Kein Besucheransturm auf die Expo Mailand

Die Weltausstellung zieht weniger Zuschauer an als erwartet. Am Pranger steht die italienische Expo-Leitung.

Die SBB hat an fast alles gedacht. Pünktlich zum Start der Expo verkehren viermal am Tag Sonderzüge von der Schweiz nach Mailand. In genau drei Stunden und 54 Minuten kommt man zum Beispiel von Basel im mailändischen Messebahnhof an. Wer es sich leisten kann, fährt 1. Klasse und wird vom Restaurantpersonal direkt am Platz bedient.

Die Kehrseite: Nur jeder vierte Sitzplatz ist durchschnittlich belegt. Das haben SRF News-Recherchen ergeben.Diese Zahlen gelten für den Monat Mai. Laut einer SBB-Sprecherin sieht die Auslastung im Monat Juni besser aus: 30 Prozent der Sitzplätze sollen mittlerweile belegt sein.

Windisch, Zürich, Rotkreuz

Ein Bus hält vor einem Gebäude an.

Bildlegende: Ein Reisecar der Eurobus AG. ZVG

Dass der Andrang zur Expo von Tag zu Tag variiert, erfährt man auch von der Eurobus AG. Die grösste Busflotte in der Schweiz unterhält einen täglichen Bustransfer nach Mailand. Der hält an verschiedenen Ortschaften, Windisch, Zürich, Rotkreuz, und gabelt die Expo-Besucher auf. Haben sich genügend Personen angemeldet, fährt der grosse «Comfort Bus», manchmal sogar der Doppelstock-Bus. Bei jeder zehnten Fahrt tourt aber ein Minibus.

Es kommt der Verdacht auf, dass die Weltausstellung nicht so gut läuft. Wer davon Ahnung haben muss, ist Andrea Arcidiacono. Er ist Sprecher des Schweizer Pavillons. Die gute Nachricht: Täglich drängen über 8000 Besucher in den Schweizer Pavillon. Die weniger gute: Davon seien nur 10 bis 20 Prozent Schweizer. Umgerechnet sind das 800 bis 1600 Besuche.

Doch auch die gute Nachricht verblasst ein wenig. Früher ging man nämlich von täglich 16'000 Besuchern im Schweizer Pavillon aus. Dazu sagt Arcidiacono allerdings: «Aufgrund kürzerer Öffnungszeiten der Weltausstellung in Mailand haben wir das Besucherpotential neu berechnet: Während der sechs Monate an der Expo 2015 werden 1,6 Millionen Besucher im Schweizer Pavillon erwartet, das sind 8700 Besucher pro Tag. Die Besucherzahl entsprechen somit den Erwartungen.»

Lässt man derweil die Öffnungszeiten ausser Acht und zieht die Daten von der Expo Hannover vom Jahr 2000 heran, verdüstert sich das Bild allemal. Damals haben 3'500'000 Besucher den Schweizer Auftritt besucht. Oder: 23'000 pro Tag. Das sind fast dreimal mehr Besucher als an der Mailänder Expo.

Wenn Besucherzahlen nicht der Hit sind, dann zählen manchmal andere Werte, zum Beispiel die Inneren. Nicht ohne Stolz erwähnt Arcidiacono: «Die Zeitung «Corriere della Sera» listet den Schweizer Pavillon als den inhaltlich besten auf.» Das spricht sich anscheinend bei den Besuchern um: «Jeder zehnte Expo-Besucher schaut sich auch im Schweizer Pavillon um. Das Resultat liegt im oberen Bereich verglichen mit früheren Schweizer Auftritten an Weltausstellungen», so Arcidiacono.

Portrait-Bild

Bildlegende: Alexander Grass, SRF-Korrespondent aus dem Tessin SRF

Trotzdem: Die Unterschiede zwischen den Besucherzahlen in Hannover 2000 und Mailand 2015 sind eklatant. Was können die Gründe dafür sein? SRF-Korrespondent Alexander Grass führt die schlechten Zahlen unter anderem auf das Missmanagement der Expo-Leitung zurück, welches viel Geschirr zerschlagen hat.

