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Von welchen Berufen träumen Jugendliche?
Aus Tagesschau vom 16.10.2020.
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Interview mit Forscherin «Jugendliche werden oft in geschlechtstypische Berufe gesteuert»

Noch immer wählen junge Frauen und Männer ihren Beruf mit Blick aufs traditionelle Rollenverständnis. Und Frauen trauen sich noch immer weniger zu, obwohl sie in der Schule besser sind. Soziologie-Professorin Irene Kriesi reflektiert die Hintergründe.

Irene Kriesi

Irene Kriesi

Professorin für Soziologie

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Irene Kriesi forscht am EHB, dem Eidg. Hochschulinstitut für Berufsbildung in Zollikofen. Sie hat untersucht, wie sich der Berufswunsch zwischen 15 und 21 Jahren verändert und welche Rolle Ausbildungstyp, Herkunft sowie das Geschlecht spielen.

SRF News: Frau Kriesi, Mädchen sind in der Schule oft besser als Jungen, mehr von ihnen kommen ins Gymi. Und dennoch sind sie beruflich weniger ambitioniert. Warum?

Irene Kriesi: Dafür dürften traditionelle Geschlechterrollenvorstellungen verantwortlich sein, die den Männern die Hauptverantwortung für das Familieneinkommen und den Frauen die Hauptverantwortung für die Kinder zuweisen. Dies führt dazu, dass junge Männer den Einkommens- und Karrieremöglichkeiten von Berufen mehr Gewicht beimessen als junge Frauen.

Eltern, Berufsberaterinnen und Lehrpersonen steuern Jugendliche oft in Richtung geschlechtstypischer Berufe.

15-jährige und, noch stärker, 21-jährige Frauen geben mehr «helfende» Berufe als Ziel an als Männer, die stark auf technisch geprägte Berufe setzen.

Für junge Männer, die sich die Rolle des Familienernährers vorstellen sowie für junge Frauen, die aus familiären Gründen Teilzeit arbeiten wollen, ist die Wahl eines geschlechts-untypischen Berufs wenig attraktiv. Dazu kommt, dass Eltern, Berufsberaterinnen und Lehrpersonen Jugendliche oft in Richtung geschlechtstypischer Berufe steuern.

Lässt sich das ändern? Muss sich das ändern?

Das lässt sich ändern, wie das Beispiel Primarlehrer zeigt: Der Beruf war vor einigen Jahrzehnten noch stark männerdominiert. Heute ist es umgekehrt. Und ja, das sollte sich ändern: Viele Frauen-dominierte Berufe sind schlechter bezahlt und bieten weniger Aufstiegsmöglichkeiten.

Eine ausgeglichenere Verteilung von Männern und Frauen kann auch dazu beitragen, dass der Fachkräftemangel in MINT-Berufen (Mathematik, Ingenieurwesen und Technik) und den Gesundheitsberufen gemildert wird.

Interessanterweise verändert sich der Berufswunsch zwischen 15 und 21 Jahren bei den Männern viel stärker als bei den Frauen – und zwar hin zu Status-höheren Berufen. Es müsste doch umgekehrt sein, weil mehr junge Frauen das Gymi besuchen.

Die Frauen besuchen häufiger das Gymnasium. Junge Männer wählen häufiger den Weg über eine Berufslehre und absolvieren die Berufsmatura oder eine höhere Berufsbildung. Die höhere Gymnasialquote bei den jungen Frauen sagt deshalb noch wenig über den später erreichten Bildungsabschluss und den Berufserfolg aus.

Die höhere Gymnasialquote bei den jungen Frauen sagt wenig über den später erreichten Berufserfolg aus.

Sie haben auch festgestellt: Wer eine Berufsausbildung mit eher tiefen Anforderungen startet, baut auch seine Aspirationen ab. Könnten diese Jugendlichen besser animiert werden, an ihre Chancen zu glauben?

Die Mehrheit der Jugendlichen steht in unserem Schulsystem vor dem Problem, dass sie sich früh für einen Ausbildungsberuf entscheiden müssen. In dieser Situation rücken automatisch die Berufe ins Zentrum der Aufmerksamkeit, die im Alter von 15 Jahren erreichbar scheinen. Oder eben einem Geschlechterklischee entsprechen.

Wichtig scheint mir deshalb für die Berufswahlphase, Junge dazu zu bewegen, langfristig zu denken und sich auch darüber zu informieren, welche Weiterbildungs- und Verdienstmöglichkeiten ein Erstberuf bietet. Das gilt für junge Frauen vielleicht noch mehr als für junge Männer. Zudem wäre es nützlich, wenn die tatsächliche Durchlässigkeit des Bildungssystems optimiert würde, damit Richtungswechsel einfacher werden. Eine Möglichkeit dazu besteht in der Förderung der Berufsmaturität, die den Jugendlichen den Zugang an die Hochschulen ermöglicht.

