Mietreduktion schon jetzt einfordern?

Schweizerinnen und Schweizer zahlen für ihre Mietwohnungen 6 Milliarden Franken zu viel. Zu diesem Schluss kommt der Mieterverband und fordert tiefere Mieten. Der Hauseigentümerverband kritisiert diese «Milchbüchlein-Rechnung». Reduktionen seien erst bei tieferem Referenzinssatz gerechtfertigt.

Miethäuser.

Bildlegende: Ruf nach tieferen Mieten. Laut MV zahlen die Mieter 6 Mrd. Franken zu viel. Keystone/Archiv

«Seit 2008 haben sich die Zinssätze auf den Hypotheken fast halbiert. Davon profitierte aber nur ein Fünftel der Mieterinnen und Mieter. Das geht nicht.» So kritisiert Marina Carobbio als Präsidentin des Mieterinnen- und Mieterverbands (MV) die aktuelle Situation.

Nach ihren Berechnungen müsste die durchschnittliche Wohnungsmiete heute rund 250 Franken pro Monat tiefer liegen, wenn die Hauseigentümer alle Senkungen des Referenzzinssatzes an die Vermieter weitergegeben hätten.

«Vermieter müssen soziale Verantwortung übernehmen»

Der Referenzzinssatz als Grundlage für die Mietzinse wird alle vier Monate vom Bundesamt für Wohnungswesen berechnet und liegt derzeit bei zwei Prozent. Anfang Juni könnte er allenfalls auf rekordtiefe 1,75 Prozent sinken.

Die Tessiner SP-Nationalrätin appelliert aber an die Mieterschaft, die Reduktionen schon jetzt einzufordern. «Die Mieter haben das Recht dazu und sollen profitieren. Die Vermieter müssen soziale Verantwortung übernehmen», doppelt sie nach.

HEV kritisiert «Milchbüchlein-Rechnung»

Der Direktor des Hauseigentümerverbands (HEV), Ansgar Gmür, ärgert sich über den Vorstoss und spricht von einer «Milchbüchlein-Rechnung». «Es ist nicht so viel ins Portemonnaie der Vermieter eingeflossen, wie da behauptet wird. Die Vermieter haben auch noch andere Kosten wie Unterhalt, Investitionen und Gebühren zu bewältigen.»

Im Übrigen stünden 46'000 Wohnungen in der Schweiz leer, wenn auch vielleicht am falschen Ort. Mit etwas Flexibilität finde man aber durchaus bezahlbare Wohnungen, erklärt Gmür.

Laut Carobbio geht diese Argumentation völlig an der Wirklichkeit der Mieterinnen und Mieter vorbei: Gerade in städtischen Agglomerationen mit den Arbeitsplätzen seien die Wohnungsnot gross und die Mietzinse hoch. Deshalb müssten zumindest die gesetzlich vorgeschriebenen Senkungen weitergegeben werden.

Neuen Referenzzinssatz abwarten?

Gemäss HEV ist dies aber angesichts des stabilen Referenzzinssatzes noch nicht nötig. Sollte dieser sinken, würde aber auch Gmür Mietzinssenkungen empfehlen: «Ein Mieter ist ein Kunde und man soll ihn auch so behandeln. Bei ausgewiesenem Anspruch soll man ihm entgegenkommen.»

Beim Mieterverband hört man die Botschaft - so richtig glauben aber will man sie nicht: «Viele Mieter fordern auch aus Angst vor Kündigungen ihren Anspruch auf Mietzinssenkungen nicht ein», klagt Carobbio. Sie bietet Betroffenen die Hilfe ihres Verbands an.

Mietzinssenkungen könnten sich auszahlen. Denn jedes Viertelprozent weniger im Referenzzinssatz sollte sich in einer dreiprozentigen Mietzinsreduktion niederschlagen. Wer also beispielsweise vor zwei Jahren noch 2000 Franken für seine Wohnung bezahlt hat, sollte sie diesen Sommer 150 Franken billiger mieten können.