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Das Tessin und die Grenzgänger Grosses Unbehagen in der Sonnenstube

Warum ist der Inländervorrang in der Südschweiz so hoch im Kurs? Eine Studie zeigt tiefe Zerrissenheit und ein Paradox.

Legende: Audio Paradoxe Ansichten über Ausländer spalten das Tessin abspielen. Laufzeit 4:16 Minuten.
4:16 min, aus Echo der Zeit vom 20.01.2017.

Ziemlich genau drei Jahre ist es her seit der Annahme der SVP-Initiative gegen Masseneinwanderung. Kaum eine Woche ist seither vergangen, da deren Umsetzung nicht Schlagzeilen gemacht hätte. Dies ganz besonders im Tessin, wo die Initiative einen rekordhohen Ja-Anteil erzielte. Ebenso wuchtig fiel vor vier Monaten auch die Zustimmung zur Initiative «Prima i Nostri» aus, welche den Inländervorrang auf kantonaler Ebene zusätzlich absichert.

Oscar Mazzoleni vom Observatorium für Regionalpolitik an der Universität Lausanne hat das Tessiner Abstimmungsverhalten bei der erfolgreichen SVP-Initiative «Prima i Nostri» und bei der gescheiterten linken Initiative gegen Lohndumping untersucht.

«Prima i Nostri»

Die Gesellschaft erscheine tief gespalten, sagt Mazzoleni nach Auswertung der bei über 1100 Personen durchgeführten und damit repräsentativen Befragung. Und zwar gespalten in politischer Hinsicht, aber auch sozial gespalten – mit Rissen im Arbeitsmarkt und mit polarisierten Ansichten über Grenzgänger und Ausländer. Es sei ein tiefer Riss durch die Gesellschaft, wie schon bei der Masseneinwanderungs-Initiative.

Weniger Gebildete und Einkommensschwache sorgten laut Mazzoleni für die vielen Ja-Stimmen bei «Prima i Nostri». Die politische Rechte vermochte ihre Anhängerschaft besonders stark zu mobilisieren.

Das bestätigten auch viele Kommentare nach dem Abstimmungssonntag. Besonders beliebte Statements: Politiker interessieren sich nicht für die Meinungen im Volk. Die Politik ist derart kompliziert, dass man sie kaum versteht.

Gewerkschaften besonders unter Druck

Ein Teil der Bevölkerung empfinde ein ausgeprägtes Misstrauen, sagt Mazzoleni. Das betreffe besonders die Arbeitgeberverbände, aber noch mehr die Gewerkschaften: 46 Prozent der Stimmbürger mit grossem Vertrauen zu Gewerkschaften stimmten der SVP-Initiative zu. Dies gegen die einhellige Wahlempfehlung ihrer Gewerkschaft, wie Paolo Locatelli von der christlich-sozialen OCST feststellt.

Das Misstrauen gegenüber den Gewerkschaften habe mit dem Abstimmungsthema zu tun. «Prima i Nostri» – Einheimische zuerst und das zulasten der Grenzgänger. Andere Argumente hätten es schwer gehabt.

Die Institutionen, denen Misstrauen entgegenschlage, müssten nun konkrete Lösungen vorlegen. Das wird nicht einfach. Denn die politische Rechte im Tessin fordert lautstark einen «Inländervorrang strong». Dieser darf aber juristisch gesehen nicht über den in Bern beschlossenen «Inländervorrang light» hinausgehen.

Gewerbe und Handel sind besorgt

Die Diskussion schaffe grosse Verunsicherung und Instabilität, beklagt der Direktor der Tessiner Handelskammer Luca Albertoni. Die politischen Spannungen seien Gift für die Wirtschaft.

Eine aktuelle Konjunkturumfrage der Handelskammer zeigt: Die Tessiner Exportwirtschaft hat ihren Output in den vergangenen 15 Jahren verdreifacht und kann sich auf konkurrenzstarken internationalen Märkten durchsetzen. Im Tessin herrscht faktisch Vollbeschäftigung.

Ein Paradox

Mazzolenis Umfrage spiegelt ein Paradox: 83 Prozent der Tessiner Stimmbürger stimmen zu, dass Grenzgänger einen wichtigen wirtschaftlichen Beitrag leisten. Trotzdem sind zwei Drittel der Stimmbürger überzeugt, dass der Grenzgänger-Anteil dem Wohlstand der Einheimischen schadet.

Alexander Grass

Alexander Grass

Der ehemalige Produzent und Moderator der Sendung «Echo der Zeit» berichtet heute regelmässig als Korrespondent für Radio SRF aus dem Tessin.

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3 Kommentare

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  • Kommentar von Dölf Meier (Meier Dölf)
    Verdient man als Professor mehr als CHF 200000 im Jahr, so kann man sich kaum in die Situation eines Arbeiters versetzen, der wegen der Grenzgänger um einen anständigen Lohn oder gar um seinen Arbeitsplatz fürchten muss.
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  • Kommentar von Hans Haller (panasawan)
    In diesem Artikel werden nur wieder mantrahaft die alt bekannten Cliches bedient. Ueberfordert mit den Herausforderungen der heutigen Zeit sind offensichtlich ganz speziell die elitären Eliten, die wirklich nicht mehr begreifen was da um sie herum abläuft. Genau das lässt darauf schliessen, dass es mit deren adakemischen Intelligenz offenbar leider auch nicht weit her sein kann. Bildung schützt vor Torheit nicht. Denn da steht er nun der akademisch gebildete Tor und ist so klug wie zuvor.
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    1. Antwort von paul waber (sandokan)
      Vor allem unsere Links-Intellektuellen sagen dem blöden Volk, was es zu denken hat....
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