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Notschlafstelle Basel Obdachlose willkommen, aber nur einheimische

Ist es die Aufgabe staatlicher Notschlafstellen, Arbeitsmigranten unterzubringen? Darüber streiten in Basel Obdachlosen-Organisationen und Behörden.

Legende: Audio Notschlafstellen für osteuropäische Arbeitssuchende? abspielen. Laufzeit 5:18 Minuten.
5:18 min, aus Rendez-vous vom 23.01.2017.

Die Kälte in der Schweiz treibt die Obdachlosen in die Notschlafstellen. In Basel sind das auch immer wieder Arbeitsmigranten – junge Männer aus EU-Ländern, die mit der Personenfreizügigkeit in die Schweiz kommen, aber keine Arbeit finden.

Sie haben zu wenig Geld, um sich eine Unterkunft zu leisten und müssen auf der Strasse übernachten. An kalten Tagen wie jetzt sei das gefährlich, sagt Claudia Adrario von der Basler Obdachlosen-Organisation «Soup & Chill».

Das Allerwichtigste ist: Auf Basels Strassen darf niemand erfrieren.
Autor: Claudia AdrarioPräsidentin der Obdachlosen-Organisation «Soup & Chill»
Claudia Adrario zusammen mit zwei Männern hinter der Theke.
Legende: Claudia Adrario serviert Suppe im «Soup & Chill». ZVG

Gratis Übernachtung in Notschlafstelle gefordert

Adrario fordert daher, dass Arbeitsmigranten gratis in der Notschlafstelle des Kantons übernachten können. «Das Allerwichtigste ist: Auf Basels Strassen darf niemand erfrieren.» Darin sind sich in Basel alle einig.

Doch ist ein Streit darüber entbrannt, wie lange Arbeitsmigranten auf der Notschlafstelle bleiben dürfen. Die Basler Behörden befürchten, dass Arbeitsmigranten einheimische Obdachlose aus der Notschlafstelle verdrängen könnten.

Wir brauchen immer eine gewisse Anzahl leere Betten, damit die hiesigen Obdachlosen auch noch spät abends Platz haben.
Autor: Christoph BrutschinBasler Regierungsrat

In einer eiskalten Nacht sollen sie einmal auf der Notschlafstelle bleiben dürfen, findet etwa Regierungsrat Christoph Brutschin. Dass sie mehrere Tage hintereinander dort zu übernachteten und die Notschlafstelle als Hotel benutzten, komme aber nicht in Frage.

«Wir brauchen immer eine gewisse Anzahl leere Betten, damit die hiesigen Obdachlosen noch Platz haben, wenn sie sich – oft sehr spät abends – entscheiden, ob sie in die Notschlafstelle gehen oder nicht.»

Geteilte Meinungen auch bei Obdachlosen-Organisationen

Bei den Obdachlosen-Organisationen gehen die Meinungen auseinander. Während die einen Arbeitsmigranten gratis übernachten lassen wollen, sind andere dagegen, wie etwa die Gassenküche, die für einen kleinen Betrag Essen an Bedürftige abgibt.

Sie wisse aus jahrelanger Erfahrung in der Gassenarbeit, dass Gratisangebote weitere Arbeitsmigranten anlockten, sagt Gassenküche-Leiterin Brigitta Tschäppeler.

Junge Männer liegen auf Betten am Boden in einem grossen Raum.
Legende: Pfarrer Siebers «Iglu» nimmt jene Obdachlosen auf, die die städtischen Notschlafstellen abweisen. ZVG

Runder Tisch soll Lösung finden

Ob das Zürcher Modell einer privaten Notschlafstelle für Arbeitsmigranten ein gangbarer Weg ist – darüber diskutieren nun in Basel Behörden und Obdachlosen-Organisationen an einem runden Tisch. Das Ziel ist, für den nächsten Winter eine gute Lösung zu haben.

Zürich machts vor

Auch in Zürich sind Arbeitsmigranten in der städtischen Notschlafstelle nicht willkommen. Seit fünf Jahren springt dafür die private Obdachlosen-Organisation von Pfarrer Sieber in die Bresche. Sie betreibt eine Notschlafstelle nur für Arbeitsmigranten.
Das Angebot habe sich bewährt. Es sei sinnvoll, Arbeitsmigranten getrennt von anderen Obdachlosen unterzubringen, weil sie andere Bedürfnisse hätten, sagt Stefan Haun, der die Notschlafstelle leitet.
«Bei uns geht es vor allem darum, die Leute zu informieren – wie die Schweiz funktioniert, wo es Chancen auf dem Arbeitsmarkt gibt. Zudem klären wir zusammen mit den Leuten ab, ob sie in der Schweiz überhaupt eine Perspektive haben.» Gegebenenfalls organisiere man mit den Betroffenen auch die Rückkehr in ihr Heimatland.
Die Arbeitsmigranten dürfen dort höchstens zehn Tage gratis übernachten. Dass ein solches Angebot eine Sogwirkung haben könnte, wie das auch die Zürcher Behörden befürchten, hält Haun für unwahrscheinlich. Die Auslastung der 25 Plätze liege durchschnittlich bei 17 Gästen pro Nacht.

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24 Kommentare

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  • Kommentar von Markus Feierabend (Quantenmechanik)
    Bei allen Argumenten: es ist unverantwortlich Leute erfrieren zu lassen. Egal welcher Nationalität. Es ist Aufgabe des Staates dies zu verhindern, egal was es kostet. Sonst sollten wir den Begriff Menschenrechte nicht mehr in den Mund nehmen.
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    1. Antwort von Manuela Fitzi (Mano)
      Diesem Argument zu Ehren: Hier reden wir über Stellensuchende, also nicht über Schutzbedürftige. Stellensuchende sollten vollkommen urteils- und handlungsfähig sein. Wir gehen hier auch davon aus, dass ihre Papiere i.O. sind. Demnach ist schwer anzunehmen, dass sie begreifen, wenn man ihnen sagt, dass sie nur zu Not eine Nacht hier verbringen können. Nicht den Begriff "Menschenrechte" aushöhlen! Bei Einheimischen setzt CH auf Eigenverantwortung, ausl. Stellensuchende müssen dies auch können.
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  • Kommentar von W. Pip (W. Pip)
    Toll, die Diskussion kommt also jetzt langsam auf. Wie wenn es niemald schon längst vorausgesagt hätte, dass wir zum Sozialdienstleister in Europa verkommen. DIe MEI-Befürworter werden nota bene immer kleinlauter, ausser in der Regierung, welche sich als freche Gewinnler gebahren.
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    1. Antwort von W. Pip (W. Pip)
      Korrigenda: meinte natürlich PFZ-Befürworter, nicht MEI. Herrschaft! ;-)
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  • Kommentar von Phil Bürgin (Toyo)
    Diese Arbeitsmigranten können dank PFZ in der Schweiz Arbeitslosengeld beziehen wenn sie vorher bereits in einem EU Land gearbeitet haben. Warum tun sie es nicht? Ebenso besteht später der Anspruch auf Sozialhilfe.
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    1. Antwort von W Streuli (Wernu)
      ®Hr.P.Bürgin, Wenn ich Sie richtig verstanden habe, kann also jeder, egal wo in Europa einen Job annehmen und wenn Ihm nach einer gewissen Zeit der Job aus welchen Gründen gekündigt wird, kann Er oder Sie dann in die CH einreisen und sich anmelden beim RAV? wenn ja, welches Einkommen wird denn da berechnet?
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