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Mehr Diskriminierungs-Fälle Sind die Schweizer rassistisch, Frau Wiecken?

Legende: Audio Rassistische Übergriffe: Auch in Schulen müssen sie thematisiert werden. abspielen. Laufzeit 3:59 Minuten.
3:59 min, aus SRF 4 News aktuell vom 09.04.2018.

Die Schweizerischen Beratungsstellen für Rassismusopfer haben im vergangenen Jahr 301 Fälle von rassistischen Diskriminierungen registriert, wie ein aktueller Bericht der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR) zeigt. Das ist eine starke Zunahme gegenüber den früheren Jahren. Doch nicht der Rassismus habe zugenommen, sondern die Sensibilität dafür, sagt Alma Wiecken. Sie ist Juristin im Sekretariat der EKR und hat an dem Bericht mitgearbeitet. Der Bericht ist noch unveröffentlicht.

SRF News: Wie erklären Sie sich den Anstieg von Meldungen aufgrund rassistischer Übergriffe bei den Beratungsstellen?

Alma Wiecken: Ich habe keine definitive Erklärung dafür und ich wäre vorsichtig damit zu sagen, dass der Rassismus in der Schweiz zugenommen habe.

Es ist nicht ganz auszuschliessen, dass die Hemmschwelle, sich rassistisch zu äussern, etwas gesunken ist.

Davon gehe ich nicht aus. Es ist aber interessant, dass durch eine verstärkte Öffentlichkeitsarbeit mehr Betroffene Hilfe suchen und zu Beratungsstellen gehen.

Im Bildungsbereich wurden doppelt so viele Fälle wie früher registriert. Worauf geht das zurück?

Eine Erklärung könnte sicher sein, dass sich durch die bessere Kenntnis von Beratungsangeboten die Betroffenen im Schulbereich vermehrt an eine aussenstehende Stelle wenden. Es ist nicht ganz auszuschliessen, dass die Hemmschwelle, sich rassistisch zu äussern, etwas gesunken ist. Ich wäre aber vorsichtig damit. Ich denke, es hat eine Sensibilisierung stattgefunden.

Ihr Bericht zeigt auf, dass obligatorische Schulen, also Kinder und Jugendliche, stark betroffen sind.

Die Schule ist gewissermassen ein Brennpunkt. Dort gibt es Reibungen. Wichtig ist, dass man im Unterricht diese Themen bespricht.

Wenn man ein Schweizer mit dunkler Hautfarbe ist, wird man auch Opfer von Rassismus, egal, ob man hier geboren ist und sich als Schweizer fühlt.

Wie gehen wir mit Rassismus um? Wieso tut das jemand? Wie fühlt sich die Person, die beleidigt oder verletzt worden ist?

Warum sind vor allem Schweizer von Rassismus betroffen?

Daran merkt man, dass es bei Diskriminierung gar nicht darum geht, welchen Pass eine Person hat. Es geht eben um die äusseren Merkmale. Wenn man ein Schweizer mit dunkler Hautfarbe ist, wird man auch Opfer von Rassismus, egal, ob man hier geboren ist und sich als Schweizer fühlt. Das spielt dann gar keine Rolle mehr. Es geht darum, wie man von aussen gesehen wird. Darum ist es logisch, dass der grösste Teil der Opfer Schweizer ist.

Welche Art von Übergriffen erleben die Betroffenen?

Benachteiligungen stehen an erster Stelle von den Diskriminierungserfahrungen. An zweiter Stelle stehen Beschimpfungen, verbale Äusserungen in der Öffentlichkeit. Es kommt vor, dass Leute beschimpft werden, weil sie ein Kopftuch tragen. Es kommt auch vor, dass eine Person aufgrund ihrer Herkunft herabgewürdigt wird, dass ihr beispielsweise immer das Amt zugeteilt wird, die Toilette zu putzen, mit den entsprechenden Äusserungen auf die Herkunft bezogen.

Wenn Sie solche Meldungen auswerten, was geht Ihnen da durch den Kopf? Sind Schweizer generell rassistisch?

Es ist eine Tatsache, dass es solche Vorfälle gibt. Man spürt die Verletzung der betroffenen Personen. Man sollte sich auf die Frage konzentrieren, was man nun damit machen soll. Zu sagen, dass all die Täter Rassisten seien, das geht zu weit. Man muss sich einfach bewusst machen, was für Vorurteile wir alle in unseren Köpfen haben und was das für Folgen für die Betroffenen haben kann.

Das Gespräch führte Ruth Wittwer.

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36 Kommentare

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  • Kommentar von Alex Volkart (Lex18)
    Der Rassismus ist in der Schweiz kaum grösser als anderswo. Man könnte mehr tun in dem man mehr Vorurteile bekämpft, auf beiden Seiten. Aber auch endlich mit dem Bild Böser Schweizer-Opfer sind Einwanderer, aufhört. Ich war oft Schüler in einer Klasse mit hohen Ausländer-Anteil. Dies störte mich nicht, ich sah es sogar als Bereicherung. Anfangs zumindest. Wie sich vor Allem Muslime aufführten war schon schlimm. Viele von Ihnen hatten keinen Respekt vor Nicht-Muslimen vor Allem vor Frauen nicht.
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  • Kommentar von Hans Joss (hansjoss@swissonline.ch)
    ,Die Schule ist gewissermassen ein Brennpunkt. Dort gibt es Reibungen. Wichtig ist, dass man im Unterricht diese Themen bespricht'. Die Verfassung untersagt klar jegliche Form der Diskriminierung, dies auch in der Schule‘. Brisantes Thema: das Schulsystem hat noch immer den klaren - verfassungswidrigen - Auftrag, Lernende zu diskriminieren und zu selektionieren.
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    1. Antwort von martin blättler (bruggegumper)
      Wenn ein begabtes Kind die Primarschule mir lauter Lernschwachen absolvieren muss und deswegen sein Potenzial nicht ausschöpfen kann, ist das wesentlich diskriminierender als der umgekehrte Fall.Ohne Selektion ist das aber nicht zu vermeiden.
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  • Kommentar von Peter Imber (Wasserfall)
    Die Schweizer sind sicher nicht rassistischer als die Menschen in andern Ländern. In Osteuropa ist Rassismus sehr stark verbreitet. Wir sind auch nicht rassistischer als die Leute in DE oder FR oder in den USA, um drei Beispiele zu nennen. Es gibt leider überall rassistische Menschen. Auch unter Ausländern gegen Schweizer in unserem Land... Und man ist nicht rassistisch, wenn man nicht immer mehr Asylanten aufnehmen will. Alles hat seine Grenzen. Aber bekämpfen muss man Radsismus trotzdem.
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