Internetsucht: «Wenn ich online war, konnte ich vergessen»

Rund 70'000 Menschen in der Schweiz verbringen zu viel Zeit im Internet, vor allem Junge sind betroffen. Ab wann wird das chatten, gamen oder surfen zur Sucht? Und wie findet man wieder heraus? Wer ist gefährdet? Ein Betroffener und sein Therapeut im Interview.

Gamen mit andern: Wenn es nichts mehr anderes gibt, dann ist die Sucht da.

Bildlegende: Gamen mit andern: Wenn es nichts mehr anderes gibt, dann ist die Sucht da. Keystone

Der Betroffene ist ein 27-jähriger Mann. Er ist in Behandlung bei Franz Eidenbenz, Psychologe mit Spezialgebiet Neue Medien.

SRF News: Wann kamen Sie das erste Mal mit dem Internet in Berührung?

Ich sass schon als Kind oft vor einem PC. Mein Onkel hatte einen. Zudem ging ich jedes Wochenende zu meiner Grossmutter, wo ich jeweils Games spielen durfte. Später erhielt ich dann einen eigenen Computer.

Ab wann wurde es für Sie zur Sucht?

So mit 12 oder 13 habe ich öfter zu spielen begonnen, mit Kollegen. Es wurde dann immer mehr. Ich wollte dabei sein, wollte weiterkommen. Und gleichzeitig konnte ich beim Gamen eine Art Maske anziehen, mich verstecken.

Wovor versteckten Sie sich?

Es war für mich einfach zu viel auf einmal. Ich fing gerade mit der Lehre an und meine Eltern trennten sich. Wenn ich mit Kollegen rausging, war ich traurig. Aber wenn ich online war und gespielt habe, konnte ich meine Sorgen vergessen. Zudem konnte ich mit meinen Gamer-Kollegen über mich reden.

Wie viele Stunden waren Sie im Netz?

Bis zu fünf Stunden pro Tag, mit Spielen aber auch in Foren, wo ich mich austauschte.

«  Als dann aber unsere Tochter auf die Welt kam, hab ich gemerkt, dass sie mich braucht und ich etwas ändern muss »

Betroffener

Welche Auswirkungen hatte die Sucht auf die Schule und Lehre?

Ich schwänzte ab und zu. Aber es war nie so extrem, dass man mich von der Schule geschmissen oder ich eine Verwarnung bekommen hätte. Ich kam immer ganz knapp um solche Massnahmen herum.

Wann merkten Sie, dass etwas nicht stimmt?

Als ich meine Frau kennenlernte. Sie meinte, dass ich zu oft im Netz unterwegs bin und alles andere vernachlässige. Zuerst sagte ich ihr, dass ich meine Zeit im Netz im Griff hätte, dass ich alles selber steuern könnte und alles andere trotzdem noch schaffe. Als dann aber unsere Tochter auf die Welt kam, hab ich gemerkt, dass sie mich braucht und ich etwas ändern muss.

Wie sieht heute nach der Therapie Ihr Internet-Verhalten aus?

Ich weiss, dass niemand beeinträchtigt werden darf wegen meines Internet-Konsums. Das heisst, ich bin erst dann am Gamen, wenn ich für meine Familie gesorgt und alles andere erledigt habe. Ich komme heute etwa auf ein bis zwei Stunden pro Tag. Bei meiner Arbeit ist das Netz kein Thema, weil ich nicht vor einem Bildschirm sitze.

Würden Sie sich als suchtbefreit bezeichnen?

Ich finde es schwierig zu sagen, ob ich noch süchtig bin oder nicht. Die Gefahr bleibt. Aber ich mache mir viele Gedanken zu meinem Konsum. Ich versuche, mich zu kontrollieren. Es hilft, wenn jemand mir immer wieder sagt, dass ich es gut mache, dass ich es geschafft habe.

Wie sieht Ihre Zukunft aus?

Ich habe meine Ausbildung abgeschlossen. Ich wechsle bald meinen Job, ich werde dort mehr Verantwortung haben. Es läuft eigentlich im Moment wirklich alles gut. Das wichtigste in meinem Leben, meine Familie und meinen Job, will ich mit dem Gamen nicht mehr aufs Spiel setzen.

Franz Eidenbenz über die Gefährdung und Tipps für die Eltern

Wer ist von der Internetsucht besonders betroffen?

Männliche Jugendliche im Alter von 12 bis 25 Jahren tauchen besonders häufig bei mir in der Beratung auf. Sie sind diejenigen, die punkto Online-Games am meisten gefährdet sind, weil die Games mit Abenteuer, Schlachten und Heldentum zu tun haben. Junge Frauen dagegen lassen sich viel weniger oft behandeln, obwohl sie mindestens so häufig wie die Männer auf Kommunikationsplattformen unterwegs sind. Das führt aber meistens nicht zu einer Auffälligkeit mit Behandlungsbedarf. Grundsätzlich gilt: Gehäufte, ungelöste Konflikte und Misserfolge erhöhen die Gefährdung einer Internetabhängigkeit.

Was raten Sie Eltern, deren Kinder zu oft im Netz unterwegs sind?

Die Eltern sollten mit den Jugendlichen Grenzen festlegen, wann und wie lange sie sich im Netz aufhalten dürfen. Am Abend muss eine fixe Uhrzeit abgemacht werden, wann mit dem Internetkonsum Schluss ist. Eltern sollten bei Bedarf das Handy am Abend einziehen und am Morgen wieder aushändigen. Am Tag ist der Handy-Konsum schwierig zu kontrollieren. Deshalb sollten die Eltern ihren Kindern die Zusammenhänge zwischen intensivem Handy-Konsum und Schulleistung sowie sozialem Umfeld anschauen.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Suchtpanorama 2016

    Aus Tagesschau vom 8.2.2016

    Alkohol bleibt die Schweizer Volksdroge Nummer eins. Die Zahl der Raucher nimmt nicht mehr ab. Und erstmals hat sich das Suchtpanorama auch mit der Internet-Sucht befasst.