FDP sucht Bundesratskandidaten «Mit einer Kandidatur aus der Romandie ist zu rechnen»
- Mittwoch, 12. Juli 2017, 11:43 Uhr
Die Einernomination von Cassis sorgt in der Westschweiz für Augenreiben. Und sie weckt Hoffnung. Einschätzung von Barbara Colpi.
Bildlegende: Barbara Colpi berichtet für Radio SRF seit 2016 aus der Westschweiz. srf
SRF News: Die Tessiner FDP schickt Ignazio Cassis allein ins Rennen um die Nachfolge von Bundesrat Didier Burkhalter. Was bedeutet die Einernominierung für eine allfällige Kandidatur aus der Westschweiz?
Barbara Colpi: Tatsächlich hat die alleinige Ernennung von Cassis die mögliche Kandidatur einer Frau aus der Westschweiz gestärkt. Bisher haben Nationalrätin Isabelle Moret und Regierungsrätin Jacqueline de Quattro – beide aus der Waadt – ihr grundsätzliches Interesse angemeldet und gesagt, sie würden es sich bis Ende Juli überlegen.
Warum diese Zurückhaltung?
Die Waadtländer FDP gibt sich bisher allerdings nicht sehr kämpferisch, um den frei werdenden Bundesratssitz zu beanspruchen. Und eine Alibi-Kandidatin will niemand sein. Es zirkulieren aber auch Männernamen: In Genf werden Nationalrat Christian Lüscher und Regierungsrat Pierre Maudet ins Spiel gebracht. Während ersterer sagt, er lasse die Tür offen, hat sich Maudet bisher überhaupt nicht dazu geäussert.
« Tatsächlich hat die alleinige Ernennung von Cassis die mögliche Kandidatur einer Frau aus der Westschweiz gestärkt. »
Hätten diese vier potenziellen Kandidatinnen und Kandidaten überhaupt eine reale Chance?
Darüber wird in der Romandie natürlich viel spekuliert. Klar ist die Waadtländer FDP die stärkste Partei im Kanton und klar ist er der grösste Westschweizer Kanton. Ebenso klar ist aber auch, dass die Waadt mit Guy Parmelin bereits einen Bundesrat hat, was die Chancen von Moret und de Quattro schon im Voraus schmälert. Sie hätten aber noch den Frauen-Bonus. Zudem politisieren sie am linken Flügel der FDP, was unter Umständen von Vorteil sein könnte. Sagen wir es so: Hätte das Tessin mit Laura Sadis auch eine Frau nominiert, wären Morets und de Quattros Chancen gleich Null gewesen.
So sind sie immerhin etwas höher?
Sicher ist Nationalrätin Moret in Bern bekannter als Regierungsrätin de Quattro. Die Chancen der beiden möglichen Genfer Kandidaten sind mit der alleinigen Nominierung von Cassis sicher gesunken. Als FDP-Vizepräsident und Nationalrat ist Lüscher bekannter, als ehrgeiziger und zielstrebiger gilt hingegen Maudet. Alle vier müssten aber darauf hoffen, dass der Kronfavorit nicht gewählt wird – was auch immer wieder vorgekommen ist.
« Hätte das Tessin mit Laura Sadis auch eine Frau nominiert, wären Morets und de Quattros Chancen gleich Null gewesen. »
Die Bundesratswahl findet voraussichtlich am 20. September statt. Bis wann wissen wir mehr über eine allfällige Westschweizer Kandidatur?
Niemand will vorpreschen. Zuerst wird jetzt abgewartet, ob die Delegiertenversammlung der Tessiner FDP die alleinige Nominierung von Cassis bestätigt. Bis zum 11. August müssen die Kantonalparteien ihre Kandidaten melden. Die Delegiertenversammlungen in der Waadt und in Genf finden kurz vorher statt. Nicht vorstellen kann man sich in der Westschweiz derzeit, dass die FDP Schweiz mit einem Einerticket ins Rennen gehen würde. Deshalb ist mit einer Kandidatur aus der Romandie zu rechnen.
Das Gespräch führte Salvador Attasoy.
