Lohnungleichheit bestraft Frauen lebenslang

Frauen verdienen in der Schweiz fast ein Fünftel weniger als Männer. Das hinterlässt nicht nur ein Loch im Portemonnaie. Der geringere Lohn hat negative Konsequenzen für viele weitere Lebensbereiche, sagt Gewerkschafterin Christina Werder im Gespräch mit SRF News Online.


Gleicher Lohn für gleiche Arbeit.

4:19 min, aus HeuteMorgen vom 07.03.2013

In Sachen Lohngleichheit bewegt sich die Schweiz nur gemächlich. Im internationalen Vergleich dümpelt sie im hinteren Drittel. 2010 verdienten Frauen noch immer 18 Prozent weniger als Männer.

In 66 Jahren ist es soweit

Geht es in diesem Tempo weiter, sind bis zur Gleichstellung von Mann und Frau noch 66 Jahre nötig. Das stellt der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) in seinem Newsletter zum morgigen Internationalen Tag der Frau fest.

In der Schweiz steht im Gesetz verankert, dass Frauen den gleichen Lohn für die gleiche Arbeit bei gleicher Qualifikation und Leistung erhalten sollen. Warum passiert trotzdem nur wenig?

«Massnahmen zur Förderung der Lohngleichheit basieren auf Freiwilligkeit», sagt Christina Werder, die beim SGB für Gleichstellungs- und Familienpolitik zuständig ist. Und die sei in den Unternehmen offenbar nur wenig vorhanden. «Beispielsweise machen beim Projekt «Lohngleichheitsdialog für Unternehmen» nur 33 Firmen mit», sagt sie. Die Plattform existiert seit bald fünf Jahren.

« Es braucht eine neue Behörde »

Dass sich so wenig tut in Sachen Lohngleichheit, ärgert Christina Werder. «Es braucht eine Behörde mit Kontroll- und Durchsetzungskompetenz», fordert die Zentralsekretärin.

Dass Frauen viel weniger verdienen als Männer, ist für sie aber nur ein Teil des Problems. «Wenn die Löhne nicht stimmen, büssen die Frauen dafür ihr Leben lang», ist Christina Werder überzeugt. Ein Teufelskreis setze sich in Gang, der sich nicht mehr korrigieren lasse. 

Die Gewerkschafterin nennt verschiedene Beispiele. Noch immer sei es meist die Frau, die für die Kinderbetreuung ihre berufliche Tätigkeit reduziere oder ganz aufgebe. Ein wichtiger Grund dafür: der tiefere Lohn der Frau im Vergleich zum Mann. «Doch heute geht jede zweite Ehe kaputt», sagt Christina Werder, «und die Frau muss mit massiv schlechteren Karten als früher ins Berufsleben zurückkehren.»

 

« Der Teufelskreis dreht sich weiter »

Kürzlich entschied das Parlament, getrennte Paare sollten sich gemeinsam um ihre Kinder kümmern. «Männer, die Teilzeit arbeiten, haben viel bessere Möglichkeiten, sich um ihre Kinder zu kümmern», so die Gewerkschafterin. In nordischen Ländern sei es gang und gäbe, dass beide Elternteile Teilzeit arbeiteten. «Auch in der Schweiz müssen wir Rahmenbedingungen schaffen für Familienmodelle, die jetzt und in die Zukunft aktuell sind.» Und dazu gehöre die gleichberechtigte Entlöhnung der Frau.

Christina Werder

Bildlegende: Christina Werder setzt sich beim SGB seit fünf Jahren für die Gleichstellung von Mann und Frau ein. pd

Im Alter dreht sich der Teufelskreis weiter. Bereits im Aufbau der Altersvorsorge sei eine Frau mit tieferem Lohn benachteiligt, da daraus eine tiefere Rente resultiere. Die geplante Angebung des AHV-Rentenalters auf 65 für Frauen würde die Rente weiter schmälern. «Die 12. AHV-Revision sieht vor, die Witwenrente für kinderlose Frauen abzuschaffen», fügt Christina Werder ein weiteres Beispiel an.

«All diese Entwicklungen zeigen: Die Gesellschaft erwartet, dass die Frau ökonomisch unabhängig ist», so die Zentralsekretärin. «Deshalb muss diese finanzielle Unabhängigkeit auch das Ziel in der Gleichstellungspolitik sein. Bei einem Lohnunterschied von fast 20 Prozent sind wir weit davon entfernt.»

Karriere als Lohnbremse

Je höher die berufliche Position, desto grösser die Lohnschere zwischen den Geschlechtern. Doch nicht nur lohnmässig wird die Luft für Frauen gegen oben dünner. «Obwohl Frauen immer besser ausgebildet sind, stagniert ihr Anteil in Führungspositionen seit Jahren bei etwa einem Drittel», sagt Christina Werder.

Alter als Lohnbremse

Bereits bei den 20-29jährigen beträgt der geschlechterspezifische Lohnunterschied etwa 10 Prozent. Über die Jahre nimmt er stetig zu. Bei den 50-64/65jährigen schliesslich beträgt er fast 30 Prozent.