«Mangelndes Bewusstsein von Rechtsstaatlichkeit»

Die meisten Online-Kommentatoren haben eine klare Haltung zum Schockvideo der «Rundschau»: Sie verteidigen die Fusstritte des Polizisten gegen einen am Boden liegenden Mann. Drei Soziologen versuchen zu erklären.

Video «Schockvideo aus Luzern» abspielen

Schockvideo aus Luzern

0:24 min, vom 21.8.2013

Ein Rumäne wollte mit seinen Komplizen ein Uhrengeschäft in Luzern ausrauben, doch die Polizei war schneller vor Ort als gedacht. Dann liegt der Mann am Boden – Messer oder Pistole fehlen. Es folgen Fusstritte des Polizisten. Der Mann bleibt bäuchlings liegen.

Diese Szenen sind im Videomaterial ersichtlich, das die «Rundschau» am Mittwoch veröffentlicht hat. Sie zeigen, dass bei der Luzerner Polizei zu locker mit Gewaltexzessen einzelner Korpsangehöriger umgegangen worden war. Zu diesem Entschluss kommt der Berner alt Oberrichter Jürg Sollberger.

«Das ist doch kein Schockvideo. Ich möchte diesem Polizisten recht herzlich gratulieren zu der Verhaftung», schreibt ein User auf srf.ch/news. Und ein anderer fragt in die Runde: «Na hallo, was erregen sich die Gemüter so? Tagtäglich gehen Kriminelle aus Osteuropa mit immer brutaler werdender Gewalt gegen unschuldige Opfer vor, nicht selten gegen alte Menschen.»

«Mangelndes Bewusstsein von Rechtsstaatlichkeit»

Axel Paul, Ordinarius für allgemeine Soziologie an der Universität Basel, deutet die Kommentare unter anderem als «Ausdruck von Ausländerfeindlichkeit». «Vermutlich würden diese anders ausfallen, würden die Verfasser dem Opfer gegenüber sitzen», sagt Paul. Dasselbe gelte, wenn das Opfer ein Schweizer gewesen wäre und kein Rumäne. «Ich sehe dahinter vor allem ein mangelndes Bewusstsein von Rechtsstaatlichkeit.»

«Das Internet verleitet zu voreiligen Gedanken»

Eigentlich, so könnte man meinen, sollte ein solches Video das Gegenteil auslösen: Entsetzen. Doch davon keine Spur. Für Experten kein Wunder. «Gewalt wirkt kraftvoll, anziehend und hat offenbar sogar etwas Attraktives. Auch, weil sie das eigene Aggressionspotenzial befriedigt», erklärt Berufskollege Ueli Mäder, ebenfalls von der Universität Basel. Das Darstellen von Gewalt habe oft auch einen voyeuristischen Aspekt.

Somit könne ein Kontraeffekt ausgelöst werden: Anstelle von Bestürzung ruft die gezeigte Gewalt zuweilen beinahe Begeisterung hervor. «Vor allem, wenn von der eigenen Haltung her eine Identifikation mit dem Täter eher möglich ist als mit dem Opfer», sagt Mäder.

Allen Gratulationen und Zusprüchen der Verfasser zum Trotz: Die aggressiven Aussagen nehme der Soziologe nicht ganz für bare Münze. Das Internet verleite zu voreiligen Gedanken. «Man reagiert schneller und spontaner.» Darum will Mäder nicht von einem Trend sprechen. Traurig seien die Kommentare allemal.

Das Gesetz der Mehrheit

Heinz Bonfadelli befasst sich mit Medienforschung und Medienrealität an der Universität Zürich. Er erklärt die Aussagen der User mit den Medien selbst: «Negative Bilder in den Medien bestimmen die Denkhaltung der Gesellschaft.»

Die von seiner Abteilung durchgeführte Inhaltsanalyse von Printprodukten habe gezeigt, dass Medien über Personen mit Migrationshintergrund eher negativ berichteten. «Einige fassen Gewalt fast schon als normal auf.»

Ein weiterer Grund, weshalb sich viele User gegenüber dem Polizisten billigend äussern, liegt an der sogenannten Schweigespirale. Diese spielt sich laut Bonfadelli wie folgt ab: «Wenn die Meinung einer Gemeinschaft in eine Richtung zielt, trauen sich wenige, in die andere Richtung zu gehen». Stattdessen würde geschwiegen statt zu sprechen.

Wie die Einschätzungen der Soziologen zeigen, ist die Schnelligkeit der Online-Medien Segen und Fluch zugleich. «Der Nachteil gegenüber den Lesebriefen in Zeitungen ist, dass Kommentare weniger reflektiert und zu spontan ausfallen», sagt Bonfadelli. Es spiele vielmehr das emotionale Moment.