Kurier-Fahrer klagen an Miese Löhne, enormer Zeitdruck und Strafpunkte

Missstände bei DPD: Der grösste private Kurierdienst der Schweiz hat den gesamten Transportdienst ausgelagert. Das berichtet der «Kassensturz». Die Subunternehmer klagen über Vorgaben, die kaum zu erfüllen sind.

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Kurier-Fahrer klagen an: Miese Löhne und enormer Zeitdruck

15 min, aus Kassensturz vom 7.2.2017

Es sind immer mehr Pakete bei gleich viel Personal, welche sie für DPD ausliefern müssen, klagt DPD-Subunternehmer Pero S. gegenüber dem «Kassensturz». Er und seine 8 Angestellten fuhren für DPD im Raum Chur Pakete aus. «Die Leute arbeiten nicht 100 Prozent, sondern 150 Prozent – für einen Trinkgeldlohn».

DPD-Kuriere seien täglich mit ihren Lieferwagen unterwegs. Zehn bis zwölf Stunden pro Tag seien normal. Pausen, insbesondere Mittagspausen, würden sie keine machen, so Pero S., der selber als Kurier unterwegs war. «Wenn du Glück hast, kannst du schnell ein Sandwich kaufen und während dem Fahren essen».

Chauffeur

Bildlegende: Der «Kassensturz»-Reporter undercover mit auf der Tour. SRF

200 Pakete in 9 Stunden

Im letzten März nimmt Pero S. den «Kassensturz»-Redaktor mit auf seine Tour. Sie beginnt morgens vor 6 Uhr im Paket-Depot in Vilters SG. Der Kurier sortiert jeden Morgen bis zu 3 Stunden lang die Pakete und füllt seinen Lieferwagen.

Nach acht Uhr fährt er los. Er wird in den nächsten 9 Stunden über 100 Kunden ansteuern, etwa 200 Pakete ausliefern und 60 Pakete einsammeln. Der Zeitdruck ist hoch, der Kurier fährt oft auf der Überholspur, rennt zu seinen Kunden, isst am Steuer.

Pro Stopp 2.20 Franken

Pero S. arbeitete bis Ende März als einer von 89 Subunternehmer, die für DPD in der ganzen Schweiz Pakete ausliefern. Die Subunternehmer sind selbständig, arbeiten aber ausschliesslich für DPD im Auftragsverhältnis. Sie leasen Lieferwagen und stellen Kuriere ein – auf eigene Rechnung.

DPD zahlt sie nach Arbeitsaufwand mit einer Grundvergütung. Pro Stopp erhalten Subunternehmer etwa im Raum Chur 2.20 Franken und für jedes Paket zusätzlich 70 Rappen. Dazu zahlt DPD einen sogenannten Qualitätsbonus, den DPD kürzt, wenn Kuriere die Vorschriften nicht einhalten. Diese Entschädigung sei nicht genug, klagt der Subunternehmer. Das System sei so aufgebaut, dass DPD sämtliche Kosten und Risiken auslagere.

DPD hat keine eigenen Fahrzeuge

Das Auslagern bestätigt auch ein ehemaliges Kadermitglied von DPD, das anonym bleiben will. DPD habe gar keine eigenen Transportfahrzeuge, weder Lieferwagen noch LKW. «Es ist die günstigste Variante für DPD. Die Verantwortung ist immer bei einem anderen, entweder beim Subunternehmer oder beim Chauffeur», sagt er.

Für die Fahrzeuge und deren Unterhalt müssen die Subunternehmer selber aufkommen. Fahrzeugtyp und Farbe der Lieferwagen schreibe DPD ihnen vor. Auch die Beschriftung der Lieferwagen. DPD lässt bekleben, bezahlen müssen die Subunternehmer.

Uniform zahlen, Scanner mieten

Die Subunternehmer und Fahrer müssen auch in Uniformen von DPD arbeiten, erzählt der Insider. Zwar würden diese am Anfang eine Erstbekleidung erhalten, diese reiche jedoch nicht aus. «Wenn der Chauffeur schwitzt, so braucht er mehr als nur zwei T-Shirts.» Diese zusätzlichen Shirts müsse der Subunternehmer bei DPD kaufen.

Die Kuriere sind dauernd unter Zeitdruck. Taktgeber dafür ist der sogenannte Scanner. Ein elektronisches Lesegerät, welche die Subunternehmer bei DPD für 80 Franken im Monat mieten müssen. Ohne den Scanner können sie keine Pakete ausliefern. Der Scanner von DPD bestimmt den Tagesablauf. Er gibt Takt und Zeit vor. DPD weiss stets wo, wann, welches Paket geliefert wird. Wenn der Kurier zu spät bringt, piepst das Gerät und die Kuriere werden abgemahnt.

