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Nach Fehlern einer Hebamme Zürcher Spital muss Genugtuung bezahlen

Das Zürcher Obergericht hat ein Regionalspital zu einer Geldzahlung an ein behindertes Kind und seine Mutter verurteilt.

Legende: Audio Zürcher Obergericht: Behindertes Kind und Mutter erhalten Genugtuung von Spital (Symbolbild) abspielen.
1:30 min, aus HeuteMorgen vom 28.10.2017.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Im Jahr 2004 erlitt ein Junge bei der Geburt in einem Zürcher Regionalspital einen Sauerstoff- und Durchblutungsmangel. Er ist deshalb cerebral gelähmt.
  • Jetzt hat das Zürcher Obergericht geurteilt, dass das Spital dem Jungen und seiner Mutter eine Genugtuung von 140'000 Franken bezahlen muss.
  • Für Patientenschützerin Margrit Kessler ist dieser Betrag angesichts des Millionenschadens «lächerlich».

Ein heute 13-jähriger Junge wird sein Leben lang auf fremde Hilfe angewiesen sein. Er ist cerebral gelähmt, weil er bei seiner Geburt unter Sauerstoff- und Durchblutungsmangel litt. Nun hat das Zürcher Obergericht geurteilt, dass die Hebamme bei der Geburt Vorschriften missachtet und die Sorgfaltspflicht verletzt hat.

So habe sie zum Beispiel die Herztöne des Kindes nicht regelmässig abgehört und so erst zu spät bemerkt, dass die Nabelschnur zwischen Kopf und Becken eingeklemmt gewesen sei. Ausserdem hätte die Hebamme früher einen Arzt hinzuziehen müssen.

«Eine lächerliche Summe»

Für diese Sorgfaltspflichtverletzungen muss das Zürcher Regionalspital, in dem der Junge geboren wurde, eine Zahlung von 140'000 Franken leisten.

Das sei aber nur eine kleine Genugtuung, sagt Patientenschützerin Margrit Kessler. «Diese Summe ist unglaublich lächerlich.» Denn der Schaden, der durch die Sorgfaltspflichtverletzung entstanden sei, gehe in die Millionen. «Und wir – die Allgemeinheit – müssen den Rest bezahlen.»

Zahlungen sind selten

Denn nun zahle die Invalidenversicherung, also die öffentliche Hand, jahrzehntelang für das behinderte Kind. Dabei wäre dies die Aufgabe des Spitals oder dessen Haftpflichtversicherung, sagt Kessler. Dazu komme es jedoch praktisch nie.

Zahlen des Spitalverbands H Plus zeigen, das tatsächlich nicht häufig Geld fliesst, wenn Patienten und ein Spital um Fehler streiten. Nur in rund einem Drittel der Streitfälle komme es schliesslich zu Geldzahlungen, heisst es bei H Plus auf Anfrage.

9 Kommentare

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  • Kommentar von Mirco Schmid (Mirco Schmid)
    Die Dauer bis zum Urteil ist so inakzeptabel, wie die Summe. Die Verantwortlichen haben alle Gesundheitskosten zu übernehmen, für den Betreuungsaufwand der Eltern aufzukommen, beim der Genugtuung selbst fehlt eine Null. Weiter sollte die Beweislast im Gesundheitsbereich bei dem Liefern, der sie liefern kann. Das ist nicht der Patient, die Akten und Fachwissen sind bei den Krankhäusern, Ärzten und Co. Weiter sollte bekannt werden, in welchem Krankenhaus sich das ereignete.
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  • Kommentar von Ph. Greene (pgr)
    Heisst das, wir bezahlen indirekt die Haftpflichtversicherung des Spitals und zusätzlich noch die IV. D.h. Eine Gewinngarantie und Boni für die Geschäftsleitungen und Verwaltungsräte von Spital und Versicherungen. Hier frage ich mich ob die Privatisierung der Spitäler wirklich Sinn gemacht hat. Gewinn für eine gewisse Minderheit und Verluste an die Allgemeinheit.
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  • Kommentar von Manuela Fitzi (Mano)
    Warum leitet eine Hebamme die Geburt ohne Arzt? Dies ist eine komplizierte medizinische Angelegenheit. Das ganze System müsste geändert werden, finde ich.
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    1. Antwort von Charles Halbeisen (ch)
      Die Hebammen haben Geburten begleitet, bevor sich die Ärzte dieses Gebietes angenommen haben. Hebammen sind dazu ausgebildet und sollten nicht mir dem Reinigungsdienst verwechselt werden. Die Ärzte kommen meines Wissens erst bei Komplikationen dazu. Es gibt neuerdings sogar Hebammen mit Doktor-Titel! In diesem Fall aber hatte die Hebamme offenbar leider versagt,
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    2. Antwort von Manuela Fitzi (Mano)
      Wir wissen natürlich nicht genau, was passiert ist, aber bei Sauerstoffmangel zählt jede Sekunde. Bis der Arzt ankommt, kann das Hirn bereits irreparabel geschädigt sein. Zudem glaube ich, dass Hebammen gewisse Entscheidungen nicht treffen dürfen. Ich spreche die Kompetenz der Hebammen nicht ab, doch es ist nicht von ungefähr, dass Geburten in Spitälern passieren (ausgenommen risikofreudige Trendy-Hipster-Naturalisten), wo es ein ganz klares Protokoll für die ärztliche Intervention besteht.
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    3. Antwort von Margot Helmers (Margot Helmers)
      Eine Geburt ist eine ziemlich einfache Angelegenheit und erfordert keinen Arzt. Mein zweites Kind habe ich ambulant in einem Gebärhaus ohne Ärzte entbunden. Die Hebamme hatte laut Bericht die Vorschriften missachtet. Die Summe ist echt ein schlechter Witz, da fallen in Jahrzehnten Millionen von Kosten an.
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