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Holocaust in der Primarschule «Wir gehen bis an die Tore von Auschwitz, aber nicht hinein»

Eingangstor zum ehemaligen KZ Auschwitz
Legende: Weit über eine Million Menschen wurden im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, im heutigen Polen gelegen, ermordet. imago

Den Holocaust bereits auf Primarstufe behandeln? Die beiden Lehrbeauftragten Prof. Dr. Christian Mathis und Urs Urech haben für 5.- und 6.-Klässler ein entsprechendes Lehrmittel entwickelt. Es wird aktuell in verschiedenen Kantonen getestet.

Im Lehrplan 21 ist nicht vorgesehen, dass schon zwölf- und dreizehnjährige Schüler von den Verbrechen im Naziregime erfahren. Allein, wie die beiden Verfasser Mathis und Urech betonen, besteht bisweilen schon auf Primarstufe Klärungsbedarf.

«Sie wussten nicht, wer die Opfer sind»

«Das Lehrmittel ist aufgrund einer empirischen Studie entstanden. Diese hat gezeigt, dass Fünftklässler schon einiges an Vorwissen über den Holocaust haben, ihnen aber relevante Aspekte unbekannt sind: Sie wussten nicht, wer die Opfer sind. Einige meinten, man könne die betroffenen Menschen aufgrund ihres Äusseren erkennen. Und vereinzelt glaubten sie, dass diese etwas Schlechtes gemacht haben müssen, weil man ihnen solche Gräueltaten sonst nicht angetan hätte.»

Das Lehrmittel von Mathis und Urech versammelt Biografien von Flüchtlingskindern. Dies ermögliche es den Grundschülern nicht nur, die Perspektive der sieben- bis sechzehnjährigen Opfer einzunehmen. An den chronologisch erzählten Lebensgeschichten liessen sich – vom Judenstern bis zu Konzentrationslager – auch die systematische Ausgrenzung an Einzelfallschicksalen sichtbar machen.

«Wir hausieren nicht mit Gräueltaten»

«Wir hausieren nicht mit Gräueltaten», streicht Mathis heraus. «Wir zeigen, dass es Geschichten mit schlechten Enden gab, aber auch solche, die versöhnlich endeten. Entsprechend der Metapher: Wir gehen bis vor die Tore von Auschwitz, aber wir gehen nicht hinein.»

Wieviel Verantwortung hier Lehrern und (Mit-)Schülern zukommt, ist auch Beat W. Zemp, dem Präsidenten des Schweizer Lehrerverbandes, bewusst. Eine zu frühe Vermittlung des Themas hält er für unangebracht. Doch das Lehrmittel von Christian Mathis und Urs Urech erachtet er als Chance.

SRF News: Herr Zemp, ist der Holocaust Schulstoff für die Primarstufe?

Beat W. Zemp: Grundsätzlich soll die Vermittlung des Holocaust erst auf der Sekundarstufe stattfinden. So sieht es der Lehrplan 21 vor. Wenn aber Primarschüler mit entsprechenden Fragen kommen, ist es gut, wenn die Lehrpersonen nun ein geprüftes Lehrmittel zur Hand haben. Sie müssen dann selbst entscheiden, ob sie die Fragen mit dem Schüler allein oder mit der gesamten Klasse klären.

Das von Christian Mathis und Urs Urech herausgegebene Lehrmittel ist geschickt gemacht: Es versammelt Biografien von Kindern und bedient so den Erfahrungshorizont der Fünft- und Sechstklässler. Es gibt Geschichten wieder, von Kindern, die überleben; es sind ja nicht alle Kinder gestorben. Und es geht stufengerecht noch nicht auf die systematische Vernichtungsstrategie ein. Diese «Endlösung» des Naziregimes wird erst auf der Sekundarstufe behandelt.

Welchen Nutzen hat es, wenn die Schüler vom Holocaust erfahren?

Dass man aus der Geschichte lernen kann und soll, ist einer der Hauptgründe für den schulischen Geschichtsunterricht. Will heissen: Ethnische Säuberungen können auch heute wieder passieren. Das ‘Nie wieder’ ist daher in Deutschland zum Credo geworden, das in den Schulen vermittelt werden muss.

Je mehr Gewicht in einer ganzen schulischen Laufbahn auf die Verbrechen im Dritten Reich gelegt wird, desto weniger kann man zwangsläufig von anderen historischen Ereignissen berichten...

Man kann in der Schule nicht alles lernen. Der Holocaust steht aber als Beispiel für besonders abscheuliche Verbrechen. Er zeigt, wie weit eine Führer-Diktatur gehen kann, wenn man nicht rechtzeitig auf politischer Ebene Gegensteuer gibt. Hat man die systematische Ausgrenzung und Vertreibung von Minderheiten verstanden, kann man besser begreifen, was mit den Rohingya in Burma oder den Tutsis in Ruanda geschah.

Was nützen die Bemühungen der Lehrer, den Holocaust zu verurteilen, wenn ihn antisemitische Musiker – wie jüngst Farid Bang und Kollegah – verharmlosen?

Im Unterricht kann sich durchaus eine Diskussion darüber ergeben, warum es Menschen oder Musiker gibt, die den Holocaust leugnen, verniedlichen oder sogar gutheissen. Eine Lehrperson kann mit ihrer Klasse beispielsweise einen solchen Rap anhören und die Schüler danach fragen, was sie davon halten. Dann kann sie die geschichtliche Realität aufzeigen und die Schüler erneut nach ihrem Empfinden fragen.

Das ist im Unterricht auf der Sekundarstufe im Fach «Ethik, Religionen und Gemeinschaft (ERG)» nur eine von vielen Möglichkeiten, mit denen eine Lehrperson und ihre Klasse auf ethische Richtlinien und Werte vertieft eingehen können.

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