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Medikamenten-Pflichtlager Mehr Versorgungssicherheit ist nicht gratis

Missbrauchen Pharmafirmen die Pflichtlager, um Geld zu sparen? Klar ist: Will der Bund auch für wirkliche Notfälle gerüstet sein, muss er wohl Geld in die Hand nehmen.

Legende: Audio Pflichtlager müssen immer öfter geöffnet werden abspielen. Laufzeit 04:40 Minuten.
04:40 min, aus Rendez-vous vom 11.10.2017.

Unternehmen, die in der Schweiz lebenswichtige Güter herstellen, müssen ein Pflichtlager führen. So verlangt es das Gesetz. Auf diese Lager darf nur in «schweren Mangellagen, denen die Wirtschaft nicht selber zu begegnen vermag», zurückgegriffen werden, steht dort.

Gemeint sind damit etwa Situationen nach Terroranschlägen mit biologischen Waffen, nach Naturkatastrophen oder bei Epidemien. Nun stellt der Bund aber fest, dass sich die Pharmafirmen aus einem ganz anderen Grund immer wieder im Pflichtlager bedienen: um ihre eigenen Engpässe zu überbrücken.

Fast immer fehlt irgend etwas

«Die Situation ist sehr unangenehm», sagt Ueli Haudenschild vom Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung. «Permanent fehlt etwas.» Dies betreffe wichtige Medikamente wie Antibiotika oder Impfstoffe. Der Bund habe keine Wahl und müsse die Pflichtlager auf Anfrage der Pharmaunternehmen freigeben. Denn für gewisse Medikamente und Impfstoffe gebe es schlicht keine Alternativen.

Doch es sei problematisch, wenn wegen Engpässen die Pflichtlager leergeräumt würden, sagt Haudenschild. Denn in einem wirklichen Notfall würden dann überlebenswichtige Medikamente fehlen – etwa bei einer plötzlich auftretenden Pandemie, einer sogenannten Supergrippe. Der Behördenvertreter fordert deshalb von der Pharmabranche, sie müsse das Problem der Medikamenten-Engpässe in den Griff bekommen.

Produktionsaufbau dauert seine Zeit

Doch das ist leichter gesagt als getan. Denn die Ursachen für die Engpässe sind vielfältig: So haben die Pharmaunternehmen in der Vergangenheit zu vorsichtig kalkuliert und wurden von der plötzlichen Nachfrage nach Impfstoffen in den Schwellenländern überrascht. Deshalb kommen sie jetzt mit der Produktion kaum noch nach.

Betroffen ist zum Beispiel das britische Unternehmen Glaxo Smith Kline, das auch in der Schweiz tätig ist. «Vielleicht hat man in diesem Bereich die Situation nicht korrekt eingeschätzt», gibt Mediensprecher Urs Kientsch zu. Doch seit 2008 würden die Kapazitäten wieder ausgebaut, fügt er an. Tatsächlich dauert der Aufbau von Produktionslinien im Impfstoffbereich Jahre.

Impfung in den Oberarm.
Legende: Nicht immer kann die Impfung verabreicht werden. Manchmal fehlt der Impfstoff. Keystone

Weltweit verzahnte Produktionskette

Ein weiteres Problem liegt in der heutigen Produktionslogik, die auf Spezialisierung und Arbeitsteilung beruht: Wenige Rohstoffhersteller beliefern wenige Spezialisten, die daraus Wirkstoffe machen.

Diese Wirkstoffe wiederum werden von anderen Pharmafirmen in Pillen, Salben, Tropfen oder Impfstoffen verarbeitet. Das alles geschieht an nur wenigen Standorten, und wenn einer der vielen Beteiligten in der Produktionskette ausfällt, läuft gar nichts mehr.

Pflichtlager als Pufferlager missbraucht?

Auch wenn die Pharmafirmen in der Schweiz in manchen Fällen selber also wenig tun können, werden sie vom Bund direkt kritisiert. Er wirft ihnen vor, ihre eigenen, kommerziellen Lager aus Kostengründen klein zu halten. Schliesslich wissen die Pharmaunternehmen, dass man im Notfall ja auf die Pflichtlager zurückgreifen kann.

Dem widerspricht Glaxo-Sprecher Kientsch. Man wolle die gesetzliche Auflage der Pflichtlager erfüllen und verwende diese «klar nicht als Pufferlager». Seine Firma prüfe jetzt, die eigenen Lagerbestände zu erhöhen.

Kietsch wehrt sich auch gegen den Vorwurf, die Pharmabranche beliefere lieber andere Länder als die Schweiz, weil sie diesen grössere Mengen verkaufen könne und deshalb mehr verdiene: Preisüberlegungen spielten zwar durchaus eine Rolle, schliesslich sei man ein kommerzielles Unternehmen, sagt Kientsch. Doch er betont: «Das wichtigste Kriterium ist der medizinische Bedarf.»

Bundeseigene Pflichtlager als Lösung?

Pflichtlager, die andauernd leer geräumt werden, verfehlen ihren Zweck. Die Pharmabranche muss besser planen und ihre eigenen Lager aufstocken. Dazu genügt die nun geäusserte Warnung des Bundes allein aber nicht: Wenn die Behörden das Problem wirklich angehen wollen, müssen sie mehr Druck ausüben. Das kann der Bund aber nur, wenn er die Lager selber betreiben würde, anstatt diese Aufgabe wie heute den Pharmafirmen zu überlassen. Allerdings wären damit auch Mehrkosten verbunden.

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3 Kommentare

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  • Kommentar von Stephanie von Walterskirchen (SVW)
    Super Lobby Arbeit: Angst machen, Geld fordern, billiger gehts nicht. Seit ihr alle krank oder was?
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  • Kommentar von Tom Duran (Tom Duran)
    Pflichtlager, Versorgungssicherheit, all dies bringt auch eines mit sich: mehr Umsatz. Man hätte eigentlich daraus lernen können, aber nein: die Schweizer stimmen zum x-ten mal einem Papiertiger zu. In den 90ern wurden alle Lager geräumt, man brauche keinen Notvorrat mehr. Nun heisst es genau das Gegenteil. Auch so kann man Millionen zum Fenster rauswerfen.
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  • Kommentar von Charles Dupond (Egalite)
    Gewinnsuechtlinge mit nicht verderblichen Waren sollten gehalten werden, sowohl von Vorerzeugnissen als auch Fertigprodukten ein Lager fuer mindestens 2 Monate vorzuhalten. Versicherungen sollten Produktionsausfaelle nur entschaedigen duerfen, wenn die Zufuhr mehr als 2 Monate unterbrochen wurde. Zumal die schon rund um die Uhr und den Kalender ausgereizte Logistik bei jedem Streckenunterbruch die Leufe streckt....
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