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Schweiz Höhere Arbeitslosenquote wird zur Normalität

Vor 15 Jahren lag die Arbeitslosenquote halb so hoch wie heute. Seither ist sie nie mehr ähnlich tief gefallen; auch dann nicht, wenn die Wirtschaft rund lief. Möglicherweise müssen wir uns in Zukunft an Arbeitslosenquoten von mindestens 3 Prozent gewöhnen.

Boris Zürcher ist nicht erstaunt, dass die Arbeitslosigkeit in den letzten Jahren nie mehr unter 2 Prozent gefallen ist. Der Schweizer Arbeitsmarkt sei seit der Finanzkrise 2008 unter Dauerdruck, sagt der Leiter der Direktion für Arbeit beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). «Der Arbeitsmarkt konnte sich deshalb nie mehr in der Art erholen, wie er dies Mitte des letzten Jahrzehnts noch konnte», so Zürcher.

Doch an den anhaltend hohen Arbeitslosenzahlen ist nicht nur die ungünstige Wirtschaftslage schuld. Die Qualifikationsanforderungen seien für alle gestiegen, stellt Zürcher fest. Angebot und Nachfrage könnten nicht immer zusammengebracht werden. «Es ist deshalb gut möglich, dass wir eine leicht steigende strukturelle Arbeitslosigkeit haben.»

Symbolbild: Eine Person liest den Stellenanzeiger.
Legende: Der Strukturwandel führt zu höheren Arbeitslosenzahlen. Keystone Archiv

Vor allem Mittlelqualifizierte betroffen

Ähnliches beobachtet auch Michael Siegenthaler von der Konjunkturforschunsstelle KOF der ETH Zürich. Vor allem Personen in Büroberufen oder solche, die relativ einfache, routinierte Arbeitsabläufe an Maschinen verrichten, hätten zunehmend Mühe auf dem Arbeitsmarkt, stellt er fest. Entweder seien ihre Stellen wegrationalisiert worden oder sie seien durch den technischen Fortschritt weggefallen.

Diese mittelhoch qualifizierten und bezahlten Berufsgruppen seien besonders stark von der strukturellen Arbeitslosigkeit bedroht. Ein kleineres Risiko, arbeitslos zu werden, hätten dagegen sowohl die hochqualifizierten Angestellten, wie auch die tief bezahlten Berufsgruppen. Dazu zählt Siegenthaler etwa Aushilfs- und Temporärjobs. Er spricht deshalb von einer Polarisierung des Arbeitsmarktes, der insbesondere die mittelgut Qualifizierten betreffe.

Weiter steigende Arbeitslosigkeit

Etwas anders sieht dies der Chefvolkswirt der Zürcher Kantonalbank, David Marmet. Er geht davon aus, dass die Qualifikationsanforderungen immer höher werden. Deshalb: «Es ist davon auszugehen, dass die strukturelle Arbeitslosigkeit weiter ansteigen wird», ist er überzeugt. Angesichts dieser Ausgangslage werde es in Zukunft kaum je wieder eine Arbeitslosenquote von unter 3,5 Prozent geben. «Und in schlechten Zeiten dürfte es über 4 Prozent gehen.»

Weniger pessimistisch ist Boris Zürcher vom Seco. Er schliesse nicht aus, dass die Arbeitslosenquote auch wieder unter 3 Prozent sinken könnte. Allerdings müsste sich dafür die wirtschaftliche Situation beruhigen und die Konjunktur verbessern. Das wird wohl nicht im laufenden Jahr passieren, darin sind sich Seco, KOF und ZKB einig. Laut dem Seco dürfte die Arbeitslosenquote 2016 im Jahresmittel 3,6 Prozent betragen.

19 Kommentare

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  • Kommentar von S. Meier (SM)
    Hier noch ein paar Gedanken von Klaus Schwab zur Zukunft: Klaus Schwab fordert «ganz neu zu denken» und ein «Mindesteinkommen»! Menschen sind nicht fürs Nichtstun geschaffen. Wir müssen arbeiten. Klaus Schwab: Ja, aber menschliche Entfaltung muss nicht unbedingt wirtschaftlich sein. Sie kann auch kulturell oder sozial erfolgen. http://www.blick.ch/news/wirtschaft/wef-gruender-klaus-schwab-ueber-die-vierte-industrielle-revolution-in-der-schweiz-fallen-200000-buerojobs-weg-id4538228.html
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  • Kommentar von Manuela Fitzi (Mano)
    Ich möchte mal die Auflistung der viel erwähnten "Fachkräfte", "Hochqualifizierte" und "Niedrigqualifizierte" lesen. Sind denn Umschulung, Weiterbildung gar nicht möglich? Ausserdem werden die benötigten Fachspezialisten sehr oft von 3.Staaten geholt (Arzt, Pharma-USA, IT-Indien usw.). Diese können ja mit der Kontingentierung auch ins Land. Die Bürokratie, was die Prüfung der Stellengesuche bedeutet, wird mit der Kontrolle der flankierenden Massnahmen locker wettgemacht. Wo ist denn das Problem?
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  • Kommentar von Beppie Hermann (Eine rechte Grüne)
    Woran müssen wir uns weiter wohl noch gewöhnen? Kommt die Zeit, in der auch wir in Städten selbstverständlich Atemmasken tragen müssen, überall nur noch Recyclingwasser aus den Hähnen fliessen wird, die Grünen, Natur-+Artenschutzorganisationen überflüssig, die Agrarflächen mehrheitlich in Entwicklungsländer ausgelagert sein werden. Kommt der Tag, an dem diese Länder unsre gepachteten und aufgekauften Anbauflächen wegen Eigenbedarf zurückfordern. Was dann? So dekadent wie wir, lebt kein Tier!
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