Muslime in der Schweiz: «Wir wollen uns nicht rechtfertigen»

Sie leben den Glauben in ihrem Alltag ganz unterschiedlich. Aber in einem sind sich die drei jungen Muslime Alena Kadribašić, Mustafa Nasar und Nuran Serifi einig: Sie wollen sich nicht für die Attentate in Paris rechtfertigen. Terrorismus habe mit dem Islam nichts zu tun.

Video «Junge Schweizer Muslime wollen sich nicht rechtfertigen» abspielen

Junge Schweizer Muslime wollen sich nicht rechtfertigen

9:38 min, aus Rundschau vom 14.1.2015

Die 35-jährige Kulturvermittlerin Nuran Serifi aus Bern ist besorgt. Sie fürchtet sich vor der zunehmenden Islamophobie nach dem Attentat auf das Satire-Magazin «Charlie Hebdo» in Paris. «Was heisst das konkret für die Muslime, die nichts damit zu tun haben?», fragt sich Serifi.

Das Kopftuch irritiert

Die dreifache Mutter mit albanisch-mazedonischen Wurzeln wird im Alltag immer wieder diskriminiert. Insbesondere, seit sie sich vor fünf Jahren entschieden hat, ein Kopftuch zu tragen. Es gebe verschiedene Reaktionen, erzählt Serifi. Manchmal würden Sprüche fallen von Leuten, die glaubten, sie verstehe kein Deutsch. Eine Stelle als Verkäuferin finde sie mit Kopftuch nicht mehr. Deshalb möchte sie nun Fahrlehrerin werden.

Ein Imam in einer kleinen Schweizer Moschee spricht zu den Gläubigen.

Bildlegende: Muslime wollen mehr über ihre Religion und Kultur sprechen und eine Zeichen setzen gegen die Angst vor dem Islam. SRF

Serifis Wahrnehmung ist nicht nur eine subjektive Empfindung. Wie eine aktuelle Studie der deutschen Bertelsmann-Stiftung zeigt, hält jeder zweite Schweizer den Islam für eine Bedrohung. Die Muslime, die in der Schweiz leben, sehen sich entsprechend häufig Vorurteilen ausgesetzt.

Wie sieht denn eine Muslimin sonst aus?

Was das konkret heisst, weiss auch die 31-jährige Bosnien-Schweizerin Alena Kadribašić. Die Direktionsassistentin aus Zürich ist ebenfalls Muslimin, trägt aber kein Kopftuch, hat noch nie in einer Moschee gebetet und verzichtet weder auf Alkohol noch auf Schweinefleisch. «Deswegen komm‘ ich nicht in die Hölle, das weiss ich», sagt Kadribašić. Ihr Lebensstil stösst aber immer wieder auf Verwunderung. Regelmässig wird sie darauf angesprochen, dass man ihr gar nicht ansehe, dass sie Muslimin sei.

Kadribašić fragt dann, was sie immer fragt in solchen Situationen: «Wie muss eine Muslimin Ihrer Meinung nach denn aussehen?» Die junge Frau sagt von sich, sie lebe einen zeitgemässen Glauben.

Glaube als Lebenseinstellung

Präsenter ist der Islam im Alltag von Mustafa Nasar: Der 22-jährige Berner studiert Islamwissenschaften an der Universität Basel. Er betet vier- bis fünfmal täglich, besucht das Freitagsgebet in einer Moschee, verzichtet auf Alkohol und Schweinefleisch und wünscht sich eine Muslimin als Frau.

«Der Glaube ist für mich eine Lebensart und eine Lebenseinstellung. Er gibt mir Antworten auf Fragen, die sich im Verlauf des Lebens stellen», sagt Nasar, dessen Eltern 1991 aus Afghanistan in die Schweiz gekommen sind.

Paris wird instrumentalisiert

Der Student beurteilt die Entwicklungen nach dem Attentat von Paris ebenfalls kritisch. Das Ereignis werde nun von der Politik instrumentalisiert. Vor allem konservative Kräfte in Europa würden versuchen, die Angst vor dem Islam weiter zu schüren.

Nasar sieht aber auch die Gefahr, dass die Muslime nun noch mehr in eine Opferrolle geraten. Deshalb fordert er: «Sie müssen die Initiative ergreifen und auf die Leute zugehen, ohne dass es dazu ein Attentat braucht.»

Serifi, Kadribašić und Nasar, sie alle stehen für eine andere Art des Glaubens und sind sich doch einig: Rechtfertigen müssen sich die Muslime für die Terroranschläge in Paris nicht. Aber über ihre Religion und Kultur sprechen sollen sie jetzt erst recht – um so ein Zeichen zu setzen gegen die Angst vor dem Islam.

Sendung zu diesem Artikel