«Manche Junge fühlen sich zu Höherem berufen»

Derzeit sind noch immer 8500 Lehrstellen nicht besetzt. Das zeigt das Lehrstellenbarometer des Bundes. Die meisten dieser Ausbildungsplätze werden wohl leer bleiben. Vor allem der Bau und der Dienstleistungssektor sind bei den Jugendlichen recht unbeliebt.

Ein Mann mit orangem Helm und Werkzeug klettert einen Seilbahnmast hinauf.

Bildlegende: Auch bei den technischen Berufen kann nicht jede Lehrstelle besetzt werden. Keystone

SRF News: Tausende Lehrstellen in der Schweiz sind unbesetzt – welche Branchen sind besonders betroffen?

Christine Davatz: Betroffen sind etwa das handwerkliche Gewerbe, der Bau und das Gastgewerbe.

Wieso ist es in diesen Bereichen besonders schwierig, Lehrlinge zu finden?

Auf der einen Seite gehen viele Jugendliche lieber in die Schule, das zeigt die Statistik. Möglicherweise haben sie sich noch gar nicht damit befasst, was es überhaupt für Lehrstellen gibt. Andererseits haben die Stellen in den erwähnten Bereichen ein eher schlechtes Image. Die Arbeit auf dem Bau ist hart und körperlich anstrengend, das will man vielleicht nicht unbedingt. Im Gastgewerbe sind vielleicht die Arbeitszeiten nicht optimal.

Gibt es auch Fehler, die von den Firmen gemacht werden?

Möglicherweise «verkauft» man sich nicht optimal. Vor allem aber steigen die Ansprüche der Jungen immer mehr. Manche haben das Gefühl, sie seien zu Höherem geboren und stellen Ansprüche, die einfach nicht erfüllt werden können.

Bei den kaufmännischen Berufen zeigt sich ein ganz anderes Bild: Hier können die Lehrstellen stets alle besetzt werden. Wieso ist das so?

Das Berufsimage spielt auch hier eine Hauptrolle. Im Gegensatz zu den handwerklichen sind die kaufmännischen Berufe eher positiv bewertet. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele Jugendliche meinen, eine kaufmännische Lehre sei das Optimum. Selbstverständlich ist dies eine gute Ausbildung – aber es gibt sicher noch andere Berufe, die man lernen kann, wenn man gerne im Büro arbeitet. Ich denke etwa an den Bereich Mediamatik oder Informatik.

«  Ich muss den Eltern deutlich sagen: Versucht nicht, die eigenen Wünsche in den Kindern umzusetzen. »

Welche Rolle spielen dabei die Eltern: Könnte es sein, dass sie ihren Kindern sagen: «Mach doch Mal das KV, das ist eine gute Grundausbildung»?

Das ist ganz sicher mit ein Grund, wieso die kaufmännische Ausbildung seit Jahren derart beliebt ist. Wenn man auf einer Bank oder bei einer Versicherung arbeiten kann, steht man vom Image her sicher besser da, als wenn man einen gewerblichen Beruf erlernt.

Von den derzeit noch offenen 8500 Stellen sollten erfahrungsgemäss rund 2500 noch besetzt werden können. Was geschieht mit den anderen?

Die bleiben unbesetzt. Die betreffenden Unternehmen werden versuchen, ihren Berufsnachwus anderswie zu finden. Wir arbeiten daran, wie man das Image der betreffenden Berufe verbessern kann. Man sollte etwa verstärkt aufzeigen, welche Karrieremöglichkeiten man mit einer Berufslehre hat. Wichtig ist, dass die Jungen den Einstieg schaffen und die drei oder vier Jahre berufliche Grundbildung durchziehen, allenfalls auch die Lehrstelle wechseln, wenn sich herausstellt, dass es doch nicht der Wunschberuf ist. Schnuppern ist auch ganz wichtig, um einen Einblick in einen Beruf zu erhalten. Ich muss auch den Eltern deutlich sagen: Lasst die Kinder Verschiedenes ausprobieren und versucht nicht, die eigenen Wünsche in den Kindern umzusetzen. Neigung und Eignung ist entscheidend. Und das muss man den Jugendlichen gewähren.

Das Gespräch führte Andi Lüscher.

Christine Davatz

Christine Davatz

Die Fürsprecherin und Notarin ist Vizedirektorin des Schweizerischen Gewerbeverbands. Davatz ist spezialisiert auf Bildungspolitik, Forschung und Frauenfragen.