Happige Vorwürfe gegen die Unia

Ehemalige Mitarbeiter der grössten Schweizer Gewerkschaft beschweren sich über schlechte Arbeitsbedingungen. Die Unia setze die Angestellten mit völlig unrealistischen Leistungszielen unter Druck.

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Image der Unia bröckelt

4:05 min, aus 10vor10 vom 17.7.2015

Eine Gewerkschaft setzt sich naturgemäss für die Interessen der Arbeitnehmenden ein. So auch die Unia. Ehemalige Mitarbeiter der grössten Gewerkschaft der Schweiz, die eine Gegen-Gewerkschaft gegründet haben, erheben nun aber happige Vorwürfe gegen ihren früheren Arbeitgeber. Die Unia behandle ihre Angestellten schlecht und setze unrealistische Leistungsziele.

Dieser Meinung ist auch Nicole Schnetzer. Der Mutter von drei Kindern wurde vor drei Monaten bei der Unia gekündigt – man war nicht zufrieden mit ihren Leistungen. Schnetzer sagt aber, dass man schier Unmögliches von ihr erwartet habe. «Von uns wird verlangt, dass wir pro Tag auf zehn Baustellen gehen, mindestens 40 Gespräche führen und im Schnitt 1,5 neue Mitglieder anwerben.» Am Abend werde verglichen, wer mehr geschafft habe und dabei würden jene blossgestellt, die das Soll nicht erreicht haben.

Bauarbeiter mit Uniahelm.

Bildlegende: Die Angestellten der Unia müssen jeden Tag zehn Baustellen besuchen und 1,5 neue Mitglieder anwerben. Keystone

Es gehe nur ums Geld

Ihre Kündigung will sie mit der Hilfe von Mario Ricciardi anfechten. Er war elf Jahre lang in leitender Position bei der Unia tätig, hat dann aber gekündigt und vor einem Jahr eine kleine Gegen-Gewerkschaft gegründet. Er glaubt, dass es der Unia nur noch um Mitglieder- und Machtzuwachs gehe. Sie gebe vor, eine grosse und starke Gewerkschaft zu sein, aber im Hintergrund gehe es immer ums Geldmachen. «Dieser Druck wird auf die bezahlten Angestellten abgewälzt. Das geht so nicht!»

Philipp Arnold, Personalchef der Unia, will von diesem Vorwurf nichts wissen. Die Unia setze zwar Zielvorgaben, diese seien aber realistisch. Er beteuert, dass die Unia sehr gut mit ihren Angestellten umgehe. «Unsere Mitarbeiter kommen gerne zur Arbeit.» Einen Beweis für die Mitarbeiterzufriedenheit sieht Arnold in der tiefen Fluktuation bei der Gewerkschaft. «Wir haben Angestellte, die sehr lange bleiben und unser Personalwechsel ist tiefer als im schweizerischen Durchschnitt.»

Starke Gewerkschaft braucht Wachstum

Seit der Gründung 2004 setzt die Unia auf Grossdemonstrationen und eine professionelle Organisation im Kampf gegen den Mitgliederschwund. Die Strategie scheint aufzugehen, denn seit fünf Jahren legt die Gewerkschaft stetig zu und hat heute fast 200'000 Mitglieder.

Personalchef Arnold sagt, dass eine starke Gewerkschaft Wachstum brauche und dies nur über eine professionelle Mitgliederwerbung gehe. Dafür seien aber auch Mitarbeiter nötig, «die motiviert sind und gute Arbeit leisten.»

Für Mario Ricciardi hat sich die Unia jedoch vom gewerkschaftlichen Geist verabschiedet und sei als Arbeitnehmervertreterin nicht mehr glaubwürdig. Wenn sie andere Firmen oder Konzerne wegen der Arbeitsbedingungen anprangere und bei sich selbst nicht zum Rechten schaue, dann sei das sehr stossend. «Eine Gewerkschaft muss als Vorbild da sein.»