Neue Gen-Schere entzweit die Schweiz

In der Schweiz verbietet die Verfassung jegliche Eingriffe in das menschliche Erbgut und damit auch die Anwendung der neuartigen CRISPR/Cas9-Methode auf Embryonen. Das könnte sich längerfristig ändern, so der Immunologe Beda Stadler.

2015 erkor das renommierte Fachmagazin «Science» eine Technik, die CRISPR/Cas9-Methode, zum wissenschaftlichen Durchbruch des Jahres. Das Verfahren, das gerne als neuartige Gen-Schere umschrieben wird, hat es tatsächlich in sich: Es ermöglicht – wesentlich präziser als bisher – Teile der DNA auszuschneiden oder einzusetzen und dies bei sämtlichen Lebewesen.

Während die Gen-Schere schon seit 2013 biotechnologisch an Tieren und Pflanzen angewendet wird, erhielt erst seit kurzem ein britisches Forschungsteam die Erlaubnis, menschliche Embryonen im Hinblick auf Unfruchtbarkeit mit der Methode zu erforschen. Das Projekt ist international hoch umstritten. Während die einen das Aufkommen von Designerbabys fürchten, erhoffen sich andere neue Einblicke in grundlegende Gen-Mechanismen, mit welchen unfruchtbaren Paaren geholfen werden könnte.

Schweiz verbietet Eingriffe

In der Schweiz regelt die Verfassung den Umgang mit menschlichem Keim- und Erbgut. Gemäss Art. 119 sind alle Arten Eingriffe in das Erbgut menschlicher Keimzellen und Embryonen unzulässig. Damit darf auch die CRISPR-Methode an menschlichen Embryonen nicht getestet werden.


Die Arbeit der nationalen Ethikkommission

6:27 min, aus Echo der Zeit vom 09.02.2016

Wie Andrea Büchler, Präsidentin der nationalen Ethikkommission für Human-Medizin, gegenüber «Echo der Zeit» sagte, bestand bislang ein internationaler Konsens über solche Eingriffe: «Man war sich quasi einig, dass der Schutz der Menschenwürde Interventionen in das Genom des Embryos verbietet.»

Dass in England nun solche Eingriffe erlaubt werden sollen, ist Büchler zufolge damit zu erklären, dass das Land im Gegensatz zur Schweiz eine andere ethische Tradition habe. Selbst wenn in der Schweiz andere ethische Werte dominieren, sollte sich die Schweiz auch mit den Chancen der Technik befassen, so Juristin Büchler.

Generell gelte es aber zu bedenken, dass wenn in das Genom eingegriffen werde, und die entsprechenden Embryonen austragen würden, alle nachfolgenden Generationen auch betroffen wären. «Dann ist es wie ein Eingriff in den evolutionären Verlauf», sagt Büchler.

Mächtiges Werkzeug

Sai Reddy, ETH-Professor für biomolekulares Engineering, nutzt die neue Forschungsmethode in seiner täglichen Arbeit: «CRISPR ist ein zentrales, sehr mächtiges Werkzeug für uns. Vor 2013 nutzten wir andere Techniken, die nicht annähernd so präzis und zeitsparend waren wie CRISPR.»

Dass die Methode in der Schweiz nicht im Bereich der embryonalen Forschung genutzt werden kann, sieht Reddy nicht als Problem: «Auch innerhalb der Humanmedizin gibt es verschiedene Anwendungsbereiche für die Technologie. CRISPR kann zum Beispiel in Zelltherapien gegen Krebs genutzt werden.»

So mächtig die CRISPR-Methode in Reddys Augen ist, so sehr benötigt sie seiner Ansicht nach eine klare Regulation, wenn es darum geht, Organismen nachhaltig zu verändern: «CRISPR könnte auch dazu genutzt werden, Mücken Malaria-resistent zu machen. In diesem Fall würden genmanipulierte Organismen in die Natur entlassen – mit allen Risiken, die das darstellt.»

Manipulierte Gene in der Natur

Für Beda Stadler, emeritierter Professor und ehemaliger Direktor des Instituts für Immunologie der Universität Bern, sind die ethischen Bedenken gegenüber einer Anwendung von CRISPR bei Embryonen nicht nachvollziehbar. «Die Angst vor Genmanipulationen ist unbegründet. Es gibt streng genommen keine Genmanipulationen, die nicht der Natur abgeschaut worden wäre. Bis jetzt hat die Gentechnik nichts erfunden, was die Natur nicht auch könnte.»

Stadler ist zuversichtlich, dass sich die Gesetzeslage in der Schweiz mittelfristig ändern wird: «Eingriffe ins menschliche Erbgut sind harmlos. Wir haben uns an Dinge gewohnt, die einmal grössere Probleme darstellten. So sitzen heute in jeder Schule in-vitro-gezeugte Kinder– und das ist völlig normal geworden.»

Für Stadler besteht die eigentliche Herausforderung darin, die Moral als naturwissenschaftliches Problem zu betrachten: «Wir Menschen müssen lernen, unsere Entscheidungen auf säkulare Prinzipien zu basieren und nicht mehr auf religiöse.»