Kennzeichnung für Lebensmittel – Experten kritisieren Nationalrat

Was ist drin im Essen, wo kommt es her und wie ist es verarbeitet? Das alles sollte eigentlich die neue Deklarationspflicht klären. Doch der Nationalrat will bei stark verarbeiteten Nahrungsmitteln Ausnahmen im Gesetz verankern. Konsumentenschützer kritisieren das.

Die Vorwürfe wiegen schwer: Die Lebensmittelindustrie wende zur Verteidigung ungesunder Fertigprodukte ähnliche Strategien an wie einst die Tabakindustrie beim Rauchen, sagt David Stuckler von der Cambridge University. Dabei würden Forschungsresultate beeinflusst, Zweifel in der Öffentlichkeit gesät, bei staatlichen Gremien interveniert.


Die Macht der Lebensmittelindustrie

4:21 min, aus Echo der Zeit vom 20.03.2013

«Eine Übersichtsstudie hat ergeben, dass Studien, die von der Industrie finanziert wurden, acht Mal häufiger als unabhängige Studien zu Schlüssen kommen, die im Sinne der Lebensmittelindustrie sind», so David Stuckler. Für den Mitautor einer Studie des medizinischen Fachblatts «Lancet» ist klar, dass die Lebensmittelindustrie die Bemühungen der Gesundheitspolitik aktiv untergräbt.

«Nicht nachvollziehbar Pauschalvorwürfe»

Auch Sara Stalder von der Stiftung für Konsumentenschutz beobachtet eine zunehmende Einflussnahme der Nahrungsmittelhersteller. «Wir sehen, dass die Lebensmittelindustrie sehr, sehr präsent ist – sowohl in der Verwaltung als auch in der Politik, aber eben auch in der Öffentlichkeit.»

«Das ist ein Pauschalvorwurf, den wir nicht nachvollziehen können», sagt Franz Schmid. Der Co-Geschäftsführer der Föderation der schweizerischen Nahrungsmittel-Industrien moniert zudem, dass die Kritik von Akteuren komme, mit den man bereits seit zehn Jahren am Dossier Ernährung und Übergewicht zusammenarbeite.

«Zusammenarbeit mit Industrie ist kontraproduktiv»

Doch genau diese freiwillige Zusammenarbeit mit den Behörden oder Patientenvertretern sei ein Problem, sagt David Stuckler. Es gehe beispielsweise nicht an, dass die internationale Diabetes-Föderation mit Nestlé zusammenspanne. Der Nahrungsmittelgigant sei nun einmal ein führender Produzent von stark zuckerhaltigen Produkten. Und Zucker sei eine der Hauptursachen von Diabetes, so Struckler.

Ausserdem gebe es keinen einzigen wissenschaftlichen Nachweis, dass eine solche Zusammenarbeit zielführend sei, so der Gesundheitsexperte. Im Gegenteil: Die Geschichte zeige – insbesondere am Beispiel Tabak – dass die Zusammenarbeit mit der Industrie schädlich sei. Sie führe zu jahrelanger Untätigkeit und damit zu vermeidbaren Todesfällen. Deshalb brauche es vielmehr staatliche Regulierungen.

Franz Schmid hingegen sieht in erster Linie die Konsumenten in der Verantwortung. «Wir begreifen uns als Teil der Lösung. Aber wir sind nicht dafür verantwortlich, was die Konsumenten ausserhalb unseres Einflusses machen.»

Nationalrat stellt sich vor Lebensmittelindustrie

Genau das bezweifelt Gesundheitsexperte David Stuckler. Mit ihrer Lobbyarbeit gegen mehr Deklarationen sei die Industrie für eine wahre Epidemie von Übergewicht, Diabetes und Herzkreislauferkrankungen mitverantwortlich.

Abilfe könnte mehr Transparenz bei der Herkunfts- und Verabreitungskennzeichung bringen, glaubt Sara Stalder vom Konsumentenschutz. Doch genau dagegen sträube sich die Lebensmittelindustrie.

Und auch Gesundheitsminister Alain Berset stellt sich vor die Nahrungsmittelhersteller. Ausnahmen bei der Deklaration stark verarbeiteter Lebensmittel müssten erlaubt sein. Denn schliesslich gehe es um einen Ausgleich zwischen den Interessen des Konsumentenschutzes und der Industrie, so seine Begründung.