IS und Al Kaida: Wenn aus Zwergen Riesen werden

Der Islamische Staat verbreitet seine Gewalt zunehmend auch in westliche Ländern. Die Anschläge in Tunesien, Kuwait und Lyon zeigen – die Propaganda des IS verfängt. Womit muss der Westen in naher Zukunft rechnen? Ein Gespräch mit Reinhard Schulze, Professor für Islamwissenschaft an der Uni Bern.

SRF: In Tunesien hat ein Einzeltäter monströs agiert. Wie verbreitet ist der IS in nordafrikanischen Touristengebieten?

Reinhard Schulze: Tunesien ist nur ein Beispiel für die Länder, in denen sich Nischen ultraislamischer Kampfbünde gebildet haben. Bedrohlich ist, dass das Spektrum der Ultrareligiösen in Tunesien neben den im Land operierenden Bünden auch jene 3000 tunesischen Männer und Frauen umfasst, die zwischen 2013 und 2015 nach Syrien und Irak ausgereist sind und die eines der numerisch grössten ausländischen Kontingente des dortigen «Islamischen Staats» bildeten und für ihre Brutalität berüchtigt sind.

Welche zentralen Fragen werfen diese jüngsten Attentate auf?

Für mich stehen folgende Punkte im Raum: Was brutalisiert junge Mensch so, dass sie einzeln oder in kleinen Gruppen wie Anders Behring Breivik vor vier Jahren ohne jegliche Empathie Menschen erschiessen, köpfen oder kreuzigen? Wie gelingt es Bünden, eine solche Autorität über diese Männer auszuüben, dass sie schiessend in den Tod gehen? Und gibt es einen Masterplan hinter all den Aktionen? Die Antworten werden wir erst in einiger Zeit wirklich geben können.

Erstmals lassen sich Konkurrenzkämpfe innerhalb der islamistischen Gruppen ausmachen.

In der Tat werden wir Zeuge eines Konkurrenzkampfs zwischen Al Kaida und dem «Islamischen Staat». Mir scheint, dass Al Kaida wie ein Zauberlehrling 2013 hunderte von «Besen» zum Leben erweckt hat, die nun als Islamischer Staat ein Eigenleben führen und über die selbst Al Kaida die Kontrolle verloren hat.

Das will etwas heissen. Es mag also sein, dass Al Kaida versucht, wieder die Initiative zurückzugewinnen, und zwar durch Aktionen, die «ihr Markenzeichen» sind. So wie es sich schon in Paris beim Attentat auf «Charlie Hebdo» andeutete.

Die westlichen Zeitungen sind voller Schreckensnachrichten über ultrareligiöse islamische Gruppen. Kann man von einer medialen Inszenierung der Ultras sprechen?

Ganz gewiss – vor allem aber wirken die Medien wie eine Lampe, die den Schatten eines Zwergs als Riesen erscheinen lässt. Als Riese wahrgenommen und bestätigt, fühlt sich der Zwerg ermächtigt, nun wirklich zuzuschlagen. Da das Wahrnehmungsschema mit der Selbstauslegung der Ultras übereinstimmt, gewinnen diese an «medialem Kapital».

Manch junger Schwärmer ist geradezu magisch davon angezogen. Wenn die «Zwerge» ihnen dann noch Waffen, Fahnen, Macho-Posen und Macho-Sprüche zur Verfügung stellen, meinen sie, an dem Kapital tatsächlich teilzuhaben. Dabei sind sie lediglich billiges Werkzeug des Terrors – ein perfides Spiel.

Irgendwie werden so die Menschen in arabischen Ländern zu Geiseln einer Minderheit. Ein gutes Beispiel hierfür sind Irak und Syrien. Hier gelingt es rund 40'000 bis 50'000 IS-Leuten, etwa 9 Millionen Menschen, durch ihre Zwangsordnung zu kontrollieren.

Das Interview führte Andrea Christener.

Reinhard Schulze

Reinhard Schulze

Reinhard Schulze ist seit 1995 Professor für Islamwissenschaft und Neuere Orientalische Philologie an der Universität Bern.

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