Mit Doppelqualifikationen zum Erfolg

Ein Grossteil der Lehrabgänger arbeitet nach der Ausbildung in einer komplett anderen Branche. Das zeigen Zahlen des Bundesamtes für Statistik. Die Schweiz bilde trotzdem nicht am Arbeitsmarkt vorbei, sagen Ökonomen. Denn: Der Wirtschaft komme dieser Berufswechsel sogar zugute.

Ein junger Mann arbeitet an einre Maschine.

Bildlegende: Ob dieser Polymechaniker-Lehrling nach der Ausbildung auf seinem Gebiet arbeitet, ist eher unwahrscheinlich. Keystone

Berufe verschwinden, gleichzeitig entstehen neue Berufsfelder. So werden heute keine Drucksetzer mehr ausgebildet, die Lehre zur Informatikerin hingegen entstand erst in den 90er Jahren.

Dass so viele Lehrabgänger ihren Beruf wechseln, liegt aber auch daran, dass das Schweizer Bildungssystem dies ermöglicht. Denn auf rund 240 verschiedene Lehren können über 800 verschiedene Berufe in der Höheren Berufsbildung aufgebaut werden.

Wissen aus zwei Bereichen

«In der Regel ist dieser Wechsel positiv, weil die Lehrabgänger das Wissen von zwei verschiedenen Bereichen kombinieren können», meint der Bildungsökonom Stefan Wolter und erläutert es anhand eines Beispiels: Jemand habe zum Beispiel eine Lehre als Polymechaniker gemacht, studiere danach Betriebswirtschaft und spezialisiere sich in Marketing für Industrieprodukte. «Jemand mit so fundierten Kenntnissen der Industrielandschaft ist viel glaubwürdiger als jemand, der nur die Marketingseite kennt.»

Überdurchschnittlich viele Wechsel in Industrie

Doch dieser Polymechaniker fehlt dann in der Industrie. Die Industrie ist denn auch derjenige Sektor, in dem Berufsgruppenwechsel besonders häufig sind. 55 Prozent der Lehrabgänger wechseln in eine komplett andere Berufskategorie – weg von der Industrie. In den Bereichen Gesundheit, Bildung oder Kultur beispielsweise sind es nur 33 Prozent.

«  Wir beobachten, dass die Leute zum Teil auf ihren Erstberuf zurückkehren. »

Ivo Zimmermann
Swissmem-Sprecher

Buckelt die Industrie also die Ausbildungskosten für die anderen Sektoren und hat nichts davon? Nein, sagt Swissmem-Sprecher Ivo Zimmermann. Es gehöre zum beruflichen Werdegang, dass man sich weiterentwickle und auch in eine andere Branche wechsle. «Wir beobachten aber auch, dass die Leute zum Teil auf ihren Erstberuf zurückkehren.»

«  Doppelqualifikationen kommen der Industrie schlussendlich zugute. »

Stefan Wolter
Bildungsökonom

Und zwar in anderer Funktion. Davon kann der ganze Sektor profitieren. Das stellt auch Bildungsökonom Stefan Wolter fest und kommt auf das Beispiel des Polymechanikers zurück, der in der Marketingabteilung landete. «Diese Doppelqualifikationen kommen der Industrie schlussendlich zugute, auch wenn sie später statistisch nicht mehr als Industrieberufe klassifiziert werden.»

Zwei Knaben vor einem elektrischen Pult.

Bildlegende: Welchen Beruf will ich später ausüben? An einer Berufsmesse bekommen Jugendliche einen Einblick in diverse Berufe. Keystone

Somit geht die Rechnung unter dem Strich auf. Und nicht nur für die Industrie, auch gesamtwirtschaftlich gesehen, seien die häufigen Berufswechsel positiv zu werten, sagt der Bildungsökonom. Studien zeigten, dass Berufsumsteiger ihre im Erstberuf erlernten Fähigkeiten auch im Zweitberuf brauchen könnten und dass der Wechsel in den meisten Fällen mit einem Lohnanstieg verbunden sei.

In Zukunft noch mehr Wechsel

Wenn also jede zweite Lernende, die dieser Tage ihre Lehrstelle antritt, später in einem komplett anderen Beruf landet, ist dies ein Zeichen dafür, dass unser Bildungssystem funktioniert. Umso mehr, als solche Wechsel in Zukunft noch vermehrt nötig sein könnten. Das amerikanische Arbeitsministerium prognostiziert, dass 60 Prozent der Personen, die heute eine Ausbildung beginnen, später in einem Beruf arbeiten werden, den es heute noch gar nicht gibt.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Arbeitgeber buhlen um Lernende

    Aus 10vor10 vom 31.7.2015

    Nächste Woche beginnt für viele junge Menschen der Schritt in die Arbeitswelt. Doch schätzungsweise 8000 Lehrstellen sind noch frei. Viele Branchen und Unternehmen setzen deshalb auf teure Imagekampagnen und neue Lehrmodelle.