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Administrative Versorgung Neue Einblicke in ein dunkles Kapitel der Schweizer Geschichte

Ein Expertenbericht zeigt: In Krisenzeiten wurden arme Menschen besonders häufig weggesperrt.

Legende: Video Ohne Gerichtsurteil weggesperrt abspielen. Laufzeit 01:59 Minuten.
Aus Tagesschau vom 18.01.2017.
  • Jahrzehntelang wurden unliebsame Personen ohne Gerichtsurteil in Anstalten weggesperrt. Es dürften klar mehr als 10'000 Menschen gewesen sein.
  • Dies zeigt ein erster Bericht der Unabhängigen Expertenkommission (UEK), welche die sogenannten administrativen Versorgungen untersucht. Der Bundesrat hat sie 2014 eingesetzt.
  • Besonders viele Menschen wurden in den 1930er Jahren und in der Zeit des Zweiten Weltkrieges weggesperrt.

Seit anderthalb Jahren sind die 30 Mitarbeiter damit beschäftigt, Archive zu durchforsten oder mit Zeitzeugen zu sprechen. Eine, vielleicht die zentrale Grund-Frage: Wie war so etwas möglich? Was war das Motiv, um Menschen ohne Gerichtsurteil wegzusperren?

Von «arbeitsscheu» und «liederlich»

Eine Erkenntnis hier: Das Geld spielte eine grosse Rolle. Das sagt Martin Lengwiler, Geschichtsprofessor an der Universität Basel und einer der unabhängigen Experten: «Ein zentrales Motiv war die Angst, dass Leute der Armut anheimfallen und damit auch den Fürsorgefonds zur Last fallen.»

Blick von aussen auf die Freiburger Strafanstalt Bellechasse.
Legende: In der Freiburger Strafanstalt Bellechasse (Bild) haben die Experten viele Briefe von Weggesperrten gefunden. Keystone

Besonders gefährdet waren darum alle Menschen, die kein geregeltes Einkommen hatten. Sie bekamen von den Behörden Stempel wie «arbeitsscheu» oder «liederlicher Lebenswandel». Vor diesem Hintergrund erscheint ein anderes Ergebnis der bisherigen historischen Untersuchungen naheliegend:

Ging es der Wirtschaft schlecht, wurden mehr Menschen versorgt. Das zeigte sich vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: «Die Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren ist eine Phase in der viel ‹versorgt› wurde, während des Zweiten Weltkriegs hatten wir auch relativ viele administrative Versorgungen.»

Nie abgeschickte Briefe als wichtige Quellen

Umgekehrt gingen in den Nachkriegsjahren, während des Wirtschaftsbooms der 1950er und 1960er Jahren, die Fallzahlen stark zurück. Doch unabhängig von der Anzahl der Versorgten: Für jeden Einzelnen, für jede Einzelne war dieses Wegsperren ohne Grund ein traumatisches Erlebnis.

Das zeigt sich auch in Briefen, die die Betroffenen seinerzeit schrieben, die aber nie abgeschickt wurden. Nun hat man sie in Archiven wiedergefunden und ausgewertet. Historiker Lengwiler sagt dazu:

Man hat keine Straftat begangen und man wird trotzdem weggesperrt, verliert dann auch den Zugang zu Geschwistern und Eltern, das ist höchst traumatisierend und stigmatisierend.
Autor: Martin LengwilerHistoriker, Mitglied der UEK

Das präzise Ausmass dieses dunklen Kapitels der Schweizer Geschichte bleibt unklar. Zwar kennt man die ungefähre Zahl der noch lebenden Betroffenen: 12'000 bis 15'000. Wie viele Menschen aber seit dem späten 19. Jahrhundert bis 1981 in Schweizer Kliniken oder Gefängnissen insgesamt administrativ versorgt wurden, können die Historiker heute noch nicht abschätzen. Im Schlussbericht, der in zweieinhalb Jahren fertig sein soll, soll dann aber eine solche Zahl stehen.

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27 Kommentare

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  • Kommentar von Bruno Hochuli (Bruno Hochuli)
    Leider war die Schweiz in vielen Belangen überhaupt keine Engel, im Gegenteil, dass es bei uns solch erbärmliche Zustände gab, dafür möchte ich mich für diese traurigen Taten endschuldigen. Es betrifft nicht die jungen Leute von jetzt, sondern wir der alten Generation. Hoffen wir, dass sowas nie wieder vorkommen wird.
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  • Kommentar von Philipp Etter (Philipp Etter)
    Heute ist das Thema der "Administrativen Versorgung" an der Reihe, welche zum Glück seit etwa 1970 nicht mehr betrieben wird. Es ist angezeigt, der Sache nachzugehen, sie öffentlich zu diskutieren und die Opfer zu unterstützen. Wegschauen und Totschweigen hat dazu geführt, dass wir 2013 mit dem neuen Kinder- und Erwachsenenschutzrecht eine revidierte Form der "Administrativen Versorgung" (KESB), die vermeintlich professionell und vermeintlich juristisch geläutert daherkommt, gutgeheissen haben!
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  • Kommentar von Christoph Heierli (help)
    Sand/Diese Untaten waren Säuberungen nach Nazi Methoden. Nazis gab es auch in der Schweiz zuhauf. Wenn man hier gewisse Kommentare liest, stellt man fest dass es die leider heute immer noch gibt. Anstatt sich über anfallende Kosten für die gequälten Menschen zu beschweren, sollte man wenigstens ein wenig über die eigene Arroganz nachdenken.
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