Zum Inhalt springen

Abschaffung des Eigenmietwerts Ist die Trendwende bereits eingeläutet?

Seit Jahren scheitert jeder Anlauf, die Eigenmietwert-Steuer abzuschaffen. Diese Woche hat die Wirtschaftskommission einen neuen Anlauf zur Ablösung beschlossen. Der Weg dorthin bleibt aber noch lang und steinig.

Legende: Audio Wie weiter mit der Wohneigentumsförderung? abspielen.
4:14 min, aus Echo der Zeit vom 19.08.2017.

Das gab es noch nie: Einstimmig stellt die Wirtschaftskommission des Nationalrats diese Woche die Weichen in Richtung Abschaffung des Eigenmietwertes. Damit sei ein glasklares Zeichen gesetzt, meint Kommissionspräsidentin und SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer. Ein Zeichen, das die Trendwende einläuten könnte.

Die SP-Nationalrätin selber würde am liebsten nicht nur die Eigenmietwertsteuer abschaffen, sondern auch sämtliche Abzugsmöglichkeiten für Unterhalt und Schuldzinsen. So weit will die Wirtschaftskommission nicht gehen. Zugestimmt hat sie einem Vorschlag, der möglichst allen gerecht zu werden versucht: Hauseigentümerinnen, Mietern, aber auch dem Fiskus, dem keine Mindereinnahmen entstehen sollen.

Niemand will etwas verlieren – namentlich die Hauseigentümer nicht, die bislang stets gewisse Abzugsmöglichkeiten beibehalten wollten. Das ist heute anders: Erstmals hat der Hauseigentümerverband (HEV) im Frühling bekannt gegeben, er beharre nicht auf Abzügen.

Abzug für Ersterwerber?

Dennoch gelte es, an die Wohneigentumsförderung in der Verfassung zu denken, sagt Monika Sommer vom HEV. «Wohneigentum in der Schweiz ist nun mal teuer. Man ist auf Hypotheken angewiesen. Darum wäre es auch ein guter Anreiz, wenn ein Teil dieser Schulden in einer Anfangsphase abgezogen werden könnte.»

Ein neuer Abzug also für Ersterwerber – dem verschliesst sich auch SP-Nationalrätin Leutenegger nicht. Sie betont zwar, sie sei grundsätzlich gegen Abzüge. Aber denkbar wäre für sie, «dass man bei ganz tiefen Einkommen und Ersterwerbern für einen bestimmten Zeitraum einen Schuldzinsabzug zulassen könnte.»

Wir müssen auch prüfen, dass aufgrund von fehlenden Abzugsmöglichkeiten der Unterhalt der Liegenschaften nicht vernachlässigt wird.»
Autor: Hans-Ulrich BiglerGewerbeverbands-Direktor

Profitieren könnten Personen mit Einkommen bis 70'000 Franken für fünf bis zehn Jahre, so Leutenegger. Die Abzüge für Unterhaltsarbeiten wiederum behält der Gewerbeverband im Auge: Maler, Sanitäre, Schreiner – sie alle leben auch davon, dass Eigentümer ihre Häuser im Schuss halten. Zwar sagt Gewerbeverbands-Direktor und FDP-Nationalrat Hans-Ulrich Bigler, die Eigenmietwert-Steuer müsse weg. Aber: «Wir müssen vor allem auch prüfen, dass aufgrund von fehlenden Abzugsmöglichkeiten der Unterhalt der Liegenschaften nicht vernachlässigt wird.»

Bund entgingen 400 Millionen

Ganz andere Sorgen haben die Finanzdirektoren der Kantone. Würden der Eigenmietwert und alle Abzüge heute abgeschafft, entstünden allein beim Bund 400 Millionen Franken, hat der Bundesrat soeben berechnet. Nach einer Faustregel wären die Ausfälle bei Kantonen und Gemeinden doppelt so gross – also 800 Millionen.

Kein Wunder, sagt der Präsident der Finanzdirektorenkonferenz, Charles Juillard: «Man muss nun vorsichtig vorgehen, denn es gibt noch viele andere Steuerreformen.» Steuerprojekte wie die Unternehmenssteuerreform oder höhere Abzüge für Kinderbetreuung seien bereits aufgegleist. Das alles sorge bereits für Mindereinnahmen.

