«Mein erster Eindruck von der anderen Seite? – Dreckig hier.»

Christina Beyer war 24 Jahre alt, als die Grenzen fielen. Sie lebte in Berlin-Mitte und arbeitete in einem Staatsbetrieb direkt an der Mauer. Umso erstaunlicher ist es, dass sie erst am Vormittag des 10. November verstand, was da in der Nacht geschehen war. Dann aber ging alles rasend schnell.

«Hat der Mauerfall mein Leben verändert? Oh ja. Er hat es komplett auf den Kopf gestellt. Ich bin Jahrgang 1965 und in Berlin-Mitte aufgewachsen. 1989 hatte ich gerade mein Informatikstudium abgeschlossen und begonnen, bei Intertext zu arbeiten – einem Parteibetrieb, der für Übersetzungsarbeiten in der DDR zuständig war. Ich war 24 Jahre alt, verlobt und sollte noch im gleichen Jahr heiraten. Dann kam die Wende – und alles anders.

«Mir ging es ja gut»

An die Wochen vor dem 9. November, an diesen Wendeherbst, habe ich nicht mehr so viele Erinnerungen. Ich hatte damals natürlich mitbekommen, was in Leipzig passierte. Allerdings sorgte das bei mir zunächst einmal für ungläubiges Kopfschütteln.

Ich war keine rote Socke, obschon ich in einem Parteibetrieb arbeitete. Ich war nie in der SED. Allerdings hatte ich auch nicht das Gefühl, das ganze System in Frage stellen zu müssen. Mir ging es ja gut in diesem Staat.

Ich bin wohlbehütet aufgewachsen in der DDR. Meine Mutter war alleinerziehend, aber für mich war immer gesorgt. Ich war gut in der Schule, machte eine Lehre und konnte später studieren. Hinzu kam, dass wir in Berlin auch nie die grossen Versorgungslücken hatten wie im Rest des Landes. Irgendwo gab es immer, was man suchte.

Natürlich habe auch ich damals gesehen, dass vieles schief lief – dass Dinge an einer Stelle weggenommen wurden, um an anderer Stelle Löcher zu stopfen. Mein Verlobter arbeitete damals auf dem Bau. Manchmal kam der nach einem halben Tag nach Hause, weil es kein Material mehr zu verbauen gab – sowas kannte wohl jeder DDR-Bürger. Trotzdem wäre ich 1989 nie auf die Idee gekommen, über Ungarn oder die Tschechoslowakei in den Westen abzuhauen.

Karte

Bildlegende: Christina Beyers Heimatstadt Berlin und Rapperswil, wo sie heute wohnt. SRF

«Leute, ich war gestern im Westen»

Den Mauerfall am 9. November habe ich dann ganz einfach verschlafen. Ich hatte ja gearbeitet und musste auch am nächsten Tag früh raus. Ich bin an diesem Donnerstagabend vermutlich so gegen 22.00 Uhr ins Bett gegangen. Am nächsten Morgen verliess ich wie immer um 6.30 Uhr das Haus. Zur Arbeit ging ich zu Fuss, bis zu Intertext brauchte ich eine gute Viertelstunde – und ein guter Teil davon führte direkt an der Mauer entlang. Normalerweise war es dort um diese Zeit ruhig, grössere Menschenaufläufe wären in dieser Gegend in der Nähe des Checkpoint Charlie sowieso sofort unterbunden worden.

An diesem 10. November aber traute ich meinen Augen kaum: So viele Menschen entlang der Mauer! Was war denn das? Ohne zu verstehen, was da passierte, kam ich im Büro an, wo ich auf meine ähnlich verwirrten Kollegen traf. Heute klingt es fast unglaublich, aber auch die, mit denen ich an diesem Morgen den ersten Kaffee trank, hatten zu diesem Zeitpunkt noch nichts vom Mauerfall gehört. Wir wunderten uns einfach alle über die vielen Menschen vor der Tür.

Das blieb so, bis unsere Kollegin Gabi die Tür aufriss und schrie: «Leute, ich war gestern im Westen!». Wir dachten, die spinnt. Und dann verstanden wir. Gabi, das stellte sich heraus, hatte ihre beiden Kinder an diesem Abend einfach schlafen lassen und war losgelaufen nach Westberlin.

Bei mir dauerte das noch bis nach Feierabend. Ich holte mir in einer dieser langen Schlangen ein Visum. Mein Verlobter hatte eine Oma im Westen. Dort hatte er uns inzwischen zum Kaffee angemeldet. Das muss man sich mal vorstellen! Und so brachen wir dann auf zur anderen Seite. Durch die Mauer gingen wir direkt am Checkpoint Charlie – ein ganz komisches Gefühl. Zum ersten Mal sahen wir dann den Todesstreifen aus nächster Nähe und das Niemandsland, das die Stadt trennte.

