Grosse Wissenslücken bei Medikamenten für Kinder

Medikamente für Kinder zu entwickeln, ist für die Pharmabranche nicht lukrativ. Darum sind 90 Prozent der Medikamente, die Kinder in Spitälern erhalten, nur an Erwachsenen getestet. Das kann zu gravierenden Problemen führen. Ein Basler Forschungszentrum will dies ändern.

Ein Baby schreit, es erhält gerade eine Spritze in den rechten Oberschenkel.

Bildlegende: Über- und Unterdosierungen gehören zu den Risiken, wenn Medikamente nur an Erwachsenen getestet wurden. Keystone

Den Grundstein für ein Forschungszentrum für Kindermedikamente legt ein Basler Mäzen mit einer 15-Millionen-Franken-Spende. Dieses Geld ermöglicht die unabhängige Erforschung von Medikamenten für Kinder.

Marc Pfister ist Professor für Pharmakologie. Er hat selber drei Kinder, acht, sechs und vier Jahre alt. «Wenn ich mir vorstelle, dass Medikamente, die meine Kinder vielleicht brauchen, zu wenig oder nicht untersucht sind, dann ist das alleine schon genug Motivation, diese Forschung voranzutreiben.»

Möglichst viele Computersimulationen

Die Forschungsarbeit der Spezialisten verfolgt ein Hauptziel: Medikamente, die bereits auf dem Markt sind, für Kinder zu optimieren. «Damit Todesfälle und schwere Nebenwirkungen bei Kindern vermieden werden können», so Pfister.

Erreichen wollen dies die Forscher mit vielen Tests im Labor und vielen Studien am Computer. Ganz ohne Tests an Kindern gehe es aber nicht, sagt Pfister. «Es braucht auch klinische Studien, weil wir sonst das Problem nicht lösen können.»

Er ist sich bewusst, dass klinische Studien an Kindern ethisch heikel sind. Sie sind unmündig, es braucht dafür das Einverständnis der Eltern. Daher betont er: «Eine spezielle Komponente unserer Forschung wird sein, dass wir diese Studien zuerst im Computerlabor simulieren, damit die Anzahl Blutentnahmen reduziert werden kann.»

Angst vor Missbrauch als Versuchskaninchen

Es sei wichtig für die Eltern, zu wissen, dass diese Studien optimal vorbereitet werden, so Pfister. So dass sie nicht auf die Idee kommen, ihre Kinder seien im Basler Universitätskinderspital eine Art Versuchskinder. Der Pharmakologe ist davon überzeugt, dass die Zusammenarbeit mit den Eltern gut laufen wird: «Sie werden verstehen, dass es für ihr Kind und auch spätere Patienten wichtig ist, diese Medikamente und Kombination von Medikamenten zu studieren.»

Klar ist: Bei Fachleuten ist die die Freude über diese Basler Forschungsarbeit für kindgerechte Medikamente gross. So auch am Kinderspital Zürich. Priska Vonbach, Leiterin des Pharmazeutischen Dienstes: «Sie ist einmalig für die Schweiz, und es ist ganz wichtig, dass sie sie gibt, letztendlich soll sie dem Kind und der sicheren Anwendung des Arzneimittels bei einem Kind zugute kommen.»

Ohne Patentschutz keine neue Studien

Ohne Eigeninitiative der Spitäler sei diese Medikamentensicherheit für Kinder nicht möglich; auch nicht mit dem neuen Heilmittelgesetz. Das setzt zwar Anreize für die Kinderforschung der Pharmabranche. Aber eben nur bei neuen Medikamenten: «Sehr viele Medikamente, die wir hier einsetzen, etwa 95 Prozent, stehen nicht mehr unter Patentschutz und werden somit nicht mehr gefördert. Wenn wir dies nicht selber tun, werden wir nie mehr Daten haben für Arzneimittel bei Kindern.»

Diese Wissenslücke über die Wirkung schon bestehender Medikamente für Kinder kann nun mit Hilfe des Basler Forschungszentrums verkleinert werden, ist Vonbach überzeugt. Sie hat vor einiger Zeit eine Datenbank realisiert, in der Kinderärzte des Zürcher Kinderspitals ihre Medikamentenerfahrungen eintragen, so dass andere davon profitieren können. Diese Daten werden auch die Forscher in Basel brauchen, das ist bereits beschlossene Sache.

Denn um die globale Wissenslücke für Kindermedikamente zu schliessen, braucht es die nationale und internationale Zusammenarbeit der Fachleute. Das neue Forschungszentrum in Basel ist für sie in Europa eine der zentralen Anlaufstellen.