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Schweiz Nach Beinahe-Crash: Fluglotsen fürchten sich vor Staatsanwalt

Heute kommt es zur Anklage gegen einen Fluglotsen, der 2011 einen Beinahe-Crash ausgelöst hatte. Die Staatsanwaltschaft verlangt eine bedingte Geldstrafe. Das Skyguide-Personal wiederum macht sich Sorgen, dass der Entscheid Signalwirkung haben könnte.

Legende: Video «Fluglotse nach Beinahe-Kollision vor Gericht» abspielen. Laufzeit 4:39 Minuten.
Aus Schweiz aktuell vom 15.12.2014.

Nur wenig hätte gefehlt an jenem 15. März 2011. An diesem Tag gab ein Fluglotse zwei Flugzeugen fast gleichzeitig die Bewilligung zum Starten. Beide Maschinen drehten voll auf und trafen sich fast an der Kreuzung der beiden Startbahnen. Nur dank der ausserordentlichen Geistesgegenwart der von links kommenden Piloten kam es zu keiner Tragödie. Sie brachen den Start sofort ab. In den beiden Flugzeugen befanden sich 262 Personen.

Der Skyguide-Mitarbeiter, gegen den die Staatsanwaltschaft ermittelte, muss sich nun vor dem Bezirksgericht Bülach verantworten. Dabei treffen zwei Kulturen aufeinander. Die Staatsanwaltschaft geht von einer fahrlässigen Störung des öffentlichen Verkehrs aus. Skyguide hingegen verweist auf ihr strafloses Meldewesen: Fluglotsen melden selber ihre Fehler und tun dies im Wissen um straflose Konsequenzen. Nur grobfahrlässiges Handeln wird aktiv an die Justiz gemeldet.

Wegen der möglichen Signalwirkung des Urteils verfolgen die Skyguide-Mitarbeiter den Prozess mit grossem Interesse. Im SRF-Gespräch nimmt der verantwortliche Medienbeauftragte Vladi Barrosa Stellung zum Prozessauftakt.

SRF News Online: Am Dienstag beginnt der Prozess am Bezirksgericht Bülach. Wie geht es dem angeklagten Fluglotsen?

Vladi Barrosa, Media Officer Skyguide: Den Umständen entsprechend gut. Er ist natürlich sehr angespannt.

Arbeitet er zurzeit als Fluglotse?

Nicht als Fluglotse, nein. Seit der Anklage arbeitet er im Tower als Experte bei verschiedenen Projekten, aber nicht mehr als Lotse.

Es herrscht ein Gefühl der Anspannung.

Wie haben die anderen Mitarbeiter auf die Anklage reagiert? Haben sie Angst?

Nein, Angst sicher nicht. Es herrscht momentan eher ein Gefühl der Anspannung. Viele befürchten, dass diese Anklage Schule macht.

Die Staatsanwaltschaft verlangt aber «nur» eine bedingte Geldstrafe.

Darum geht es nicht. Schauen Sie, wir führen eine gewissenhafte Sicherheitskultur. Mit unserem Programm «just culture», welches international angewendet wird, werden unsere Mitarbeiter dazu geleitet, sämtliche Vorkommnisse zu melden. Sie tun dies im Wissen, dass sie dies straffrei machen können. Überhaupt stellt sich die Frage nach der Fehlerkultur. Es darf nicht sein, dass alle Vorkommnisse gleich Disziplinarmassnahmen oder rechtliche Prozesse zur Folge haben. Dieser Problematik müssten sich beispielsweise auch KKW-Angestellte stellen.

Hat der angeklagte Lotse den Vorfall vom März 2011 selber gemeldet?

Die betroffenen Piloten haben dies von Amtes wegen gemacht. Der Lotse selber hat damals den Vorfall ebenfalls gemeldet.

Das Gespräch führte Beni Frenkel.

Vladi Barrosa, Skyguide-Media Officer

«Es herrscht ein Gefühl der Anspannung»

6 Kommentare

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  • Kommentar von Pascal Muster, Fällanden
    Der Vergleich mit einer Bestrafung bei einer Geschwindigkeitsüberschreitung hinkt. Beim Einen handelt es sich meist um ein bewusst eingegangenes Risiko, beim Anderen um einen Arbeitsfehler. Es ist ja nicht so, dass hier bewusst ein vorgeschriebener Prozess zum eigenen Wohl nicht eingehalten worden wäre. Wenn dieser Lotse nun bestraft würde, müssten noch vorher viele Wirschafskapitäne hohe Strafen zahlen. Ich hoffe die Veranwortlichen denken nochmals nach.
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    1. Antwort von Kurt Schrag, Liebefeld
      Die Wirtschaftskapitäne verursachen "nur" wirtschaftliche Schäden. Die im Verkehr Tätigen (Piloten, Fluglotsen, Eisenb.-Fahrdienstleiter, Lokführer) können bei Fehlhandlungen Personenschäden verursachen. Das Gesetz stellt im Flug- und Bahnverkehr bereits Gefährdungen unter Strafe. Bei der Bahn sind schon viele Bedienstete wegen Gefährdung strafrechtlich oder Betriebsintern mit Diensteinstellung (bis mehrere Tage oder Bussen bestraft worden. Bei SBB seinerzeit nach Beamtengesetz.
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  • Kommentar von Hans Knecht, Torny
    Ein rätselhaftes Vorkommnis. Sicherheit ist m.W. oberstes Gebot für alle in der Luftfahrt und da ist eine Egokultur hinderlich. Warum hat nur einer der beiden Piloten den Fehler realisiert? Wir leben im Zeitalter von TCAS, FLARM und FLOICE. Und warum kriegen wir es nicht hin die System so zu gestalten, dass diese selber merken dass ein andere Flugzeug auf der Piste steht oder zur Gefahr wird?
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    1. Antwort von Charles Dupond, Vivis
      Sicherheit zuerst war einmal. Seit AG-Wasserkoepfe mit ausrangierten Politikern im Verwaltungsrat finanziert werden muessen kommt zuerst der Sparwahn und dann die Puenktlichkeit. Auch in der Luft. Die Luftpolizei"wache" in Zuerich funktionierte nachts mit nur noch einem "Soldaten", wenn der Kollege gerade am Pipi oder Kafi war. Und der musste fuer ein spaetes Ponzenflugzeug einen Flugplatz wecken, derweil er ein Postflugzeug in einen Passagierjet donnern liess. Auch da wurden ein paar Kleine geh
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  • Kommentar von Charles Dupond, Vivis
    Wer im Eifer der Ueberforderung einen folgenlosen Fehler macht und diesen meldet, sollte vor Strafverfolgung sicher sein. Bei den privatisierten SBB wird die Bremsprobe nicht mehr vor der Abfahrt vorgeschrieben. Als es deswegen bumste, wurde nicht die dafuer verantwortliche Befehlskette angeklagt, sondern nur ein einziger Zugbegleiter, der an dem langen Zug einen falsch gestellten Hahnen uebersehen hatte. Das Gericht sprach ihn zwar frei; die Verantwortlichen der Befehlskette blieben aber auch u
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    1. Antwort von Fabio Gomes, Zürich
      Sorry nur so eine Korrektur am Rande. Die SBB wurde nie privatisiert sondern hat lediglich eine privatwirtschaftliche Rechtsform(Aktiengesellschaft) angenommen. Die Aktien gehören ganz dem Staat.
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