Neue Zeugen im Fall Luca bringen bisherige Version ins Wanken

Nach elf Jahren wird die Walliser Staatsanwaltschaft kommenden Freitag neue Zeugen im umstrittenen Fall von Luca Mongelli befragen. Die neuen Befragungen könnte die offizielle Version der Walliser Behörden zum Tathergang ins Wanken bringen. Zudem kommen neue schwere Vorwürfe aus Italien.

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Neue Zeugen im Fall Luca

11 min, aus Rundschau vom 22.5.2013

Bewegung im Fall Luca Mongelli: Zwei Rettungssanitäter  und ein ehemaliger Chefarzt vom Spital Sitten sind zum ersten Mal von der Staatsanwaltschaft vorgeladen worden, wie die «Rundschau» berichtet.

Mit Spannung werden die Aussagen der beiden Ambulanzfahrer erwartet, die Luca im Februar 2002 ins Spital fuhren. In einem internen Rapport der Gemeindepolizei von Sion gab einer der beiden im September 2002 zu Protokoll, er habe grünliche Rückstände bei Luca im Analbereich gesehen.

Spuren beseitigt?

Laut dem Walliser Privatdetektiv Fred Reichenbach,  der seit Jahren im Auftrag der Familie Mongelli ermittelt, ist das Spital Sitten ein Schlüsselort,  um im Fall Luca die Wahrheit zu finden. Reichenbach: «Es stellt sich die Frage, ob es bei Luca nicht doch eine Einwirkung durch Menschen gegeben hat.» Für Reichenbach wirft die Theorie der Walliser Staatsanwaltschaft, wonach Luca vom Schäferhund der Familie Mongelli angegriffen wurde, immer mehr Fragen auf.

Luca im Rollstuhl von Journalisten umringt.

Bildlegende: Luca Mongelli lebt heute mit seiner Familie in Bari in Italien. Er ist seit der Tat blind und gelähmt. Keystone

Dem ehemaligen Chefarzt der am Freitag vom Staatsanwalt befragt wird, soll der grüne Schleim laut Reichenbach ebenfalls aufgefallen sein. Doch ein anderer Chefarzt habe offenbar Lucas Körper gereinigt und  mögliche Beweismittel einfach weggeworfen. Dies soll zu einem Streit zwischen den Chefärzten geführt haben, behauptet Reichenbach.

Weder das Spital Sitten noch die Staatsanwaltschaft wollen sich heute zu den Fragen der Rundschau vor der Kamera äussern, da es sich im Fall Luca um ein laufendes Verfahren handelt. Die Staatsanwaltschaft hat die Vorwürfe im Fall Mongelli an einer Medienkonferenz im Jahre 2012 zurückgewiesen.

Druck steigt

Die Walliser Staatsanwaltschaft kommt im Fall Mongelli nun auch unter Druck aus Italien, der Heimat von Luca Mongelli. Die Staatsanwaltschaft in Rom hat ein Strafverfahren im Fall eröffnet. Seit November 2012 ermitteln italienische Behörden im Fall Luca wegen schwerer Körperverletzung und versuchtem Mord. Anfangs 2013 haben italienische Experten im Auftrag der Familie Mongelli Gutachten erstellt, welche die Hundetheorie der Walliser Behörden entkräften soll.

Gegenüber der «Rundschau» sagt Nino Marazzita, Rechtsanwalt der Familie Mongelli in Rom:  «Der Hund hat nichts mit dem Fall zu tun. Wir haben Expertisen erstellt und gezeigt, dass die Verletzungen von Luca nicht von einem Hund stammen können. Die Rolle, welche die Walliser Justiz dem Hund zuschreibt, ist lächerlich, um nicht zu sagen tragisch lächerlich.»  Marazzita ist überzeugt, dass Luca Mongelli von einheimischen Jugendlichen zum Invaliden geprügelt wurde. 

Schwere Vorwürfe aus Italien

Der Römer Staranwalt erhebt schwere Vorwürfe gegenüber der Walliser Staatsanwaltschaft. Marazzita: «Ich frage mich, vielleicht war die Familie Mongelli nicht gern gesehen in der Schweizer Gemeinschaft, oder vielleicht bestand das Risiko, den guten Namen dieser Gemeinde zu beschmutzen. Ich weiss es nicht. Ich weiss nur,  jeder Grund nicht zu ermitteln ist absolut verächtlich.»

Weiter Marazzita zur «Rundschau»: «Wenn die Verfahren in Italien und der Schweiz  zusammen weitergehen, ist das gut. Wenn das Schweizer Verfahren eingestellt wird, dann wird das italienische sicher weitergehen. Denn Luca ist Italiener.»

Mysteriöser Fall

Luca lag am 7. Februar 2002 halbnackt und schwerverletzt im Schnee von Veysonnaz. Behörden gingen davon aus, dass der Schäferhund der Familie Luca schwere Verletzungen zugefügt hatte. Der heute 18jährige hat ausgesagt, dass ihn vier Jugendliche in den Schnee gedrückt und mit Holzästen geschlagen hätten. Er ist seit der Tat blind und gelähmt.