Dunkles Kopfsteinpflaster und Kaugummiflecken

Mein erster Eindruck von der anderen Seite? Dreckig! Dunkles Kopfsteinpflaster und viele schwarze Kaugummiflecken. Die gabs in der DDR nicht. Wir gingen eine lange dunkle Strasse hinunter und machten erstmal Halt in einem Aldi, der aussah wie geplündert.

Dann stiegen wir in die U-Bahn und fragten uns zur Oma durch. Und da, bei ihr, hatte ich dann eigentlich ein erstes Aha-Erlebnis: Oma wohnte im vierten Stock eines Altbaus, hatte einen Ofen und musste sich ihre Kohlen aus dem Keller holen. Die Toilette war eine halbe Treppe tiefer und die Wohnung sah aus wie bei alten Menschen in der DDR. Eigentlich alles wie bei uns, dachte ich mir. So toll ist der Westen vielleicht gar nicht.

Diese Meinung änderte sich erst, als ich den Cousin meines Verlobten kennenlernte. Der studierte wie ich Informatik, fuhr einen alten Audi 80, trug Strickpullover und heizte in seiner Berliner Altbauwohnung nur ein Zimmer. Dafür aber hatte er einen Riesencomputer – einen Apple Macintosh IIFX für irre viel Geld. So was hatte ich noch nie gesehen. Bei uns an der Uni wurden alle Computer mit Floppy Disk betrieben und den einzigen Rechner mit Festplatte durften wir höchstens mal für eine Stunde benutzen. Und da ging mir irgendwie ein Licht auf: Der Cousin meines Verlobten hat zu Hause einen weitaus besseren Computer als ich während meines gesamten Studiums gesehen hatte.

Mit dem Cousin meines Verlobten verbrachte ich dann viel Zeit – was meinem Verlobten missfiel. Er mutmasste, dass da mehr sei und trennte sich von mir. Und, nun ja, tatsächlich wurde aus mir und seinem Cousin dann ein Paar. Von ihm lernte ich viel. Zum Beispiel, dass man im Westen eigentlich alles darf, was nicht explizit verboten ist. In der DDR war es ja genau umgekehrt: Man durfte nur das, was ausdrücklich erlaubt war. Wir führten tolle Gespräche und es war gut, jemanden an der Seite zu haben, den ich über all das Neue ausfragen konnte. Ich habe das aufgesogen wie ein Schwamm. Und ich wollte die Welt sehen!

«Plötzlich öffneten sich für mich alle Türen»

Ich folgte meinem neuen Freund 1990 nach München und fand dort einen Job bei einer amerikanischen Computerfirma. Von jetzt auf gleich vervierfachte sich mein Gehalt – ich verdiente 4000 Mark. Unvorstellbar! Ich verbrachte Ostern auf Mallorca, machte Ferien in Florida und flog für die Firma drei Monate nach Kalifornien. Plötzlich öffneten sich alle Türen.

Das alles hat sich angefühlt wie von 0 auf 100 in zwei Sekunden. Und jedes Mal, wenn ich nach Berlin zurückkam zu meinen ehemaligen Kollegen bei Intertext, war es wie eine Vollbremsung. Die redeten immer noch über dieselben Dinge und warteten eigentlich nur darauf, dass man ihnen den Job wegnimmt. Da herrschte Stillstand. Das erlebt vielleicht jeder, der von zu Hause weggeht. Aber für mich, die ich aus der DDR kam, war das alles sicher besonders deutlich zu spüren.

Was aus mir geworden wäre, hätte es den 9. November nicht gegeben? Das weiss ich natürlich nicht. Aus heutiger Sicht hätte ich vermutlich ein fürchterlich trauriges Leben geführt. Ich habe aus der DDR tolle Wurzeln mitbekommen. Ich hatte eine schöne, wohlbehütete Kindheit. Dafür bin ich dankbar. Ich bin aber auch dankbar dafür, dass ich die Chance bekommen habe, noch ein anderes Leben zu leben. Für mich hat mit dem Mauerfall eine Reise begonnen. Und die ist noch lange nicht zu Ende.

Christina Beyer

Christina Beyer

Geboren am 13. November 1965 in Bad Saarow (heute Brandenburg). Aufgewachsen in Berlin-Mitte. Ausbildung zur Wirtschaftskauffrau, Informatikstudium (in der DDR: Ökonom der Datenverarbeitung) bis 1989. Nach Stationen in München und den USA seit 2013 in der Schweiz. Christina Beyer lebt in Rapperswil und arbeitet bei Phonak.

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