Die Planungsgeschichte der Weltausstellung 2015 lässt sich nicht nur unter «Pleiten, Pech und Pannen» einordnen. Für das endgültige Chaos sorgten die Bestechungsskandale. Schon Jahre vor der Eröffnung versank die Organisation tief im Korruptionssumpf. Manager und Politiker verteilten laut Ermittlern in Mailand wichtige Bauaufträge gegen Bezahlung. Als die Verantwortlichen abgezogen wurden, mussten sich die neuen Projektleiter mit den Baustellen beschäftigen, die ihnen hinterlassen wurden. Grass erwähnt die vielen Versprechen, die der Bevölkerung gemacht wurden: Autobahnen, U-Bahnverbindungen, neue Zuggeleise. «Die Versprechungen wurden nur teilweise eingehalten», so Grass.

So gesehen muss man die 8000 Besucher im Schweizer Pavillon mildernder betrachten. Und vielleicht kämpfen die Schweizer Vertreter nicht nur gegen den Schlendrian bei der Mailänder Expo an, sondern auch gegen den Bedeutungsverlust von Weltausstellungen generell.

Weltausstellungen mit zu hohen Erwartungen

Denn vermutlich ist der Grund des schwindenden Interesses ganz banal: Die Zeit der grossen Weltausstellungen ist vorbei. In Zeiten des Internets fühlt sich für die Jüngeren eine Weltausstellung antiquiert an. Eine Folge ist, dass die Erwartungen der Organisatoren immer wieder nach unten geschraubt werden. Ein Beispiel ist die Expo Hannover. Mit 40 Millionen Besucher wurde gerechnet. Am Ende zählten die Ticketverkäufer 18 Millionen Eintritte. Bei der Weltausstellung in Saragossa (2008) ging man von 7,5 Millionen Besuchern aus. Und auch hier gab es eine Enttäuschung: Nur 5,7 Millionen verirrten sich in den 25 Hektaren Ausstellungsfläche.

20 Millionen. Das ist die Marke, die sich die Organisatoren der Expo Mailand gesetzt haben. Die einzige bisher veröffentlichte Zahl der Expo-Leitung ist die Besucherzahl im Monat Mai, nämlich 2'700'000 Eintritte. Die Expo dauert ein halbes Jahr. Sollten auch in den kommenden Monaten gleich viele Tickets wie im Mai verkauft werden, kommt man auf 16'200'000 Besuche. Die Zielgrösse war allerdings 20'000'000.

Grosser Zulauf im 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert war das noch anders. Bereits die erste Ausstellung in London im Jahre 1851 zog 6 Millionen Besucher an. Damals lebten etwa sechs mal weniger Menschen in der Welt im Vergleich zu heute. 1889 wurde bei der Weltausstellung in Paris der Eiffelturm eingeweiht. 32,3 Millionen Besucher guckten sich das Spektakel an. Und 11 Jahren später, wieder in Paris, pilgerten 48,1 Millionen Menschen zur Weltausstellung. Den Besucherrekord hält allerdings Osaka. Die Expo im Jahr 1970 lockte 64,2 Millionen Besucher an. Seitdem befindet sich das Zuschauerinteresse im Sinkflug.

Resteverwertung

In Kisten liegen eine Unzahl verpackte Salzwürfel

Keystone

Die am Ende der Expo übrig bleibenden Lebensmittel werden voraussichtlich am Ende an mailändische NGO-Gruppen übergeben. Auch das Baumaterial des Pavillons wird weiter verarbeitet. Drei Viertel gelangt wieder in die Schweiz und wird weiterverarbeitet. Die Türme werden als Gewächshäuser in der Schweiz wiederverwendet, so der Mediensprecher.