Banken halten Anpassung für unnötig

Skeptisch zeigen sich auch die Banken. Sie verdienen Geld mit den Schuldzinsen ihrer Kunden. Gibt es dafür keine Abzüge mehr, zahlen Hauseigentümer ihre Schulden schneller ab – das könnte bei den Banken die Einkünfte aus Schuldzinsen schrumpfen lassen. Gleichzeitig würde das die Verschuldung senken, und damit würde das Schweizer Finanzsystem als Ganzes sicherer, krisenfester, hielt eine Expertengruppe im Auftrag des Bundesrats unlängst erneut fest.

Die Banken kontern hingegen, sie vergäben bereits heute ihre Hypotheken nur nach strengen Kriterien. Sindy Schmiegel von der Bankiervereinigung: «Die Banken haben zusätzlich noch Massnahmen getroffen, um Risiken vorzubeugen. Wir beobachten im Markt, dass diese Massnahmen tatsächlich wirken. Das führt uns zu dem Urteil, dass wir heute keine Notwendigkeit sehen, dieses Bewertesystem anzupassen.»

Der Eigenmietwert

Der Eigenmietwert ist eine fiktive Mietzinseinnahme auf selbst bewohntem Wohneigentum, die der Einkommenssteuer unterliegt. Im Gegenzug können Schuldzinsen und Unterhaltskosten abgezogen werden. Das führt zu einer im internationalen Vergleich hohen Verschuldung der Privathaushalte.

36 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Beppie Hermann (Eine rechte Grüne)
    Abschaffung des Eigenmietwerts und der Unterhaltsabzüge ja, aber solange jeder andere seine Schulden, ja sogar Steuerschulden, Kredite, Ratenzahlungsverträge usf an seinen Steuern abziehen kann, sollten das bei Hyposchulden nicht anders sein.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Verena Schär (Emmental)
    Das ist doch wieder eine Diskussion wo es darum geht wo kann man am meisten heraushohlen. Das Feindbild Staat das viele Leute haben gurkt mich an. Das Thema sollte wirklich differenzierter diskutiert werden. Es ist heute so, dass man tiefe Hypo- und Sparzinsen hat also ist es logisch, dass der Ruf nach Abschaffung des Eigenmietwerts kommt, denn viele bezahlen mehr Steuern da tiefe Zinsen. Wo endlich ein Zeichen gesetzt werden sollte ist bei der rigorosen Mietzinssenkung auf gesetzlicher Ebene.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Elisabeth Frehner-Isenring (Denia)
      Lieben Dank. Ich habe mich jetzt genauer über die Grundgewinnsteuer informiert. Bei der Bank, die mich nur auf einen Link hingewiesen hat. Habe mal diese vage ausgerechnet. Ist ein happiger Betrag. Und auch hier ist eine hohe Verschuldung von Vorteil. Davon spricht praktisch niemand vor dem Kauf von Eigentum. Als ich früher mal Optionen kaufte, hat mich auch niemand auf die hohen Depotgebühren hingewiesen. Trau schau wem! Aber nicht den Banken.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Charles Dupond (Egalite)
      Bingo! Ein Staat funktioniert nur wenn sich die Buerger Fragen, was sie fuer ihn tun, statt wovor sie sich druecken koennen. Und auch eine Familie nur, wenn die Ehepartner sich fragen, was kann ich fuer die Familie tun, statt wie kann mir die Familie eine Sinekure bis zur Bahre bieten....
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Elisabeth Frehner-Isenring (Denia)
    Was mir als Eigenheimmitbesitzerin mehr umtreibt als der Eigenmietwert, ist diese Gewinnsteuer, die bei einem Verkauf automatisch anfällt. Und diese ist noch recht hoch. Wenn man diesen Aspekt mal thematisieren könnte? Die wenigsten Bänkler erzählen davon, wenn man einen Hypothekarvertrag abschliesst. Die kann man anscheinend umgehen, wenn man das Ganze auf einen späteren Erben überschreibt. Finde ich alles ganz suspekt. Muss man so Gesetze umgehen?
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Beppie Hermann (Eine rechte Grüne)
      Wenn Sie von Anfang an die Rechnungen für Erneuerungen und Unterhalt auf die Seite legen, so können Sie die am Ende vom Gewinn abziehen. Da kommt nach Jahrzehnten ganz schön etwas zusammen.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen