Haben Kiffer Psychosen oder kiffen Psychotiker?

Ein Mann hatte im letzten Frühjahr mit einem gestohlenen Auto in Basel zahlreiche Personen verletzt und eine getötet. Er soll unter psychotischen Störungen gelitten haben. Ausgelöst durch Cannabis-Konsum. Die Wissenschaft indes streitet über den Zusammenhang von Cannabisgenuss und Psychosen.

Gegenlichtaufnahme eines Mannes, der an einem Joint saugt.

Bildlegende: Die Meinungen gehen auseinander: In wie weit Cannabis-Konsum vermehrt zu Psychosen führt, ist nicht gesichert. Reuters

Der Verdacht ist nicht neu. Der unverhältnismässige Gebrauch der «weichen» Droge Cannabis kann psychische Beschwerden verursachen. Vor allem wenn Menschen in sehr jungen Jahren zu Cannabis-Produkten greifen und diese regelmässig konsumieren, kommt es zu Veränderungen der Gehirnentwicklung.

Psychosen auf dem Vormarsch?

Die Folgen sind bedenklich. Sie reichen von einer Beeinträchtigung der Gedächtnisleistung bis hin zu schweren depressiven Störungen und dem Verlust intellektuellen Potentials. Ob ein exzessiver Cannabisgebrauch tatsächlich auch zu schweren Psychosen führt, darüber scheiden sich die Geister – zumindest in der Wissenschaft.

Für die Chefärztin der universitären psychiatrischen Kliniken beider Basel gibt es keine Zweifel. In einem Interview mit «20 Minuten» zieht Anita Riecher-Rössler eine trübe Bilanz. «60 bis 70 Prozent der Personen mit Psychose-Ersterkrankungen [...] kiffen oder haben gekifft», wird die Ärztin zitiert. Allerdings räumt auch sie ein: Bislang fehlen Beweise dafür, dass Psychosen grundsätzlich im Zunehmen begriffen sind.

Experten bei der Schweizerischen Gesundheitsstiftung «Sucht Schweiz» relativieren diese Einschätzung allerdings. Auf Anfrage von «SRF News Online» schreibt deren Mediensprecher Simon Frey: «Diese Zahl können wir so nicht bestätigen. [...] Immerhin lässt sich sagen: Zwischen Cannabisgebrauch und Psychosen sowie Depressionen besteht ein Zusammenhang. Vor allem bei häufigem Konsum sowie bei einem frühen Einstieg in den Cannabisgebrauch. Es ist aber wissenschaftlich umstritten, ob dieser Zusammenhang ursächlich ist.»

Diese Ursächlichkeit bezieht sich auf eine nicht endgültig geklärte Frage: Ob Cannabis-Konsumenten tatsächlich in erhöhtem Mass zu Psychosen neigen, oder ob Menschen mit Psychosen vermehrt dem Cannabis-Konsum zugetan sind.

Jeder siebte Kiffer depressiv

Besser abgestützt sind Zusammenhänge zwischen Cannabis-Konsum und anderen psychischen Störungen. Die grosse Schweizer Gesundheits-Befragung (SGB) aus dem Jahr 2007 setzt verschiedene «Cannabisgebrauchsgruppen» in Bezug zu psychischen Beschwerden und Symptomen.

Untersucht wurden diesbezüglich Depressionen, übermassige psychische Belastung, Schwäche sowie Energielosigkeit aufgrund von Cannabis-Konsum. In allen Bereichen sind Signifikanzen nachgewiesen worden – wenn auch in unterschiedlichem Ausmass. Unter den Befragten fanden sich sowohl aktuell konsumierende Probanden als auch Ex-Kiffer.

Immerhin 13.9 Prozent aller befragten Kiffer, die ein- oder mehrere Male pro Woche zum Joint greifen, gaben an, mindestens einmal an einer qualifizierten Depression gelitten zu haben. Bei den Nicht-Kiffern belief sich die Zahl der Leidenden auf 4.7 Prozent.

Über den Unbill hoher psychischer Belastung klagten 7.3 Prozent (Nicht-Kiffer 3.9 Prozent). Starke Energielosigkeit wurde von immerhin 12.6 Prozent der aktuell noch Cannabis konsumierenden Befragten genannt. Bei Personen ohne Cannabis-Erfahrung waren es 6.5 Prozent. 11.8 Prozent befanden sich gar wegen psychischer Probleme in Behandlung (4.6 Prozent bei Nicht-Kiffern).

Augenfällig sind auch die Ergebnisse unter jenen Probanden, die das Kiffen aufgegeben haben. 9 Prozent der einst regelmässig konsumierenden Befragten (sechs oder mehr als sechs Mal pro Woche) litten unter Depressionen. 6.8 Prozent beklagten schwere psychische Belastungen, Energielosigkeit war für 8.9 Prozent ein Problem und 8.7 Prozent befanden sich wegen psychischer Probleme in Behandlung.

THC-Gehalt kein Indiz

Dass das vermehrte Auftreten von psychischen Störungen auf die in den letzten 40 Jahren um das Zehnfache angestiegene Konzentration des psychoaktiven Wirkstoffs THC (Tetrahydrocanabinol) in Cannabispflanzen zurückzuführen ist, wird von «Sucht Schweiz» ebenfalls in Frage gestellt.

Der THC-Gehalt von Cannabis hänge nur indirekt mit der konsumierten Menge zusammen, da die Konsumierenden bei der Zubereitung eines Joints mehr oder weniger Cannabis beimischen könnten, schreibt Frey. Ein Zusammenhang bestehe allenfalls bei häufigem Konsum sowie bei frühem Einstieg.

Zu den Zusammenhängen zwischen der Wahrscheinlichkeit von Psychosen und in der klandestinen Cannabisproduktion eingesetzten Düngemitteln und Pestiziden liegen aus der Forschung bislang kaum Daten vor. Immerhin schliesst Frey nicht aus, «dass solche Substanzen auch psychoaktive Wirkungen entfalten können.»

Kiffen - Genuss oder Sucht

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Was ist eine Psychose?

Psychosen sind schwere psychische Störungen, die durch den zeitweiligen Verlust des Realitätsbezugs gekennzeichnet sind. Man unterscheidet organische Psychosen und nicht-organische Psychosen. Erstere sind bei Hirnverletzungen oder Drogenkonsum verbreitet. Nicht-organische umfassen alle schizophrenen Formen sowie bipolare Störungen.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

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