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Lärmschutz in Verzug Laut, lauter, zu laut

Ständiger Strassenlärm nervt. Und er ist ungesund. Ein Besuch bei einer lärmgeplagten Familie.

Legende: Video Besuch bei einer lärmgeplagten Familie abspielen. Laufzeit 3:31 Minuten.
Aus 10vor10 vom 25.07.2017.

Frühstück bei der Familie Romanelli. Es ist heiss, drinnen wie draussen. Etwas frische Luft wäre jetzt gut.

Doch durch die offenen Fenster kommt vor allem eines hinein: Strassenlärm. Und das nicht nur am Morgen, sondern auch nachts. «Bei diesem Wetter möchte man gerne mit offenem Fenster schlafen», sagt die Heilpädagogin Olivia Romanelli. «Aber das ist so nicht möglich. Wir probieren es zwar. Dann steh ich auf, mach das Fenster zu, aber dann ist es wieder zu heiss. Durchschlafen kann man nicht.»

Blick durch ein Fenster auf die Strasse.
Legende: Der Blick ins Grüne – und auf die Strasse: Zu Besuch bei der Familie Romanelli. SRF

«Ich will mich gar nicht an diesen Lärm gewöhnen»

Das Haus der Familie steht direkt an der dicht befahrenen Mutschellenstrasse in Zürich. Rund 8000 Fahrzeuge fahren hier jeden Tag vorbei – mit Tempo 50. Die Lärmbelastung liegt über dem gesetzlich definierten Grenzwert.

Ich würde viel lieber an einer Strasse wohnen, wo es weniger Lärm hat.
Autor: Olivia Romanelli

Olivia Romanelli und ihre Familie wohnen seit neun Jahren hier. Sind Tag und Nacht dem konstanten Lärmpegel der Strasse ausgesetzt.

Gewöhnt man sich nicht an den Lärm? Bis zu einem gewissen Grad ja, meint Olivia Romanelli. «Aber ganz ehrlich: Ich will mich gar nicht an diesen Lärm gewöhnen. Es ist eine Einschränkung der Lebensqualität. Ich würde viel lieber an einer Strasse wohnen, wo es weniger Lärm hat.»

Zügeln ist keine Option. Die Familie von Olivia Romanelli lebt schon lange in dem Quartier. «Ich bin hier verwurzelt, hier aufgewachsen. Ich will nicht wegziehen.» Ausserdem: Die Familie hat das Haus geerbt – günstiger Wohnraum in der Stadt Zürich ist rar.

Seit zwei Jahren hat das Haus zwar Schallschutzfenster. Doch auch diese bringen nicht die ersehnte Ruhe, sagt die Familie. Man höre den Lärm trotzdem – vor allem in der Nacht.

Lärmschutz: Das sagt das Gesetz

Kantone und Gemeinden müssen ihre Einwohner vor Lärm schützen. Bis Ende März 2018 muss der Lärmschutz für alle Betroffenen flächendeckend sichergestellt sein. Doch die meisten Städte und Kantone sind heute, knapp 8 Monate vor Ablauf der Frist, mit der Lärmsanierung stark im Verzug. Der Bund greift ihnen deshalb jetzt unter die Arme und plant, Bundesgelder von rund 51 Millionen Franken für Lärmsanierungen um weitere fünf Jahre zu verlängern. Die Vernehmlassung zur Verlängerung der Bundesbeiträge läuft am 26. Juli 2017 ab.

Lärm kann krank machen

Martin Röösli ist Professor am Schweizerischen Tropeninstitut in Basel. Er untersucht, wie sich Verkehrslärm auf die Gesundheit auswirkt.

Seine Forschung zeigt: Schon nur wenig Strassenlärm, weit unter dem gesetzlichen Grenzwert, kann gravierende Folgen haben. «Tritt Lärm langfristig immer wieder auf, kann das zu chronischen Erkrankungen führen. Zum Beispiel Herzkreislauferkrankungen, Herzinfarkt oder bestimmte Schlaganfall-Arten. Und wir haben festgestellt: An Orten mit mehr Lärm tritt Diabetes häufiger auf.»