Das Gespräch führte Michael Perricone.

Tagesschau, 16.10.2020, 20 Uhr;

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27 Kommentare

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  • Kommentar von Manuela Fitzi  (Mano)
    Ich bin absolut einverstanden mit diesem Kapitel: "Die Mehrheit der Jugendlichen steht in unserem Schulsystem vor dem Problem, dass sie sich früh für einen Ausbildungsberuf entscheiden müssen." - Das ist ein Problem. Ich sehe Hunderte von CV-s jedes Jahr, wo die gelernten Coiffeusen, Metzger, Bäcker usw. es versuchen, in KV-Jobs Fuss zu fassen. Geht nicht! 1.: ihnen wurden wichtige Elemente der KV-Lehre nicht beigebracht (Rechtschreibung z.B.), 2.: Warum soll die Firma ein Experiment eingehen?
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  • Kommentar von Andy Gasser  (agasser)
    Aus persönlicher Erfahrung in der Informatik weis ich, dass bereits alles getan wird, um mehr Frauen für den Beruf zu begeistern. Was die Frau hier sagt stimmt so einfach nicht, es ist eine ideologische Behauptung. Denn noch leichter können wir den jungen Frauen den Einstieg in die IT nicht mehr machen, ohne die Jungs noch stärker zu benachteiligen. Schon heute würden weibliche Bewerberinnen automatisch bevorzugt. Es ist schlicht und einfach so, dass bei Mädchen kein Interesse an IT da ist.
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    1. Antwort von Manuela Fitzi  (Mano)
      Bei Jungs auch nur bedingt. Fakt ist, dass IT-Spezialisten mittlerweile vom PFZ-Raum und von allerwelt rekrutiert werden müssen, um den Bedarf der Schweizer Unternehmen zu stillen. Also nicht nur Mädchen, sondern den jungen Leuten im Allgemeinen erscheint dieser Beruf generell unattraktiv. Ebenso MINT. Zu viel denken passt der heutigen Jugend in CH einfach nicht.
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    2. Antwort von Joe McClane  (Joe McClane)
      @Manuela Fitzi: Dass die Jungen das Interesse daran verloren haben, könnte auch eben gerade daran liegen, dass sie ggü. den Mädchen künstlich benachteiligt werden. Ich habe da andere Erfahrungen mit Jugendlichen, die auf mich allgemein recht interessiert wirken. Aber es natürlich auch andere, keine Frage.
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    3. Antwort von Manuela Fitzi  (Mano)
      Herr McClane: Über Benachteiligung der Jungen kann in keinster Weise die Rede sein. Denn in der IT sind Frauen immer noch mit Lasso zu fangen, d.h., der Regelfall sind immer noch reine Männerteams. Da definiert sich geschlechterspezifische Benachteiligung gar nicht. Zudem wissen IT-Spezialisten, dass sie beim AG am Längeren Hebel sitzen und wissen ihre Interessen durchzusetzen. Nein. Es werden schon nicht genügend Junge ausgebildet. Die CH droht die gleiche Kathastrophe wie in der Medizin.
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    4. Antwort von Andy Gasser  (agasser)
      @Fitzi: Unsinn, es werden keine Lehrstellen mit "Spezialisten aus dem PFZ Raum" belegt. Lehrstellen werden von hier ansässigen, wohnhaften Personen belegt. Und um genau das geht es hier: Lehrstellen.
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  • Kommentar von Rolf Meier  (r0lf)
    Kommt das nur mir so vor oder haben die Kommentatoren hier praktisch allesamt ausgewogenere und besser begründete Meinungen als die Professorin? Wird da so lange geforscht, bis die beobachteten Ergebnisse der gewünschten Ideologie entsprechen? Tipp: Befragen Sie doch einfach mal 1000 Jungen und Mädchen, wie die den Beruf wählen. Und zwar ohne vorher ein gewisses Resultat anzustreben.
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    1. Antwort von Jeanôt Cohen  (Jeanot)
      Für die Professorin gilt genau das gleiche wie für alle Menschen, man seht das was man will sehen. Auch nach soll lang forschen. Nur die Begründung ist diverenzierter. Das heisst aber nicht das es auch stimmt. Ein berümte psychiater, Herr Dr. Adler sagte einst: behalte immer im Hinterkopf, es könnte auch ganz anders sein!
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