruppe von Flüchtlingen, die am Berufseinführungsprogramm teilnehmen.

Arbeitgeber ist stolz auf Mitarbeiter

Von den rund 150 erwachsenen Flüchtlingen im Kanton Glarus sind gut zwei Drittel noch in der Sprachausbildung. Ein paar wenige haben bereits eine Ausbildungs- oder Arbeitsstelle gefunden. An die übrigen richtet sich das neue Angebot. Gongmatsang hat sich für die Haustechnik entschieden. Am liebsten arbeitet er in der Wäscherei. Hingebungsvoll faltet er die frisch gewaschenen Tücher und Kleidungsstücke zusammen. «Die Arbeit mit den Kollegen gefällt mir sehr gut.»

Zufrieden ist auch Gongmatsangs Vorgesetzter Peter Hefti: «Er bringt eine extrem gute Leistung, ist zuverlässig, hat eine sehr positive Haltung. Jeder Arbeitgeber kann stolz sein, wenn er so einen Mitarbeiter hat.» Ein Lob, das Yvan Stauffacher gerne hört. Als Leiter der Glarner Koordinationsstelle Integration war es seine Aufgabe, Arbeitgeber für die künftigen Lehrlinge zu suchen. Zu Beginn sei das eine ausgesprochen zähe Sache gewesen, klagt er. Aus Mangel an Ausbildungsplätzen musste der im Sommer geplante Start des Projektes sogar verschoben werden.

Eine Firma muss den Anfang machen

«Es ist etwas Neues und wir konnten noch keine Resultate präsentieren», schildert Stauffacher das Problem. «Ich denke, das war der Hauptgrund, weshalb ich zu Beginn des Projektes solche Schwierigkeiten hatte, Arbeitgeber zu finden. Aber als ich den ersten Arbeitgeber an der Angel hatte, lief es eigentlich sehr gut.»

Auch Bauunternehmer Jakob Zimmermann hat sich überzeugen lassen und einen jungen Eritreer eingestellt. Vom Glarner Projekt könnten die Steuerzahler, die Betriebe und die Flüchtlinge profitieren. «Diese Leute sollten integriert werden», sagt er. «Und es ist wichtig, dass wir auch künftig Fachleute in unserer Branche bekommen.» Das sei nicht mehr ganz so einfach. «Nicht zuletzt geht es auch darum, das Sozialwesen ein wenig zu entlasten», sagt Zimmermann.

«  Als ich den ersten Arbeitgeber an der Angel hatte, lief es sehr gut. »

Yvan Stauffacher
Leiter Koordinationsstelle Integration

Ein dreifacher Vorteil also, wenn es klappt. Ähnliche Projekte in einzelnen Branchen oder Grossbetrieben haben durchzogene Resultate geliefert. Sprachprobleme erwiesen sich als hohe Hürde, auch unterschiedliche Vorstellungen von Arbeitsmoral, Fleiss und Pünktlichkeit. Bauunternehmer Zimmermann wollte sich deshalb absichern und den neuen Mitarbeiter zuerst in einer Probephase testen: «Wir haben ihn beobachtet. Ich war mehrere Male auf der Baustelle. Ich habe mich wirklich gefreut, wie er sich bewegt hat. Ich habe gesehen, er will arbeiten. Teilweise war er fast übereifrig und somit ein Gewinn von Anfang an. Ich glaube an ihn.»

Simon Debesay

Bildlegende: Simon Debesay aus Eritrea ist einer, der anpackt. Sein Chef, Bauunternehmer, glaubt an ihn. SRF

Vom Gemüsegarten auf die Baustelle

Auf der Baustelle in Schänis scheint sich der 24-jährige Simon Debesay tatsächlich wohl zu fühlen. Ganz selbstverständlich geht der dunkelhäutige Mann im leuchtend blau-orangen Overall den anderen Arbeitern zur Hand.

Weit weniger locker ist er im Gespräch. Seine Sprachkenntnisse sind noch immer sehr bescheiden, gibt er zu: «Das Problem ist, dass ich nicht so gut Deutsch sprechen kann.»

Debesay ist eher Praktiker als Redner. Grosse Schulbildung bringt er keine mit. In Eritrea habe er immer mit den Händen gearbeitet, als Gemüsebauer und als Schreiner.

Genau für Flüchtlinge wie ihn sei das Berufseinführungsprogramm gedacht: Zu alt für schulische Brückenangebote und zu schlecht qualifiziert, um direkt ins Berufsleben einsteigen zu können, sagt Projektleiter Andreas Zehnder. Schwierige Fälle also, aber nicht hoffnungslose. Ohnehin habe man nicht wirklich eine Wahl: «Die Flüchtlinge und vorläufig aufgenommenen Personen sind hier, in allen Landesteilen. Entweder sind sie im Arbeitsmarkt oder sie sind in der Sozialhilfe.»

700 Franken kostet ein Berufseinsteiger

Allein aus finanziellen Überlegungen lohne sich deshalb die Anstrengung. 400 Franken Lohn und maximal 300 Franken für den halben Tag Schulunterricht pro Woche tragen die Arbeitgeber. Der Kanton bezahlt Transportkosten und Schulbücher und kann hoffen, später weniger Sozialhilfe bezahlen zu müssen.

«  Die Flüchtlinge sind hier. Entweder im Arbeitsmarkt oder in der Sozialhilfe. »

Andreas Zehnder
Projektleiter

Beim Bund, der die ersten fünf bis sieben Jahre Sozialhilfe für Flüchtlinge bezahlt, beobachtet man das Glarner Experiment besonders aufmerksam – auch weil ab 2018 landesweit ein ähnliches Programm mit 1000 Flüchtlingen pro Jahr beginnen soll. Der Glarner Testlauf kann dafür wichtige Erkenntnisse liefern, ist Zehnder überzeugt: «Ich spreche von einem Erfolg, wenn die Hälfte der Klasse eine Lehre machen kann, das finde ich den richtigen Weg. Und wenn die andere Hälfte einen Anschlussvertrag hat und angestellt wird bei der Firma, bei der sie die Berufseinführung gemacht hat – oder bei einer anderen Firma.»

Er werde auf jeden Fall alles dafür tun, um zu dieser Gruppe zu gehören, verspricht Khyentschok Gongmatsang. «Ich hoffe, dass ich fünf, zehn oder sogar zwanzig Jahre lang in der Wäscherei arbeiten kann.» Fünf, zehn oder sogar zwanzig Jahre waschen und putzen für ein unabhängiges Leben in einem sicheren Land.