Kampf für eine Temporeduktion

Zurück bei Olivia Romanelli. Auch bei der Arbeit im Garten ist der Strassenlärm ständig da. Sorgt sie sich? «Man macht sich schon Gedanken. Man weiss es ja. Im Alltag merken wir das nicht so. Ich bin morgens vielleicht etwas müder. Was das später für Folgen hat? Ich weiss es nicht. Auch nicht bei den Kindern.»

Olivia Romanelli kämpft gegen den Strassenlärm. Zusammen mit anderen Anwohnern setzt sie sich bei der Stadt Zürich für eine Temporeduktion auf ihrer Strasse ein. In der Hoffnung auf etwas mehr Ruhe.

Vor allem Zentren und Agglos betroffen

In der Schweiz ist durch Strassenverkehrslärm tagsüber jede fünfte Person an ihrem Wohnort betroffen. Das sind ca. 1,6 Millionen Menschen. In der Nacht ist es jede sechste Person (ca. 1,4 Millionen Menschen).
Durch Eisenbahnlärm ist am Tag jede hundertste und in der Nacht jede fünfzigste Person betroffen.
Durch Fluglärm ist am Tag jede hundertste Person betroffen.
85 Prozent der vom Strassenlärm betroffenen Personen leben in Städten und Agglomerationen
90 Prozent der vom Eisenbahnlärm betroffenen Personen leben in Städten und Agglomerationen
95 Prozent der vom Fluglärm betroffenen Personen leben in Städten und Agglomerationen
(Quelle: Bundesamt für Umwelt)

32 Kommentare

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  • Kommentar von Thomas Heimberg (tomfly)
    Ja, Lärm macht krank, aber nicht nur der Strassenlärm. Von oben werden wir von Flugzeugen beschallt, im Sommer hat jede Gemeinde ihr privates Openairkonzert und auf den Seen verkehren öffentl. Partyschiffe, deren Bumbum-Musik man bis weit nach Mitternacht und Kilometer weit hört. Dank der Einwanderung nimmt der Baulärm nie ab und das verdichtete Wohnen trägt mit dem Siedlungslärm das Übrige bei. Der 1. August dauert auch 10 Tage. Die Schweiz ist eines der lärmigsten Länder das ich kenne.
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  • Kommentar von Teo Crameri (Teo Crameri)
    Als Puschlaver weiss ich was Verkehrslärm bedeutet.Ich würde mich aber noch mehr Sorgen um den CO2-Ausstoss, den Feinstaub und das NOx aus den Abgasen machen. Ich wünsche mir der Bund, die Kantone und die Gemeinden würde die 19 Milliarden Franken in die Elektromobilität investieren und endlich die Ursache bekämpfen, anstatt nur die Symptome.Also, die Lösung lautet auf E-Fahrzeuge setzen. Die Umwelt und unsere Kinder wäre uns bestimmt dankbar dafür und wir hätten auch weniger Gesundheitskosten.
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    1. Antwort von Roger Stahn (jazz)
      Die Elektromobilität löst das Feinstaubproblem nicht. Abrieb, Feinstaub auf Fahrbahn aufwirbeln bleibt alles beim alten. Das Recycling von Batterien nicht gelöst, ebenso die Herstellung verschlingt Unmengen an Ressourcen. Der grösste Anteil von Feinstaub kommt von der Natur selbst (z.B. Sonne wärmt Luft und steigt auf mit Feinstaub).
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  • Kommentar von Ernst U. Haensler (ErnstU)
    Privilegiert im eigenen Haus wohnen mit Garten in der Stadt Zürich. Das ist ein typisches Beispiel wie der Durchschnitt in Zürich wohnt .......
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