Zum Inhalt springen

Schweiz «Letztlich geht es um die öffentliche Sicherheit»

Das Jugendstrafrecht steht unter Beschuss – nicht erst seit dem Fall «Carlos». Anstatt richtig bestraft, würden junge Delinquenten verhätschelt. Zu lasch und zu teuer lautet der populistische Tenor. Ein Praktiker nimmt dazu Stellung.

SRF: Herr Brenner, Sie leiten die stationäre Jugendeinrichtung «Erlenhof» in Reinach (BL). Ist das ein Erziehungsheim?

Pascal Brenner: Diese Bezeichnung brauchen wir nicht mehr. Sie ist historisch vorbelastet. Mit Heim assoziieren wir Züchtigung und Wegsperren. Und alle Insassen eines Heims sind böse. Das trifft in Realität nicht zu.

Verwedeln Sie damit nicht Ihren Auftrag, kriminelle Jugendliche zu bestrafen?

Nein. Jugendliche, brauchen aus verschiedenen Gründen Unterstützung. Wir sprechen nicht von Strafen, das wird mit Prügelstrafe verbunden. Es gibt bei uns keine körperlichen Züchtigungen. Wir reden von Sanktionen und Interventionen, die zum Ziel haben, die Jugendlichen wieder in die Gesellschaft zu integrieren.

Was muss man sich konkret darunter vorstellen?

Wir sanktionieren Verstösse der Jugendlichen, die auch draussen bestraft würden: Gewalt, Nötigung, Drogenkonsum. Bei gesellschaftsabnormem Verhalten kommt die Intervention zum Zug. Das bedeutet, wir reden mit den Jugendlichen und mach ihnen Auflagen. Manchmal braucht es aber auch therapeutische Massnahmen, wenn einer z.B. eine Riesenwut in sich trägt. Ohrfeigen und Schläge bewirken eine Anpassungsleistung und keine Entwicklung.

Sie verhätscheln damit ihre Jugendlichen, lautet der Vorwurf.

In einer stationären Jugendhilfeeinrichtung steht die Auseinandersetzung mit sich, seiner Vergangenheit sowie der Zukunft im Zentrum. Professionelles Fachpersonal ist dafür zuständig. Die Konfrontation mit der eigenen Geschichte ist sehr viel anstrengender als die Zeit im Gefängnis abzusitzen. Uns geht es darum, gemeinsam Ziele zu erreichen und nicht Zeit hinter sich zu bringen. Eine Massnahme ist dann beendet, wenn die Ziele erreicht sind.

Wie lange haben Sie einen Jugendlichen unter Ihren Fittichen und was lässt sich in dieser Zeitspanne erreichen?

Eine erfolgreiche Platzierung dauert in der Regel zwischen zwei bis vier Jahren. Genau so lange wie ein Jugendlicher braucht, um eine Berufsausbildung abschliessen zu können. Neben einer Berufsausbildung finden Entwicklungen in den Bereichen Persönlichkeit und Sozialkompetenz statt. Grundsätzlich geht es darum, die Vergangenheit aufzuarbeiten und daraus Rückschlüsse für die Zukunft zu ziehen.

Legende: Video Der Club: Jugendstrafrecht - zu lasch und zu teuer? abspielen. Laufzeit 75:00 Minuten.
Aus Club vom 07.10.2014.

Warum sind Heime so teuer?

Es gibt unterschiedliche Einflussfaktoren, welche sich auf die Kosten auswirken. Diese sind unter anderem der Grad an Spezialisten, welcher nötig ist, um die Intervention erfolgreich durchzuführen. Eine reine Kostenperspektive ist jedoch nur die Hälfte der Wahrheit, denn bei einer Platzierung in einer stationären Jugendhilfeeinrichtung handelt sich um eine Investition für die Zukunft.

Wenn wir die bei schwierigen Jugendlichen sparen, kommen sie uns später viel teurer zu stehen. Letztlich geht es aber auch um die öffentliche Sicherheit. Sich um die Täter zu kümmern ist der beste Schutz für ihre potenziellen Opfer.

Pascal Brenner

Pascal Brenner

Pascal Brenner leitet die stationäre Jugendeinrichtung «Erlenhof» in Reinach (BL). Die Klienten werden 24 Stunden und 365 Tage pro Jahr von sozialpädagogischen und therapeutischen Profis betreut.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

6 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von m.mitulla, wil
    Die Erziehungshoheit liegt bei den Eltern. Wenn bei Erziehungsaufgaben von den Eltern Fehler gemacht werden, welche die Gesellschaft nachher zu verbessern hat, so sollten Eltern auch mit in die Verantwortung genommen werden, in welcher Form auch immer. Das wäre viel klüger, als wenn Politiker sich Gedanken machen, wie mehr Erziehungsverantwortung und -kompetenzen von Eltern an Schulen übergeben werden könnte. Diese Tendenz ist - ganz leise - vorhanden.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von kari huber, surin
      Soso, also z.B. der Vater, der im Gefängnis sitzt, oder die drogenabhängige Mutter? Oder nur Letztere, wenn kein Vater da ist? Nur allzu oft stammen delinquierende Jugendliche aus Familien, in denen die Eltern gar nicht in der Lage sind, ihre Kinder zu erziehen. Und dennoch darf man sie ihnen nicht wegnehmen, weil die Alternative (klassisches Kinderheim) meist noch schlechtere Resultate liefert.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von P. Wild, Gebenstorf
    im Zusammenhang mit labilen und zu Straftaten neigenden Charaktere sollte man die germanischen Sagen zu Rate ziehen: Alle Götter wussten, dass Loki gefährlich ist. Aber sie haben ihn deswegen nicht ausgeschlossen, sondern im Gegenteil: Sie haben gut auf ihn aufgepasst. Deswegen ist auch Thor immer mit Loki unterwegs. Die Einsamkeit der heutigen Gesellshaft ist ein riesiges Problem. Wie heisst es so schön: Gelegenheit macht Diebe!?
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Peter Meier, Zürich
    @Schmidel, falsch, die Erfolgsquoten sind in der Schweiz massiv höher als in Frankreich oder Deutschland, welche vorab auf strafenden Charakter setzen. Als Extrem Beispiele sind die USA und Saudi Arabien zu nennen, die am anderen Ende der Skala zu finden sind. In beiden Staaten gibt es trotz scharfen Strafen mehr Jugenddelikte als in der Schweiz. Erziehen ist eine knochenharte Arbeit, für beide Seiten, die leider medial nicht so erfolgreich vermarktet kann.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von D. Schmidel, St. Gallen
      Falsch Herr Meier! In diesen Ländern gibt es einen viel höheren Anteil von kriminellen Jugendbanden mit sozialem Rückhalt. Dank unseren sehr föderalen Struckturen ist dies bei uns noch nicht so weit. Hätten wir in der Schweiz die gleiche Dichte der Bandenkriminalität mit hohem Rückfall wie in Frankreich, so wäre unser Strafvollzug am Ende. Die Vollzugkosten können wir uns aber bald nicht mehr leisten.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen