Im Operationssaal soll Kritik möglich sein

Die Stiftung Patientensicherheit hat ein Pilotprojekt zur Erhöhung der Sicherheit im Operationssaal lanciert. Damit soll ein Kulturwandel erreicht werden. Der Chefchirurg soll nicht mehr unantastbar sein und zu Kritik ermuntern.

32 Spitäler in der ganzen Schweiz haben sich für die Teilnahme am Pilotprojekt «progress! Sichere Chirurgie» der Stiftung für Patientensicherheit gemeldet. Zehn davon können teilnehmen, wie die Stiftung mitteilte. Ziel des Projekts ist ein Kulturwandel im Operationssaal.

Ein solches Echo habe man nicht erwartet, sagte Paula Bezzola, Programmleiterin von «progress!». Immerhin hätten die Spitäler auch so genug zu tun. «Sie haben wohl nicht gerade auf uns gewartet.» Es spreche für die Wertschätzung des Projekts, zumal dessen Umsetzung auch einen gewissen Aufwand an Umdenken und Schulung mit sich bringe.

Denn mit der Checkliste verbunden ist ein eigentlicher Kulturwandel im Operationssaal, so Bezzola. Der Chef dürfe nicht unantastbar über allem stehen, sondern müsse selbst zu Kritik ermuntern. Und die Teammitglieder ihrerseits müssten sich trauen, etwas zu sagen, wenn ihnen etwas falsch vorkomme.

Aufgrund von Geld- und Personalmangel habe man nicht mehr als zehn Spitäler ins Projekt einbeziehen können, sagte Bezzola. Jene, die nicht berücksichtigt wurden, könnten aber die Massnahmen für mehr Patientensicherheit im Operationssaal aufgrund einer Grundlagenschrift selbstständig einführen.

WHO-Checkliste seit 2009

Eine Checkliste wurde schon im Dezember in allen Spitälern verteilt. Sie erläutert die korrekte Anwendung der chirurgischen Checkliste, die den Kern des Projekts ausmacht. Die Projektspitäler vertiefen den Prozess in regelmässigen Workshops.

Die WHO-Checkliste für den Chirurgiebereich gibt es seit 2009 in verschiedenen Ländern. Sie besteht aus drei Teilen mit jeweils einigen wenigen Fragen. Gecheckt werden verschiedene Aspekte zum Patienten, zum Eingriff und zum Material.

Die Liste ist aber nicht flächendeckend verbreitet. Und wenn, wird sie laut Bezzola häufig nur teilweise angewandt. So würden etwa nicht konsequent alle drei Listenteile abgearbeitet: Auf den letzten Teil, Fragen nach Abschluss der Operation, werde gern verzichtet.

Schweizweite Koordination

Das Projekt will nun die systematische, korrekte Anwendung vorantreiben und schweizweit koordinieren. Je nach Spital sind laut Bezzola individuelle Anpassungen nötig. Wichtig sei, dass die Anwendung überall standardisiert ist. «So ist sie nichts Neues etwa für einen Assistenzarzt, der seine Stelle wechselt.»

Personen im Operationssaal

Bildlegende: Im Operationssaal soll mit Kritik besser umgegangen werden. Ein Pilotprojekt soll so die Sicherheit erhöhen. Keystone/Archiv

Im Frühling/Sommer 2015 wird das – einschliesslich Vorbereitungszeit – rund dreijährige Pilotprojekt abgeschlossen, so Bezzola. Dann werde man Bilanz darüber ziehen, was hilfreich gewesen war, was geändert werden muss und dergleichen. Und dann wiederholt die Stiftung auch eine Umfrage zu Anwendung und Beurteilung der Checkliste, auf welcher das Pilotprojekt basiert.

Damals fanden gut zehn Prozent der befragten Chirurgen, OP-Mitarbeitenden und Anästhesisten, die Liste behindere ihre Arbeit. Lägen sie allerdings selbst auf dem OP-Tisch, würden 87 der Befragten die korrekte Checklisten-Anwendung wünschen.

Hinter dem Projekt stehen sämtliche chirurgischen Fachgesellschaften und die Berufsverbände des OP-Personals und der Anästhesiepflege. Die schweizerische Gesellschaft Chirurgie arbeitet aktiv mit und der Bund unterstützt das Programm finanziell.

Diese zehn sind dabei

Centre Hospitalier Universitaire Vaudois, Freiburger Spital/Hôpital Fribourgeois, Hôpital de la Tour, Kantonsspital Baden AG, Kantonsspital Graubünden, Kantonsspital Münsterlingen TG, Kantonsspital Uri, Spitalzentrum Biel AG, Universitätsspital Basel, Universitätsspital Zürich.