Nicht jede Grippe ist kein HIV

Der Bund lanciert die diesjährige Anti-Aids-Kampagne «Love Life». Statt überbordender Sinnlichkeit ein Pragmatismus, der die Früherkennung einer HIV-Infektion ins Blickfeld rückt. Ob sich damit so viel Aufmerksamkeit wie im letzten Jahr erzeugen lässt, darf allerdings bezweifelt werden.

Geschwollene Lymphknoten, Halsweh, Fieber und Nachtschweiss. Ein Krankheitsbild, dass uns rasch an die Grippe oder an eine winterliche Angina erinnert.

Tritt Unwohlsein dieser Art ausserhalb der Grippe-Saison und gar nach einem ungeschützten Schäferstündchen auf, könnte der HIV-Erreger im Spiel sein.

Frisch Infizierte sind hoch ansteckend

Das ist die Botschaft der neuen Anti-Aids-Kampagne «Love Life» des Bundes. «Bei den meisten Menschen treten kurz nach der Ansteckung mit HIV Krankheitssymptome auf, die ähnlich sind wie die einer Grippe», teilte das Bundesamt für Gesundheit (BAG) mit. Diese gelte es ernst zu nehmen.


Roger Staub vom BAG zum Ziel der neuen Kampagne

4:35 min, aus SRF 4 News aktuell vom 16.03.2015

Die neue «Love Life»-Kampagne fokussiert auf frisch Infizierte, weil diese Personen gerade in den ersten Wochen sehr ansteckend seien. Zudem könne eine Soforttherapie unter Umständen dazu beitragen, dass das Virus weniger Schaden am Immunsystem anrichtet.

Das BAG lanciert die neue Kampagne zusammen mit der Aids-Hilfe Schweiz und der Sexuellen Gesundheit Schweiz. Mit Radio-Spots und Anzeigen wird appelliert, bei Grippesymptomen nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr einen Arzt aufzusuchen.

Anti-Aids-Kampagnen-Plakat 2014. Zwei nackte Menschen lieben sich ein einer Badewanne. In der Bildmitte prangt das «Love-Life»-Emblem.

Bildlegende: Die Plakate 2014 erzielten eine hohe Aufmerksamkeit. Nicht alle waren positiv überrascht. PD

Kampagne unter Beschuss

Der letztjährigen «Love Life»-Kampagne hatte es an öffentlicher Aufmerksamkeit nicht gefehlt: Der Film dazu wurde über eine Million Mal angeschaut, die Website verzeichnete Hunderttausende Besucher. Das «Love Life»-Manifest ist über 178'000 Mal unterzeichnet worden.

Es sei gelungen, HIV und Safer Sex als wichtiges Thema in der öffentlichen Diskussion zu halten, hatte der Bundesrat in einem Bericht vom Herbst 2014 geschrieben. Doch die Kampagne löste auch breite Kritik aus.

Die Stiftung Zukunft CH störte sich am «hochsexualisierten» Inhalt der Plakate. Auch Parlamentarier monierten, dass diese keinen guten Einfluss auf die sexuelle Entwicklung hätten.

Mit der letztjährigen Kampagne befasste sich nach verschiedenen Klagen sogar das Bundesverwaltungsgericht. Dieses stoppte die «Love Life»-Kampagne vorerst nicht. Es erscheine fraglich, ob die Kampagne eine Gefährdung für Kinder und Jugendliche darstelle, argumentierten die Richter. Der Entscheid ist eine Zwischenverfügung, das definitive Urteil folgt.