Krankheitsrisiko Antibiotika

Für Wissenschaftler sind sie bereits die «grösste biologische Bedrohung für die Gesundheit der Bevölkerung»: Bakterien, die nicht mehr mit Antibiotika bekämpft werden können. Deshalb solle der Einsatz dieser Arzneimittel in der Nahrungsmittelproduktion generell verboten werden.

Bakterienkulturen in einer Schale

Bildlegende: Multiresistente Bakterien auf einer Petrischale: Tausende Todesfälle pro Jahr gehen auf das Konto dieser Keime. Reuters

Durch den übermässigen Einsatz von Antibiotika breiten sich resistente Bakterien aus. Eine Fachkommission des Bundes fordert nun, dass in der Schweizer Nahrungsmittelproduktion ganz auf Antibiotika verzichtet werden soll.

Der Einsatz von Antibiotika zur Wachstums- und Leistungsförderung ist in der Schweiz bereits seit 1999 verboten. Die Eidgenössische Fachkommission für biologische Sicherheit (EFBS) schlägt nun einen generellen Stopp für Antibiotika in der Nahrungsmittelproduktion vor. Dies geht aus einem Strategiepapier hervor, über das die «SonntagsZeitung» berichtet.

Auf der Prioritätenliste des Bundes

Daneben empfiehlt die Expertenkommission weitere Massnahmen für die Landwirtschaft und die Nutztierhaltung: Dazu gehören die Zucht robuster Tierarten, gesunde Haltungsformen sowie der Verzicht auf die Durchmischung von Beständen. Um den Wandel zu beschleunigen, fordern die Experten ein spezielles Label für eine Antibiotika-freie Fleischproduktion. Subventionen sollen zudem von der Abwesenheit resistenter Keime in Ställen abhängig gemacht werden.

Die Kommission bezeichnet Antibiotikaresistenzen als «grösste biologische Bedrohung für die Gesundheit der Bevölkerung in der Schweiz». Das Problem steht auch beim Bund weit oben auf der Prioritätenliste: Mehrere Bundesämter erarbeiten derzeit eine nationale Strategie, die bis Ende 2015 vorliegen soll. Sie umfasst die Bereiche Mensch, Tier, Landwirtschaft und Umwelt.

25'000 Todesfälle pro Jahr in der EU

Bakterien werden durch Mutationen oder durch Austausch von Resistenzgenen weniger empfindlich oder gänzlich unempfindlich gegen Antibiotika. Je mehr Antibiotika eingesetzt wird, desto schneller verbreiten sich resistente Bakterien. Dies besonders dort, wo die grösste Konzentration an Antibiotika herrscht: In Spitälern, aber auch in Mastbetrieben.

Das kann tödliche Folgen haben: Eine Schätzung der EU-Behörden aus dem Jahr 2009 bezifferte die Zahl der jährlichen Todesfälle in den Mitgliedsländern durch Infektionen mit resistenten Bakterien auf 25'000. Für die Schweiz gibt es lediglich Schätzungen für den Bereich der spitalbedingten Infektionen: Gemäss der Expertengruppe SwissNOSO sterben daran jährlich 2000 Patientinnen und Patienten.

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Alternativen für Antibiotika

2:25 min, aus Tagesschau vom 2.11.2014

Ausbreitung bei Schweinen

Auch der Nationalrat sieht Handlungsbedarf: Er hat bei der Beratung des Heilmittelgesetzes Massnahmen zur Eindämmung von Antibiotikaresistenzen eingefügt. Der Bundesrat soll die Kompetenz erhalten, den Einsatz von Antibiotika in der Veterinärmedizin zu senken. Der Ständerat berät in der Wintersession über die Gesetzesrevision.

Zwar ging der Verkauf von Veterinärantibiotika in den letzten Jahren zurück. Im vergangenen Jahr waren es gemäss dem Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV rund 53'000 Kilogramm. Gleichzeitig habe sich der multiresistente Keim MRSA im Schweizer Schweinebestand ausgebreitet, schreibt das Bundesamt in einem Bericht.

Multiresistente Erreger sind gleichzeitig gegen mehrere oder in seltenen Fällen gar gegen alle Antibiotika resistent. Sie lassen sich also nur schwer oder gar nicht bekämpfen.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Auch in Schweizer Ställen verabreichen Bauern ihren Tieren jedes Jahr tonnenweise Antibiotika; rund 57 Tonnen waren es allein im Jahr 2012.

    Eine Antibiotika-Datenbank gegen resistente Bakterien

    Aus Echo der Zeit vom 15.8.2014

    Mit Antibiotika können lebensgefährliche Krankheiten binnen Tagen abklingen. Doch immer mehr Bakterien sind dagegen resistent. Das liegt nach Meinung von Wissenschaftlern auch daran, dass Tierzüchter zu sorglos Medikamente einsetzen.

    In der Schweiz ist das Problem erkannt, doch der Widerstand gegen Lösungen ist gross.

    Maren Peters

  • Antibiotika: Stärkere Überwachung der Tiermedizin

    Aus Kassensturz Espresso vom 6.5.2014

    Die Wunderwaffe Antibiotika wird immer stumpfer. Grund ist die Ausbreitung resistenter Keime. Diese bilden sich, wenn Antibiotika zu leichtfertig eingesetzt wird. Zum Beispiel in der Tiermedizin.

    Eine schärfere Überwachung des Antibiotika-Einsatzes in der Landwirtschaft soll Lösungsansätze aufzeigen. Der Nationalrat stimmt am Mittwoch über ein solches Monitoring ab.

    Flurin Maissen

  • Alarmierender Test: Antibiotika-Keime in fast jedem Poulet

    Aus Kassensturz Espresso vom 10.2.2014

    In neun von zehn rohen Poulet-Proben hat der Basler Kantons-Chemiker Bakterien entdeckt, die resistent sind gegen Antibiotika. Diese können zu schwer heilbaren Infektionen führen. Als Ursache wird übermässiger Einsatz von Antibiotika in der Human- und Tiermedizin angenommen.

    Simon Thiriet