Burkhalters Nachfolge – Die heissesten Anwärter
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Ignazio Cassis: Der Tessiner hat sich als FDP-Fraktionschef einen Namen gemacht. Allerdings kostete ihn sein Widerstand gegen die Reform der Altersvorsorge bei der Linken viel Sympathie. Die FDP Tessin hat ihn als einzigen Kandidaten nominiert, die Tessiner Delegierten müssen der Ernennung allerdings noch zustimmen. Keystone
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Isabelle Moret: Dass die Waadtländer Nationalrätin und FDP-Vizepräsidentin Ambitionen auf einen Sitz in der Landesregierung hat, ist seit 2009 klar: Sie kandidierte für die Nachfolge von Pascal Couchepin und wurde von der Kantonalpartei auch nominiert. Jetzt überlegt sich die Juristin, einen zweiten Anlauf zu nehmen. Keystone
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Jacqueline de Quattro: Die Waadtländer Sicherheits- und Umweltdirektorin gilt als Frau der Tat. Kaum gewählt, reformierte sie das Polizeiwesen, ging mit harter Hand gegen die Drogenkriminalität in Lausanne vor und kritisierte nach den Morden an Adeline und Marie die Justiz. Jetzt überlegt sie sich den Schritt aufs nationale Politparkett. Keystone
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Genfer Nationalrat und FDP-Vizepräsident Pierre Lüscher will für eine Kandidatur alle Türen offen lassen, wie er sagt. 2009 hatte der Jurist um die Nachfolge von Bundesrat Pascal Couchepin gekämpft – bekanntlich vergeblich. Er tritt vor allem für eine freiheitliche Wirtschaft ein. Keystone
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Pierre Maudet: Der Genfer Sicherheits- und Wirtschaftsdirektor ist zwar erst 39, hat sich mit seiner strikten Haltung bei der Kriminalitätsbekämpfung aber bereits in der ganzen Romandie einen Namen gemacht. 2009 nahm er sich aus dem Rennen um die Nachfolge von Couchepin. Ob er es jetzt versucht, dazu hat er sich offiziell noch nicht geäussert. Keystone
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Sendungsbeiträge zu diesem Artikel
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Ignazio Cassis hat in sich geschaut - und will
Aus Echo der Zeit vom 11.7.2017
Ignazio Cassis, Fraktionspräsident der FDP, wurde seit Burkhalters Rücktritt als Kronfavorit gehandelt. Bis anhin hat er zu seinen möglichen Ambitionen immer geschwiegen. Bis jetzt. Er bestätigt, dass er bereit ist für eine Kandidatur. Das Interview über seine Gründe.
Alexander Grass
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Tessiner FDP-Vorstand will Ignazio Cassis
Aus Rendez-vous vom 11.7.2017
Ignazio Cassis soll der achte Tessiner Bundesrat werden. Der Vorstand der Tessiner FDP hat ihn eben nominiert. Warum setzt der Tessiner FDP-Vorstand auf eine Einer-Kandidatur? Begründungen und Einschätzungen aus dem Tessin und dem Bundeshaus.
Alexander Grass und Elmar Plozza
8 Kommentare
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Schweizer Politik: "falsch" - Eigeninteressen der Partei verfolgen! Richtig - Volkswohl-Interessen wahrnehmen und umsetzen! Wer von den "KandidatenInnen", EIGNET sich auch wirklich für einen sehr gut bezahlten (Volks-Steuergelder)Bundesratssitz, zum Wohle des Volkes??
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Ein Armutszeugnis für unsere Schweiz, wenn sich die Meinung in politischen Kreisen wie auch Wählerkreisen vertreten wird, ein Kandidat aus dem einen Sprachkreis kann die Interessen einer anderen Sprachregion nicht genügend vertreten. Die Position "Bundesrat" bezieht sich aufs ganze Miniland, da wäre die Bevorzugung von der einen oder anderen Region gerade mal unzulässig. Wer Pluspunkte einer Region erreichen will, sollte Kantonsvertreter oder Lobbyist werden wollen, sicher nicht BR.
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Roland Gadient (Roland Gadient), Chur
Donnerstag, 13.07.2017, 05:24Aber diesen Vorschlag (10 Bundesräte) will man nicht, denn dann hat man parteipolitisch nichts mehr zum Streiten, das ist das Problem, von unseren sog. Volsksvertreter.