Für Fehler gibts Strafpunkte

In einer internen Abmahnungsliste für die Subunternehmer listet DPD minutiös Fehler und Verstösse auf. Zum Beispiel das Deponieren eines Pakets ohne Unterschrift oder das Nichteinhalten des «vorgegebenen Zeitfensters».

Für jeden Fehler vergibt DPD eine bestimmte Anzahl Punkte. Ende Monat werden dem Subunternehmer pro Punkt 50 Franken vom sogenannten Qualitätsbonus abgezogen. «Bei mehreren Fehlern und Touren kann dies recht schnell bis weit über tausend Franken werden», erzählt der Insider.

Unterschriften fälschen aus Zeitdruck

Fürs Fälschen von Unterschriften gibt es beim ersten Mal einen Abzug von 600 Franken. Das werde nicht selten gemacht, erzählt Kurier Pero S., «nur niemand gibt es zu». Dieses «Phänomen» sei auch DPD schon seit Jahren bekannt, bestätigt der Insider.

Die Fahrer würden es aus Zeitgründen machen. Wenn der Empfänger nicht da sei, so müssten die Kuriere die Pakete wieder mitnehmen und am nächsten Tag erneut hinfahren. «Doch dazu fehlt die Zeit, und es besteht das Risiko, wiederum vor verschlossener Türe zu stehen».

Unterschriften zu fälschen sei ein strafrechtlicher Tatbestand, schreibt DPD. Der Fahrer werde von DPD mit Haus- und Arealverbot belegt. Zum Abmahnungsformular schreibt das Unternehmen: «Es handelt sich bei den Abmahnungen um Kürzungen des Qualitätsbonus. Dieser wird von DPD dem Tourenunternehmer vergütet und nicht direkt an den Fahrer. Die Grundvergütung wird nicht gekürzt.»

Strafpunkte geben Lohnkürzungen

Experte

Bildlegende: Daniel Münger von der Gewerkschaft Syndicom. SRF

Solche Abmahnungs-Systeme seien problematisch, da sie sehr einseitig seien, kritisiert Daniel Münger von der Gewerkschaft Syndicom. Der Gewerkschafter kennt die Probleme bei DPD. Bei ihm beklagen sich immer wieder Subunternehmer über miese Entschädigung und schlechte Arbeitsbedingungen. «Oftmals hören wir, dass es in Richtung Ausbeutung geht.»

Seit letztem Jahr gibt es in der Transport-Branche einen Gesamtarbeitsvertrag. Dieser regelt unter anderem Arbeitszeit, Pausen, Überstunden und Mindestlohn. Doch offenbar wird dieser Gesamtarbeitsvertrag bei DPD ignoriert, so Münger.

Lange Arbeitszeiten, Druck und Stress, seien symptomatisch für die Branche. Es gäbe aber auch Arbeitgeber, die ihre Mitarbeitende korrekt entlohnen würden. «Das Beispiel von DPD zeigt jedoch deutlich auf, dass dies nicht überall der Fall ist».

DPD: «Vergütung reicht um GAV einzuhalten»

Verteilzentrum

Bildlegende: Der Hauptsitz von DPD Schweiz in Buchs ZH. SRF

DPD widerspricht: Die Vergütung ermögliche es den Tourenunternehmern, die Fahrer zu angemessenen und gesetzeskonformen Bedingungen zu beschäftigen. Die Zahlen, die der «Kassensturz» nenne, würden nicht stimmen, die richtigen Zahlen seien «Geschäftsgeheimnis».

DPD schreibt: «Tourenunternehmer sind selbständige Unternehmer, DPD mischt sich nicht in die Umsetzung der Zustellung ein.» Und weiter: «DPD vereinbart mit den Tourenunternehmern, dass deren Fahrer zu angemessenen Konditionen unter Einhaltung aller gesetzlichen Bestimmungen und nach dem Gesamtarbeitsvertrag angestellt werden.» Die Löhne für die Fahrer bestimme der Tourenunternehmer selber.

Für Subunternehmer Pero S. ging die Rechnung mit DPD nicht mehr auf. Seine Firma musste Konkurs anmelden.

Korrektur:

In der Anmoderation des «Kassensturz»-Beitrags wurde das Datum der Undercover-Fahrt falsch genannt. Die Tour mit dem DPD-Kurier fand nicht im April 16 statt, sondern Ende März 16.

«Kassensturz»

«Kassensturz»

In dieser Serie schleusen sich Reporter in Firmen und Organisationen ein, um deren Machenschaften zu zeigen. Zum Dossier

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