Starpädagoge im Zwielicht Jegge: «Es ist zu sexuellen Kontakten gekommen»

Er wurde geachtet und gefeiert. Ein Enthüllungsbuch änderte alles. Das erschütternde Geständnis eines Spitzenpädagogen.

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Fall Jürg Jegge

4:56 min, aus 10vor10 vom 7.4.2017

Das Wichtigste in Kürze:

  • Pädagoge Jürg Jegge gibt sexuelle Kontakte mit Schülern zu.
  • Er sei damals der Überzeugung gewesen, dass man den Unterschied zwischen Lehrer und Schüler möglichst klein halten sollte.
  • Er habe nie Gewalt angewandt, deshalb sei es in seinen Augen auch kein Missbrauch.
  • Das Missbrauchsopfer Markus Zangger ist von Jegges Geständnis erschüttert, aber auch erleichtert, dass man ihm nun glaubt.

Das Enthüllungsbuch des ehemaligen Schülers Markus Zangger hat das Bild des Pädagogen Jürg Jegge in der Öffentlichkeit unwiderruflich verändert. Seit der Veröffentlichung am Dienstag schwieg Jegge zu den Missbrauchsvorwürfen. Nun äussert sich Jegge erstmals. Sein Geständnis erschüttert.

Sexuelle Kontakte bestätigt

Jegge zögert zunächst mit seiner Antwort auf die alles entscheidende Frage, doch dann geht sie ihm scheinbar leicht über die Lippen: «Ja, es ist tatsächlich zu sexuellen Kontakten gekommen. Damals war ich der Meinung: Das ist eine gute Sache und im Interesse der Schüler.» Zangger sei nicht der einzige gewesen. Auch habe er gewusst, dass er strafbare Handlungen vornehme.

Er sei damals der Überzeugung gewesen, dass man den Unterschied zwischen Lehrer und Schüler möglichst klein halten sollte. «Ich war der Meinung, dass sexuelle Kontakte zur seelischen Befreiung und Entwicklung des Kindes beitragen.» Er sei nicht davon ausgegangen, dass es den Schülern schadet, das sei rückblickend ein grosser Fehler.

Vor 30 bis 40 Jahren habe man in seinen Kreisen an diese pädagogische Theorie geglaubt, was aus heutiger Sicht falsch sei. «Bei all meinem fortschrittlichen Lehrertum habe ich falsch eingeschätzt, dass ich für die Schüler eine Autoritätsperson bin», sagte er.

«Gewalt habe ich nie angewandt. Aus meiner Sicht war das kein Missbrauch.» Jegge betonte aber auch, dass er die Therapie heute nicht mehr anwenden würde.

«Es war eine gute Freundschaft»

Bezüglich des Buchs habe er aber eine andere Wahrnehmung der Ereignisse, als Zangger sie schildere. «Ich habe unser ganzes Verhältnis von Anfang bis zum Schluss anders gesehen», sagte er.

So erinnert er sich beispielsweise nicht daran, dass er so gewaltigen Druck auf Zangger ausgeübt habe. «Es war für mich einfach eine gute Freundschaft.» Im Rahmen dieser hätten sie dann auch später noch – ausserhalb der Therapie – ein paar Mal im gegenseitigen Einverständnis sexuellen Kontakt gehabt.

Das sagt Markus Zangger

Die Aussagen von Jürg Jegge haben das Missbrauchsopfer tief erschüttert. Wie er immer noch versuche, strafbare Handlungen zwischen einem Lehrer und seinen minderjährigen Schülern zu verharmlosen, sei widerlich. Zangger zeigt er sich aber auch erleichtert darüber, dass alles, was er über den Missbrauch geschrieben habe, nun bestätigt worden sei. «Das ist sehr befreiend, denn es gab Leute, die sich nicht sicher waren, ob sie mir glauben sollen.»

Will seine Sicht schildern

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Das sagt Zangger zu Jegges Interview

1:55 min, vom 7.4.2017

Jegge war vor allem vom Zeitpunkt der Bucherscheinung überrascht. Vor einiger Zeit bekam der bekannte Pädagoge zwar von Zanggers Anwalt ein Schreiben mit einer Geldforderung. Das Geld sei als Autorenhonorar für die Mitwirkung am Buch «Dummheit ist lernbar» und als Genugtuung für die sexuellen Übergriffe – die rechtlich verjährt sind – gedacht gewesen.

«Da habe ich mir einen Anwalt genommen.» Denn wenn er einfach gezahlt hätte, wäre das als Beweis gesehen worden, dass er etwas Unrechtes getan hätte. «Ich wollte mit Zangger zusammensitzen. Das ist aber nie passiert.» Schliesslich kam ein zweiter Brief mit einer kleineren Geldforderung und nun die Veröffentlichung des Buchs.

Ob er rechtliche Schritte einleiten wird, liess Jegge offen. Er müsse zuerst schauen, wie es weitergehe. Er wolle auch nicht gross zurückschlagen, «sondern einfach meine Sicht schildern».

Die Vorgeschichte:

  • Jürg Jegges ehemaliger Schüler Markus Zangger veröffentlichte am Dienstag zusammen mit dem Journalisten Hugo Stamm das Buch «Jürg Jegges dunkle Seite».
  • Darin beschreibt er, wie er mit 12 Jahren in eine Sonderschule im Zürcher Unterland versetzt und dort von Jegge jahrelang psychisch und sexuell genötigt wurde. So sollen sie beispielsweise unter dem Vorwand einer therapeutischen Massnahme gemeinsam onaniert haben.
  • In der Folge tritt Jegge als Ehrenpräsident der «Stiftung Märtplatz» zurück, einer Eingliederungsstätte für junge Menschen mit «Startschwierigkeiten», die er gegründet hatte. Die Stiftung reagierte schockiert auf die Vorwürfe.

Wer ist Jürg Jegge

Jürg Jegge ist ein Schweizer Pädagoge und Autor. Sein Erstlingswerk «Dummheit ist lernbar» erschien 1976 und wurde mehr als 200'000 Mal verkauft. Es gilt heute noch als Standardwerk für Pädagogik ohne Zwänge und wurde in verschiedene Sprachen übersetzt. Jegge ist ein Kritiker des Schweizer Bildungssystems. Er ist der Ansicht, dass der Mensch individuell nach seinen Stärken ausgebildet werden soll.

1985 gründete Jegge die «Stiftung Märtplatz» im zürcherischen Freienstein, eine berufliche Eingliederungsstätte für junge Menschen mit «Startschwierigkeiten». Nach 26 Jahren als Märtplatzleiter ging Jegge 2011 in Pension und wurde Ehrenpräsident der Stiftung.