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Schweiz Offshore-Leaks: So arbeiteten die Journalisten

Die Enthüllungen über Machenschaften von Banken mit Steueroasen werfen weltweit hohe Wellen. Wie haben die international zusammengewürfelten Journalistenteams überhaupt gearbeitet? Dominique Strebel von «investigativ.ch», dem Netzwerk der Schweizer Investigativ-Journalisten, gibt Auskunft.

Zwei Frauen an einem weissen Sandstrand.
Legende: In der Karibik kann man baden – oder Gelder verstecken. Investigative Journalisten deckten die Mechanismen auf. Reuters

Die Enthüllungen über die Machenschaften der Steueroasen, bekannt als Offshore-Leaks, haben enorme Wellen geworfen – weltweit. Hinter den Berichten steckt das Internationale Konsortium Investigativer Journalisten (ICIJ). Wie aber arbeitete dieses Netzwerk? Und welche Bedeutung hat der investigative Journalismus in der heutigen Medienlandschaft?

Dominique Strebel von «investigativ.ch», dem Netzwerk der Schweizer Investigativ-Journalisten, und Studienleiter am Medienausbildungszentrum (MAZ), gibt Auskunft.

SRF: Was ist bei der Offshore-Leaks-Affäre einzigartig?

«investigativ.ch»-Präsident Dominique Strebel: Erstmals hat ein solch globalisiertes Phänomen wie das Steueroasen-Business einen ebenbürtigen Gegner gefunden: nämlich ein globalisiertes Journalisten-Netzwerk. Die Schlagkraft dieses Netzwerks ist gross. Hier kamen Programmierer, Computer-Forensiker mit Journalisten auf der ganzen Welt zusammen.

Wie haben die Journalisten diese ungeheure Daten-Menge – man spricht von einem Umfang von 2,5 Millionen Dokumente, was etwa einer halben Million Bibeln entsprechen soll – ausgewertet, wie gingen die Journalisten vor?

Die erste Phase begann vor etwa 15 Monaten, als das Konsortium ICIJ die Festplatte mit 260 Gigabyte Daten erhielt. Als erstes haben Computer-Forensiker diese heterogenen Daten durchsuchbar gemacht. Es war zunächst einfach ein Durcheinander von Scans, Word-Dokumenten, PDFs und so weiter. Programmierer mussten also zunächst Software schreiben, die es ermöglichte, die Daten überhaupt zu durchsuchen und dann zu strukturieren. Erst dann waren beispielsweise Personensuchen möglich. Diese Arbeit nahm 12 Monate in Anspruch.

Dann erst kam der Schritt zu einzelnen Medien in einzelnen Ländern – zum Beispiel die Schweiz mit den wichtigen Finanzplätzen Zürich und Genf. Dort wurden wichtige Aspekte und Fragen um diese Daten aufgearbeitet.  Die beteiligten Medienhäuser übernahmen und haben innert mehreren Wochen das Datenmaterial auf Geschichten heruntergebrochen. Zum Beispiel die Geschichte um Gunter Sachs, die verständlich macht, was diese riesige Datenmenge überhaupt zu erzählen hat.

Jetzt müssen weitere Medien Zugang zu den Daten erhalten

In der Schweiz sind an diesem Recherche-Desk nur die «SonntagsZeitung» und «Le Matin Dimanche» beteiligt. Der Rest – mit ihr die Öffentlichkeit – ist diesen Quellen sozusagen ausgeliefert. Ist dieses Informationsmonopol gut?

Da ist mir auch ein bisschen unwohl. Doch es ist bei einem ersten Schritt der Aufarbeitung dieser Daten fast unumgänglich, dass die ganze Information vorerst eng gehalten werden muss. Die ICIJ musste sich ja bei 46 beteiligten Ländern zunächst einmal auf einzelne Medienhäuser konzentrieren. Das ist in einem ersten Schritt verständlich. In einem weiteren Schritt jedoch muss das Datenmaterial auch für andere Medienhäuser in der Schweiz zugänglich gemacht werden. Zum Beispiel muss eine Regionalzeitung die Aspekte zu Beteiligten in ihrem Gebiet auswerten können, damit eine Diskussion in der Öffentlichkeit möglich wird. Dieser zweite Schritt muss kommen.

Das Konsortium ICIJ lebt ja von Stiftungsgeldern und Spenden. Ist das eine neue Art von Recherchejournalismus?

Ja, da ist etwas Neues entstanden. In den USA hat dies bereits Tradition. Da gibt es beispielsweise die «Pro Publica», eine von Stiftungen finanzierte Rechercheredaktion, die schon seit 2007 so arbeitet. Da die Verlage immer weniger Geld generieren, wird dieses System wohl weiter auf dem Vormarsch sein. Die Rechercheaufgaben werden wohl auch immer grösser. Unabhängige Information und Recherche wird also mehr und mehr von unabhängigen stiftungsfinanzierten Recherche-Desks bereitgestellt werden. In Europa entsteht das langsam, die Stiftung «Investigate» ist seit 2011 aktiv.

Beim traditionellen Journalismus ist im Moment vor allem vom Sparen die Rede, es werden Stellen gestrichen, Bereiche zusammengelegt. Hat sich die traditionelle Berichterstattung vom investigativen Journalismus abgemeldet?

Abgemeldet nicht. Medien haben immer noch die Möglichkeit, einen Unterschied zwischen kostenloser und bezahlter Information zu machen. Über investigativen Journalismus kann man Mehrwert schaffen. Dafür muss bezahlt werden - dies leuchtet allen Leuten ein. Beispielsweise Tamedia arbeitet so, indem sie an diesem Recherchedesk beteiligt ist. Das ist eine klare Entscheidung zugunsten der Investition in investigativen Journalismus. Das können natürlich nur die ganz grossen Medienhäuser. Da die Schweiz aber ein kleiner Medienraum ist, wird es wohl auch in Zukunft wenig solch investigative Recherchepools geben. Darum sind unabhängige stiftungsfinanzierte Journalistengremien wichtig.

Die Schweizer Medienlandschaft ist relativ klein. Darum werden manchmal unangenehme Fragen nicht gestellt.
Autor: Dominique StrebelPräsident «investigativ.ch»

Fehlt in der Schweiz eine Kultur der Recherche?

Die Schweizer Medienlandschaft ist relativ klein. Die Folge: Manchmal werden unangenehme Fragen nicht gestellt. Denn man wird sich wieder begegnen. Es besteht die Tendenz zum Filz. Leute, die diesen aufbrechen wollen, haben ein schweres Leben. Zudem sind wir – nicht nur in der Politik – konsensorientiert. Der Humus für diesen harten investigativen Journalismus ist also eher spärlich. Dennoch glaube ich, dass er mehr und mehr kommt. In den letzten fünf Jahren haben wir immer wieder wichtige Geschichten zur Schweiz gelesen, die dann auch Veränderungen bewirkt haben.

Dominique Strebel
Legende: Dominique Strebel maz

Dominique Strebel ist Präsident der Plattform «investigativ.ch». Zudem amtet er als Co-Studienleiter am Medienausbildungszentrum (MAZ) in Luzern. Er wurde mehrfach mit Journalistenpreisen ausgezeichnet.

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13 Kommentare

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  • Kommentar von Gugelmann, Giswil
    Aha, alles Etikettenschwindel - null Investigation. Alle Info befand sich auf einer Festplatte, die den Journalisten zugespielt wurde. Diese hatten nichts zu recherchieren, nur "Geschichten" zu schreiben.
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    1. Antwort von Hans Haller, Kölliken
      Da beim Geschichtenschreiben, dürfte das grösste Problem liegen. Jedenfalls ist heute schon erkennbar geworden, das es IN ist Verdächtigungen zu streuen und sich damit zunehmender Medenbeliebtheit erfreuen zu können. - Langsam beschleicht mich das Gefühl, dass eine ordentliche Justiz mit ordentlicher Rechtssprechung zur Detail-Nebensache wird, Hauptsache man einen Sündenbock am Pranger der Oeffentlichkeit, Brot & Spiele der neuen Art.
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  • Kommentar von christian strahm, aarau
    Ich bin der Ansicht, dass investigativer Journalismus den Sachverhalt überzeugend oder doch wenigstens einleuchtend darzulegen versteht und man einen Missstand auch begreift. Man habe eine Festplatte erhalten steht hier - bei John Pilger erfährt man, welche Firma an wen Waffen lieferte und es ist von ihm selbst erfragt und belegt worden. Wenn Banken ausplaudern lassen, so ist das kein investigativer Journalismus. Das ist weiterklatschen, ohne dass man dadurch schlauer wird.
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  • Kommentar von svea prankel, 86157 Augsburg - dtl
    großes Kompliment!!! - interessant, dass die gunther sachs geschichte in de Schweiz recherchiert wurde; in der SZ: Wo-ende Ausgabe auch recht aufschlußreich . Würde gerne ein paar € der schweizer Sektion von ICIJ zukommen lassen - auf welches Konto? Gruß u. Dank, s.prankel
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    1. Antwort von Rainer Fauser, 86154 Augsburg
      Sehr schön, den Feind in der Nachbarschaft zu haben. Wissen Sie eigentlich, dass es Fleiss und Erfindungsreichtum benötigt, ein Vermögen aufzubauen? Wissen Sie eigentlich, wie viele Arbeitsplätze die von Ihnen angefeindeten Unternehmer geschaffen haben? Aber ihr Linken scheint euch keinen Deut zu scheren, in fremder Leute Taschen zu greifen! Schämen Sie sich für Ihre Unfähigkeit, auf eigenen Beinen zu stehen!
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    2. Antwort von M. Murger, Hettenschwil
      @Fauser Genau! Es werden jetzt erstmal alle über einen Kamm geschert, ungeachtet, ob diese Vermögen legal versteuert sind oder nicht. Die Neider und "Kleinen" der Welt gegen die Reichen. Ich frage mich, wo diese ganze Hetze enden wird. Wenn einer einen "Göttisparbatzen" nicht versteuert - auch wenn der Betrag noch so klein ist - ist das genauso illegal und müsste im selben Masse angeprangert werden. Aber das ist ja nicht dasselbe, nicht wahr? Die Überwachung der Menschheit schreitet fort. P...
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    3. Antwort von Hans Haller, Kölliken
      Vorsicht mit Ihrem Kompliment. Nach wie vor gilt, dass eine ordentliche, durch die Justiz und Steuerbehörde durchgeführte Untersuchung zu machen ist. Bisher haben wir nur Verdächtigungen, Beschuldigungen und ein MedienSpektakel (à la Brot & Spiele) gesehen, mehr nicht. Dabei darf sogar ausgegangen werden, das am Ende bei einigen Betroffenen nur eine neue Art der Verleumdung übrig bleibt. - Das kann es wohl auch nicht sein.
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